Profis auf Tuchfühlung

Die Haltung von Büroarbeitern in Großraumbüros ist modern wie das Internet: Sie sorgt für vollständige Transparenz.

Nein, ich habe nichts gegen Witze. Allerdings kenne ich schon alle, auf jeden Fall alle Blondinenwitze. Wie versucht eine Blondine, einen Vogel umzubringen? Sie wirft ihn vom Balkon. Hahaha.

Was ist ein Skelett unter einer Treppe? Eine Blondine, die beim Versteckspielen gewonnen hat. Knihihi. Und so weiter und so weiter. Der Kollege mag halt Witze. Das merkt man daran, dass er selbst immer sehr laut lacht, wenn er sie erzählt.

Im Großraumbüro braucht man nur einen Witzeerzähler, und sofort haben 50 Leute gute Laune. Das ist sehr praktisch und einer der Gründe dafür, dass immer mehr Firmen die Synergien nutzen, die sich durch das Einreißen lästiger Wände ergeben.

Es verkürzt die Wege, spart Platz und stärkt das Gemeinschaftsgefühl. So kann man etwa beruhigend eingreifen, wenn man hört, wie sich ein Kollege lautstark am Telefon mal wieder mit seiner Frau darüber streitet, warum er den Müll nicht rausgebracht hat.

Man kann trösten, wenn man erfährt, dass die vierjährige Tochter der Kollegin schon wieder Durchfall hat – und dem netten Sitznachbarn, der täglich mit seiner Autowerkstatt telefoniert, technische Tipps für die Auspuffreparatur geben.

Auch Krankheitsausfälle werden durch große Arbeitseinheiten besser koordiniert. Ein Virus reicht, und zehn Leute schicken gleichzeitig einen gelben Zettel. Allemal besser planbar, als wenn die Kollegen erratisch übers Jahr verteilt krank werden.

Und überhaupt: die Transparenz. Da ist das Großraumbüro mindestens so modern wie das Internet. Jeder weiß alles über jeden, im Zweifel auch, wie oft er duscht. Dunkle Geheimnisse kann es nicht mehr geben. Kantersieg der Piraten.

Übrigens: Wie tötet eine Blondine einen Fisch? Hihihöhö. Sie drückt ihn zwei Minuten unter Wasser.

Erschienen am 22. Dezember 2012 in DIE WELT.
 
 

Eine Sammlung meiner in „Welt“ und „Hamburger Abendblatt“ erschienenen Kolumnen über den alltäglichen Familien- und sonstigen Wahnsinn gibt es jetzt unter dem Titel „Schrei mich nicht an, ich bin ein Wunschkind“ als günstiges eBook, und zwar hier.

 
Jens Meyer-Wellmann
Mehr über mich unter: http://www.meyer-wellmann.de

1 Kommentar

  1. Unglaublich, Bohlen kann auch Komplimente machen: „Für mich bist du Luft! Aber nichts brauche ich notwendiger als die Luft zum Atmen.“ zu einer Kandidatin, die mit 3 doppelten Ja weiterkam.

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