Bloß nicht anfassen!

Keine Ahnung, wie es Ihnen geht, vielleicht bin ich auch einfach ein zu distanzierter Typ. Aber ich mag Politiker nicht anfassen. Auch im Wahlkampf nicht. Obwohl die Damen und Herren ja jetzt erhöhten Wert darauf legen, angefasst zu werden. „Politik zum Anfassen“ verspricht mir zum Beispiel der Hamburger SPD-Bundestagsabgeordnete Johannes Kahrs auf seinen Plakaten rund um die Alster. Auch seinen Genossen Markus Schreiber, den Herrn Bezirksamtsleiter, will er zum Anfassen zu seinen Bürgersprechstunden und Stammtischen mitbringen. Ich geh zu so was nicht hin.

Im ehrwürdigen Rathaus werden bei Tagen der offenen Tür seit Jahren „Politiker zum Anfassen“ angeboten – aus allen Parteien selbstverständlich, auch beim Körperkontakt muss schließlich der Proporz gewahrt bleiben. Wenn es wenigstens dabei bliebe. Aber nein. Neben Politikern bietet man uns überall Popstars, Fußballer, Wissenschaftler zum Anfassen.

Ich kann Sie nur warnen. Machen Sie das nicht mit! Auch aus medizinischer Sicht. Ich bin zwar kein Arzt, aber als Hypochonder ist man im Grunde besser informiert als all diese Kittelträger unter Gottes bewölktem Himmel zusammen. → weiterlesen

Hauptsache Kanzler. Name egal.

Dass nicht einmal Genossinnen und Genossen und auch nicht die roten Ex-Ministerinnen wissen, wie ihr SPD-Kanzlerkandidat, der Dingens heißt, also dieser Grauhaarige, oder jedenfalls wie er richtig geschrieben wird…

Naja. Ist doch wurscht. Namen werden sowieso schwer überschätzt. Der Typ (wie hieß er doch gleich?) ist jedenfalls spitze! Dieser Maier. Oder so. Ihr wisst schon. Muss Kanzler werden, der Mann!

Monika Griefdings ist jedenfalls bei Twitter und Facebook voll überzeugt:

griefahn_steindingens
Facebook-Nachricht von Frau Griefdings

Stein? Äh… -Brück? Steinhäger? Meiermeyermayr?

Toller Auftakt, Mona Griffhuhn, hahn, äh. Hannover. Sehr schöne Stadt.

Wählen gehen! Alternative, äh, also wir, ich meine, uns.

Wen? Na den Franz-Wilhelm Starkmayr. Oder so ähnlich.

Sehr guter Mann! Und nicht die Erststimme. Äh. Vergessen.

Eine Sammlung von Jens Meyer-Wellmanns WELT-Kolumnen über den alltäglichen Familien- und sonstigen Wahnsinn gibt es unter dem Titel „Schrei mich nicht an, ich bin ein Wunschkind“ auch als eBook bei Amazon, und zwar hier.

Das Ole-Prinzip, oder: Die Entpolitisierung der Republik geht von Hamburg aus

Die Bundes-CDU weigert sich derzeit strikt, über politische Inhalte zu streiten. Anders gesagt: Sie verweigert den Wahlkampf. Erfunden wurde dieses Konzept in Hamburg. Bürgermeister Ole von Beust hat die CDU mit der radikalen Entpolitisierung der Politik in der Hansestadt zu beeindruckenden Erfolgen geführt. Nun eifert Angela Merkel ihm nach.

Tun wir mal kurz so, als wäre Politik in der Demokratie so etwas wie eine Auseinandersetzung unterschiedlicher Parteien um die besseren Konzepte zur Lösung gesellschaftlicher Probleme und zum Ausgleich von Interessengegensätzen. Es handelt sich ja nur um eine These. Wenn Politik also mit Inhalten zu tun hätte, was täte dann Ole von Beust?

Der Hamburger Bürgermeister ist 2004 mit dem Wahlslogan „Michel, Alster, Ole“ angetreten. Der Michel ist eine ältere Kirche in Hamburg, die Alster ist ein mitten in der Stadt zu einem Pseudo-See aufgestautes Flüsschen, und Ole ist, solange akzentfrei geschrieben, ein zweisilbiger Vorname, andernfalls ein iberischer Ausruf, den man mit schwarzäugigen Männern verbindet, die gerade einen müden Stier erdolcht haben. Kirche, Flüsschen, Vorname. Ein knackiges politisches Programm.→ weiterlesen

Lamm oder Laptop?

Entschuldigen Sie bitte, aber: Was tun Sie gerade? Nicht dass Siedas verraten müssten. Aber Sie dürfen, vielleicht wollen Sie sogar. Immerhin lassen mittlerweile Millionen Menschen die Welt freiwillig live an dem teilhaben, was sie gerade tun, denken oder fühlen. Auf Netzwerken wie Facebook oder Twitter veröffentlichen sie (ich auch) im Internet unentwegt, was sie umtreibt. „Bin müde“, „Trinke Kaffee in Honolulu“ oder „Ärgere mich über den Chef“, lassen sie ihre Freunde wissen – und oft stellen sie auch noch ein meist mit dem Handy geknipstes Foto dazu, das sie bei erwähnter Tätigkeit zeigt (oder den Chef in ungünstiger Pose). „What are you doing?“, fragt einen Twitter. Ich veröffentliche in diesem Moment die Antwort: „Schreibe eine Kolumne und weiß nicht weiter.“ (Kontrollieren Sie das ruhig unter www.twitter.com/jmwell).

Das ist toll, denn jetzt wissen meine Freunde um meine Schreibblockade, und vielleicht ist gerade einer in Paraguay oder Niedersachsen online und schickt mir ein paar aufmunternde Worte.

→ weiterlesen

Plädoyer für eine Medien-Flatrate

Es war Claus Strunz, der als erster prominenter deutscher Journalist aussprach, was viele Kollegen in unserer bedrohten Zunft denken und fühlen. Bei der Verleihung der „Lead Awards“ im Frühjahr forderte der Chefredakteur des „Hamburger Abendblattes“ von den Verlagsmanagern, endlich Ideen für neue Geschäftsmodelle vorzulegen, um den Qualitätsjournalismus auch online profitabel zu gestalten. „Wir Journalisten haben in den vergangenen Jahren mühsam unsere Lektionen in Sachen Online gelernt und machen heute weithin gute Angebote“, sagte Strunz laut Kress. „Was haben währenddessen die Verlagskaufleute getan, außer auf Podien zu erzählen, damit lasse sich kein Geld verdienen?“ Es sei nicht an den Journalisten, diese Zukunftsfrage zu beantworten.

Tatsächlich haben viele Verlagsführungen ja außer Achselzucken zur Diskussion um die überlebenswichtige Frage nach der Finanzierung von Qualitätsjournalismus bisher nur wenig beigetragen. Zu wenig. Sie haben die Strategie verfolgt, das Wertvollste, das sie haben, zu verschenken: die Arbeit ihrer Journalisten.

Die Arbeit von Journalisten ist mehr wert als nichts

Journalistinnen und Journalisten dagegen haben sich seit Jahren den Veränderungen gestellt. → weiterlesen

Sahnetorte macht schlank

Ist Ihnen eigentlich klar, was Ihre Füße über Ihr Liebesleben aussagen? Laut einer Studie haben diejenigen Ehen die größten Chancen auf lebenslanges Glück, bei denen die addierten Schuhgrößen der Partner nach europäischer Norm genau 80 ergeben. Je weiter die Zahl abweicht, umso wahrscheinlicher ist eine Scheidung.  Das Problem an dieser vor Jahren in Hamburg veröffentlichten Studie: → weiterlesen

Sinn-Index

Mitunter gehören Überraschungen zu den langweiligsten Dingen im Leben. Früher einmal hat mich meine Freundin am Vorabend meines Geburtstags mit fadenscheinigen Begründungen aus der Wohnung geschickt. Als ich nach Mitternacht zurückkehrte, war die Bude voll mit grölenden und meine Bierreserven vernichtenden Menschen, die mich zum Älterwerden beglückwünschen wollten. Beim ersten Mal habe ich mich gefreut. Im zweiten Jahr auch noch ein wenig (diesmal hatte ich zusätzliches Bier besorgt). Irgendwann nach dem fünften Mal ging die Beziehung in die Brüche.

So ähnlich ist es mit dem Ifo-Geschäftsklimaindex. → weiterlesen

Sünden im Süden – jetzt kommt alles raus

Natürlich ist es verboten. Trotzdem habe ich es getan. Immer und immer wieder. Mit wachsender Lust. Ich saß in einem Restaurant in einer engen Gasse einer maurisch geprägten Stadt, in der man weiß, was Sommer ist und wie sich das Wetter in dieser Jahreszeit aufzuführen hat. Und ich versündigte mich. Die Menschen strömten vorbei, es wurde mit der Zeit immer enger und enger in der Gasse, man begann sich zu drängeln, an meinem Tischchen vorbei, die Gerüche nach gegrilltem Fisch, Parfums und Tabak wurden intensiver, und ich hörte alle Sprachen, solche, die ich kannte, und einige, die ich nie gehört hatte, und ich sah verstohlen nach all diesen Menschen, den Dicken und Dünnen, den hübschen Frauen und denen, die allein durch ihre Absonderlichkeit interessant wurden, ich lauschte den Lauten und den Flüsterern, während ich meinen Rosé trank (Rioja-Rosé, vielleicht war das schon eine Sünde).

Derweil hatte ich sie auf meinem Schoß liegen. Ich tat so, als sei nichts, gar nichts, ich redete nebenher mit meiner Frau, schimpfte mit meinen unentwegt kleckernden Söhnen, orderte allenthalben mehr Fanta oder Obst und Eis und Wein und doch verfolgte ich (vollkommen unbemerkt) mein sündiges Tun mit der größten Akribie. Alle zwei Minuten drückte ich ab. Ich sah sie nicht einmal, meine Opfer, aber ich wusste, dass ich sie traf. Während sie nichts davon merkten, klickte meine Nikon alle 120 Sekunden. Ich legte Wert auf diesen exakten Abstand. Ich weiß nicht warum. Es war ein Experiment. Oder Konzept-Kunst. So oder so: Es ging um Exaktheit. Egal ob Wissenschaft oder Kunst.  So etwas ist kein Spiel.

Mehr als 70 Fotos – und zwei Hände unter dünnen T-Shirts

Später, im Hotel, machte ich mich an die Auswertung. Wir hatten etwa zweieinhalb Stunden in dem kleinen Restaurant gesessen. Mehr als 70 Fotos hatte ich gemacht.→ weiterlesen

Weisheiten eines Richters

Es wären die Bürger, die nun endlich das Leistungsprinzip durchsetzen würden – gegen die Ego-Fetischisten in manchen Banken, Vorständen und an den Börsen. So hatte es ein konservativer Richter gehofft, der mit mir in einer nebligen Oktober-Nacht ein Bahnabteil teilte. Das war kurz nach Beginn der Krise. Heute sieht alles anders aus, oder schlimmer: alles gleich. Dieselben Akteure machen dieselbe Politik wie vor Krisenbeginn.

Es ist neun Monate her, da saß ich im muffigen Abteil eines hoffnungslos verspäteten Intercity, der quer durch eine nasskalte Nacht zurück von Berlin nach Hamburg fuhr, und fragte mich unentwegt, ob der Mann neben mir ein Rechter oder ein Linker sei, ein Revoluzzer oder ein Konservativer, ein Bewahrer oder doch ein Umstürzler. Er war um die siebzig, pensionierter Richter des Hamburgischen Oberverwaltungsgerichtes, las (so jedenfalls erzählte er es mir) täglich die FAZ und besaß ein kleines (halb ererbtes) Haus im gutbürgerlichen Hamburger Stadtteil Aumühle, dessen Garten seit seiner Pensionierung zu seiner großen Leidenschaft geworden war.

Zusammen mit seiner freundlichen aber nervösen Frau (die allezeit fürchtete, den rechtzeitigen Moment zum Ausstieg in Hamburg-Bergedorf zu verpassen) hatte er in den Tagen zuvor die Frauenkirche in Dresden besucht. Nahezu empört zeigte er mir einen Katalog der Ausstellung und beklagte sich über einige seines Erachtens viel zu moderne Kunstwerke, die dort zu sehen seien. Diese seien „unentschlüsselbar“ und also eine Zumutung, befand er apodiktisch.

„Ich bin konservativ, ich glaube an die Verantwortung des Staates“

Dann geschah das, was in diesen Tagen unvermeidbar war: Wir sprachen über die so genannte Finanzkrise. Er schüttelte den Kopf und sagte, er wundere sich darüber, dass die Bürger so ruhig blieben. Nein, er sagte nicht: die Arbeiter, die Angestellten, die Beamten, das Volk, die Arbeitslosen. Er sagte: die Bürger. Wie könne es denn sein, dass ein paar Manager, ein paar Banker und ein paar „Schreihälse an den Börsen“ Millionen und Abermillionen verdienten und dabei zugleich Familien und Menschenleben vernichteten, ohne dass „die Bürger“ sich wehrten? Und warum eigentlich werde seit Jahren in einer Art „elitärer Zwangsneurose“ alles privatisiert, was der Gemeinschaft diene und ihr deswegen auch gehöre? → weiterlesen

Grüne Volkspartei – dank Google-Prinzip

Es gibt Momente, da sitzt man gelangweilt auf dem Sofa und hat plötzlich eine erschreckende Erkenntnis.

Ich zum Beispiel saß vor ein paar Tagen in meinem Wohnzimmer, las einen langweiligen Roman, und schlagartig wurde mir klar: Ich kenne niemanden, der die Grünen nicht wenigstens halbwegs sympathisch findet oder fand oder bald finden wird.

Die Grünen. Ich weiß nicht mal mehr, worum es in dem Roman ging, es hatte mit belanglosen Erlebnissen langweiliger Taxifahrer im Hamburg der 80er Jahre zu tun, glaube ich, aber jedenfalls ging es nicht um Natur oder Urwald oder Sonnenenergie und auch nicht um die Türkei.

Keine Ahnung, wie ich plötzlich auf die Grünen kam, die von allen geliebten. Meine Erkenntnis war mir sofort ziemlich unheimlich, aber sie stimmte. → weiterlesen