Profi im Hühnerstall

Ex-Landeschef, Ex-Innensenator, Ex-Generalsekretär und Ex-Minister Olaf Scholz kehrt als neuer alter Hamburger SPD-Vorsitzender in die Hansestadt zurück. Zunächst ist das für die sadomasochistischen Genossen an Alster und Elbe ein Segen. Schließlich muss endlich einmal ein Profi die egomanen Intriganten in Schach halten, die seit Jahren nichts anderes tun, als die eigene Partei zu ruinieren. Ein echter Neuanfang ist die Rückkehr des vor allem in Niederlagen erprobten x-fachen Ex aber nicht. Ein Kommentar.

Olaf Scholz ist nicht unbedingt ein geborener Gewinnertyp. Unter seinem Landesvorsitz (und zu seiner Zeit als Not-Innensenator) hat die Hamburger SPD 2001 die Macht verloren. Als Generalsekretär der Bundes-SPD musste er die für das Parteivolk schmerzlichen Hartz-Reformen und danach eine unendlich scheinende Kette von Wahlniederlagen verkaufen.

2004 dankte er, glücklos, auch als Hamburger Parteichef ab. Nach dem Beck-Sturz scheiterte er mit seinen Ambitionen, den Bundesvorsitz zu übernehmen. Und nun ist er zusammen mit seinen Genossen als Arbeitsminister mit dem historisch schlechtesten Ergebnis abgewählt worden – trotz erfolgreicher Arbeit, die Deutschland mit dem Kurzarbeitergeld vor horrenden Erwerbslosenzahlen bewahrt hat. → weiterlesen

Gewinnwarnung

Die Stadt Hamburg geht nicht gut um mit ihren Gewinnern. Ich zum Beispiel, der ich mich ohne jede Anmaßung zu dieser Kategorie zählen darf, ging am Mittwoch in meinen Lokstedter Lottoladen, lupfte meinen Schein mit den drei Richtigen und bat um Auszahlung des Gewinns von neun Euro irgendwas. Was aber tat der graugesichtige Mann hinter dem Plastiktresen? Er schüttelte den Kopf und weigerte sich, meinen Gewinn herauszurücken, ohne meinen Schein überhaupt anzunehmen.

„Der ist nicht von hier“, knurrte er und hatte recht. Ich hatte den Tippzettel, gierig auf den Jackpot, auf Rügen ausgefüllt. Offenbar hatte der Lokstedter Lottomann das schon aus der Distanz erkannt. „Gut“, sagte ich. „Und was bedeutet das? Soll ich etwa nach Rügen fahren, um meinen satten Gewinn einzustreichen?“ → weiterlesen

Pariser Fauxpas, oder: Sind uns (gute) Politiker wichtiger als (gute) Politik?

Es gibt kaum etwas Bigotteres als den periodisch aufwallenden Volkszorn gegen Politiker. Das Volk, so scheint es manchmal, gönnt ausgerechnet seinen eigenen Vertretern das sprichwörtliche Schwarze unter den Fingernägeln nicht.

Die Diäten der Abgeordneten sind ihm zu hoch, ihre Reisen zu teuer, und Dienstwagen sind per se suspekt. Dass viele der Empörten selbst als Angestellte ihre Dienstwagen privat nutzen (weil sie, wie Politiker, dafür bezahlen), gerät dabei schnell in Vergessenheit. Ebenso wie die Tatsache, dass selbst Spitzenpolitiker im Vergleich zu mittelmäßigen Managern ein mickriges Gehalt beziehen (und Spitzenkräfte daher nur selten in der Politik zu finden sind).

Die Franzosen sind da anders als wir. Sie gehen zwar schneller auf die Barrikaden, wenn es um unliebsame Reformen geht. Da nehmen die Mitarbeiter kurzerhand den Vorstandschef gefangen, wenn man sie feuern will. Bauern oder Arbeiter blockieren alle Autobahnen des Landes, wenn ihnen die Politik nicht passt, die ihre Regierung macht. Sie drohen auch gerne mal mit Generalstreik. Dem privaten Treiben ihrer politischen Klasse aber sehen die Franzosen gelassener zu als die Deutschen.

Mit einem Taxi nach Paris? Wäre billiger gewesen!

Von dieser französischen Leichtigkeit hat sich nun offenbar Hamburgs Innensenator Christoph Ahlhaus anstecken lassen. Der 40 Jahre alte CDU-Mann mischte Dienstliches mit Privatem, flog mit seiner Frau nach Paris und ließ Chauffeur und Dienstwagen von Hamburg nachkommen, um darin nebst Gattin die Stadt zu erkunden. Der Streit darüber, ob er gegen Bundes- oder gegen hanseatische Richtlinien verstoßen hat, hält an. Dass er das deutsche Gerechtigkeitsempfinden verletzt hat, ist bereits sicher. Deswegen wird auch in Hamburg derzeit hitzig über diese neue Dienstwagenaffäre diskutiert, die scheinbar zwischen dem Rathaus an der Alster und dem Eiffelturm spielt, in Wahrheit aber doch genau im Zentrum der deutschen Spießigkeit angesiedelt werden muss.

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Bloß nicht anfassen!

Keine Ahnung, wie es Ihnen geht, vielleicht bin ich auch einfach ein zu distanzierter Typ. Aber ich mag Politiker nicht anfassen. Auch im Wahlkampf nicht. Obwohl die Damen und Herren ja jetzt erhöhten Wert darauf legen, angefasst zu werden. „Politik zum Anfassen“ verspricht mir zum Beispiel der Hamburger SPD-Bundestagsabgeordnete Johannes Kahrs auf seinen Plakaten rund um die Alster. Auch seinen Genossen Markus Schreiber, den Herrn Bezirksamtsleiter, will er zum Anfassen zu seinen Bürgersprechstunden und Stammtischen mitbringen. Ich geh zu so was nicht hin.

Im ehrwürdigen Rathaus werden bei Tagen der offenen Tür seit Jahren „Politiker zum Anfassen“ angeboten – aus allen Parteien selbstverständlich, auch beim Körperkontakt muss schließlich der Proporz gewahrt bleiben. Wenn es wenigstens dabei bliebe. Aber nein. Neben Politikern bietet man uns überall Popstars, Fußballer, Wissenschaftler zum Anfassen.

Ich kann Sie nur warnen. Machen Sie das nicht mit! Auch aus medizinischer Sicht. Ich bin zwar kein Arzt, aber als Hypochonder ist man im Grunde besser informiert als all diese Kittelträger unter Gottes bewölktem Himmel zusammen. → weiterlesen

Hauptsache Kanzler. Name egal.

Dass nicht einmal Genossinnen und Genossen und auch nicht die roten Ex-Ministerinnen wissen, wie ihr SPD-Kanzlerkandidat, der Dingens heißt, also dieser Grauhaarige, oder jedenfalls wie er richtig geschrieben wird…

Naja. Ist doch wurscht. Namen werden sowieso schwer überschätzt. Der Typ (wie hieß er doch gleich?) ist jedenfalls spitze! Dieser Maier. Oder so. Ihr wisst schon. Muss Kanzler werden, der Mann!

Monika Griefdings ist jedenfalls bei Twitter und Facebook voll überzeugt:

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Facebook-Nachricht von Frau Griefdings

Stein? Äh… -Brück? Steinhäger? Meiermeyermayr?

Toller Auftakt, Mona Griffhuhn, hahn, äh. Hannover. Sehr schöne Stadt.

Wählen gehen! Alternative, äh, also wir, ich meine, uns.

Wen? Na den Franz-Wilhelm Starkmayr. Oder so ähnlich.

Sehr guter Mann! Und nicht die Erststimme. Äh. Vergessen.

Eine Sammlung von Jens Meyer-Wellmanns WELT-Kolumnen über den alltäglichen Familien- und sonstigen Wahnsinn gibt es unter dem Titel „Schrei mich nicht an, ich bin ein Wunschkind“ auch als eBook bei Amazon, und zwar hier.

Das Ole-Prinzip, oder: Die Entpolitisierung der Republik geht von Hamburg aus

Die Bundes-CDU weigert sich derzeit strikt, über politische Inhalte zu streiten. Anders gesagt: Sie verweigert den Wahlkampf. Erfunden wurde dieses Konzept in Hamburg. Bürgermeister Ole von Beust hat die CDU mit der radikalen Entpolitisierung der Politik in der Hansestadt zu beeindruckenden Erfolgen geführt. Nun eifert Angela Merkel ihm nach.

Tun wir mal kurz so, als wäre Politik in der Demokratie so etwas wie eine Auseinandersetzung unterschiedlicher Parteien um die besseren Konzepte zur Lösung gesellschaftlicher Probleme und zum Ausgleich von Interessengegensätzen. Es handelt sich ja nur um eine These. Wenn Politik also mit Inhalten zu tun hätte, was täte dann Ole von Beust?

Der Hamburger Bürgermeister ist 2004 mit dem Wahlslogan „Michel, Alster, Ole“ angetreten. Der Michel ist eine ältere Kirche in Hamburg, die Alster ist ein mitten in der Stadt zu einem Pseudo-See aufgestautes Flüsschen, und Ole ist, solange akzentfrei geschrieben, ein zweisilbiger Vorname, andernfalls ein iberischer Ausruf, den man mit schwarzäugigen Männern verbindet, die gerade einen müden Stier erdolcht haben. Kirche, Flüsschen, Vorname. Ein knackiges politisches Programm.→ weiterlesen

Lamm oder Laptop?

Entschuldigen Sie bitte, aber: Was tun Sie gerade? Nicht dass Siedas verraten müssten. Aber Sie dürfen, vielleicht wollen Sie sogar. Immerhin lassen mittlerweile Millionen Menschen die Welt freiwillig live an dem teilhaben, was sie gerade tun, denken oder fühlen. Auf Netzwerken wie Facebook oder Twitter veröffentlichen sie (ich auch) im Internet unentwegt, was sie umtreibt. „Bin müde“, „Trinke Kaffee in Honolulu“ oder „Ärgere mich über den Chef“, lassen sie ihre Freunde wissen – und oft stellen sie auch noch ein meist mit dem Handy geknipstes Foto dazu, das sie bei erwähnter Tätigkeit zeigt (oder den Chef in ungünstiger Pose). „What are you doing?“, fragt einen Twitter. Ich veröffentliche in diesem Moment die Antwort: „Schreibe eine Kolumne und weiß nicht weiter.“ (Kontrollieren Sie das ruhig unter www.twitter.com/jmwell).

Das ist toll, denn jetzt wissen meine Freunde um meine Schreibblockade, und vielleicht ist gerade einer in Paraguay oder Niedersachsen online und schickt mir ein paar aufmunternde Worte.

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Plädoyer für eine Medien-Flatrate

Es war Claus Strunz, der als erster prominenter deutscher Journalist aussprach, was viele Kollegen in unserer bedrohten Zunft denken und fühlen. Bei der Verleihung der „Lead Awards“ im Frühjahr forderte der Chefredakteur des „Hamburger Abendblattes“ von den Verlagsmanagern, endlich Ideen für neue Geschäftsmodelle vorzulegen, um den Qualitätsjournalismus auch online profitabel zu gestalten. „Wir Journalisten haben in den vergangenen Jahren mühsam unsere Lektionen in Sachen Online gelernt und machen heute weithin gute Angebote“, sagte Strunz laut Kress. „Was haben währenddessen die Verlagskaufleute getan, außer auf Podien zu erzählen, damit lasse sich kein Geld verdienen?“ Es sei nicht an den Journalisten, diese Zukunftsfrage zu beantworten.

Tatsächlich haben viele Verlagsführungen ja außer Achselzucken zur Diskussion um die überlebenswichtige Frage nach der Finanzierung von Qualitätsjournalismus bisher nur wenig beigetragen. Zu wenig. Sie haben die Strategie verfolgt, das Wertvollste, das sie haben, zu verschenken: die Arbeit ihrer Journalisten.

Die Arbeit von Journalisten ist mehr wert als nichts

Journalistinnen und Journalisten dagegen haben sich seit Jahren den Veränderungen gestellt. → weiterlesen

Sahnetorte macht schlank

Ist Ihnen eigentlich klar, was Ihre Füße über Ihr Liebesleben aussagen? Laut einer Studie haben diejenigen Ehen die größten Chancen auf lebenslanges Glück, bei denen die addierten Schuhgrößen der Partner nach europäischer Norm genau 80 ergeben. Je weiter die Zahl abweicht, umso wahrscheinlicher ist eine Scheidung.  Das Problem an dieser vor Jahren in Hamburg veröffentlichten Studie: → weiterlesen

Sinn-Index

Mitunter gehören Überraschungen zu den langweiligsten Dingen im Leben. Früher einmal hat mich meine Freundin am Vorabend meines Geburtstags mit fadenscheinigen Begründungen aus der Wohnung geschickt. Als ich nach Mitternacht zurückkehrte, war die Bude voll mit grölenden und meine Bierreserven vernichtenden Menschen, die mich zum Älterwerden beglückwünschen wollten. Beim ersten Mal habe ich mich gefreut. Im zweiten Jahr auch noch ein wenig (diesmal hatte ich zusätzliches Bier besorgt). Irgendwann nach dem fünften Mal ging die Beziehung in die Brüche.

So ähnlich ist es mit dem Ifo-Geschäftsklimaindex. → weiterlesen