Sünden im Süden – jetzt kommt alles raus

Natürlich ist es verboten. Trotzdem habe ich es getan. Immer und immer wieder. Mit wachsender Lust. Ich saß in einem Restaurant in einer engen Gasse einer maurisch geprägten Stadt, in der man weiß, was Sommer ist und wie sich das Wetter in dieser Jahreszeit aufzuführen hat. Und ich versündigte mich. Die Menschen strömten vorbei, es wurde mit der Zeit immer enger und enger in der Gasse, man begann sich zu drängeln, an meinem Tischchen vorbei, die Gerüche nach gegrilltem Fisch, Parfums und Tabak wurden intensiver, und ich hörte alle Sprachen, solche, die ich kannte, und einige, die ich nie gehört hatte, und ich sah verstohlen nach all diesen Menschen, den Dicken und Dünnen, den hübschen Frauen und denen, die allein durch ihre Absonderlichkeit interessant wurden, ich lauschte den Lauten und den Flüsterern, während ich meinen Rosé trank (Rioja-Rosé, vielleicht war das schon eine Sünde).

Derweil hatte ich sie auf meinem Schoß liegen. Ich tat so, als sei nichts, gar nichts, ich redete nebenher mit meiner Frau, schimpfte mit meinen unentwegt kleckernden Söhnen, orderte allenthalben mehr Fanta oder Obst und Eis und Wein und doch verfolgte ich (vollkommen unbemerkt) mein sündiges Tun mit der größten Akribie. Alle zwei Minuten drückte ich ab. Ich sah sie nicht einmal, meine Opfer, aber ich wusste, dass ich sie traf. Während sie nichts davon merkten, klickte meine Nikon alle 120 Sekunden. Ich legte Wert auf diesen exakten Abstand. Ich weiß nicht warum. Es war ein Experiment. Oder Konzept-Kunst. So oder so: Es ging um Exaktheit. Egal ob Wissenschaft oder Kunst.  So etwas ist kein Spiel.

Mehr als 70 Fotos – und zwei Hände unter dünnen T-Shirts

Später, im Hotel, machte ich mich an die Auswertung. Wir hatten etwa zweieinhalb Stunden in dem kleinen Restaurant gesessen. Mehr als 70 Fotos hatte ich gemacht.→ weiterlesen

Weisheiten eines Richters

Es wären die Bürger, die nun endlich das Leistungsprinzip durchsetzen würden – gegen die Ego-Fetischisten in manchen Banken, Vorständen und an den Börsen. So hatte es ein konservativer Richter gehofft, der mit mir in einer nebligen Oktober-Nacht ein Bahnabteil teilte. Das war kurz nach Beginn der Krise. Heute sieht alles anders aus, oder schlimmer: alles gleich. Dieselben Akteure machen dieselbe Politik wie vor Krisenbeginn.

Es ist neun Monate her, da saß ich im muffigen Abteil eines hoffnungslos verspäteten Intercity, der quer durch eine nasskalte Nacht zurück von Berlin nach Hamburg fuhr, und fragte mich unentwegt, ob der Mann neben mir ein Rechter oder ein Linker sei, ein Revoluzzer oder ein Konservativer, ein Bewahrer oder doch ein Umstürzler. Er war um die siebzig, pensionierter Richter des Hamburgischen Oberverwaltungsgerichtes, las (so jedenfalls erzählte er es mir) täglich die FAZ und besaß ein kleines (halb ererbtes) Haus im gutbürgerlichen Hamburger Stadtteil Aumühle, dessen Garten seit seiner Pensionierung zu seiner großen Leidenschaft geworden war.

Zusammen mit seiner freundlichen aber nervösen Frau (die allezeit fürchtete, den rechtzeitigen Moment zum Ausstieg in Hamburg-Bergedorf zu verpassen) hatte er in den Tagen zuvor die Frauenkirche in Dresden besucht. Nahezu empört zeigte er mir einen Katalog der Ausstellung und beklagte sich über einige seines Erachtens viel zu moderne Kunstwerke, die dort zu sehen seien. Diese seien „unentschlüsselbar“ und also eine Zumutung, befand er apodiktisch.

„Ich bin konservativ, ich glaube an die Verantwortung des Staates“

Dann geschah das, was in diesen Tagen unvermeidbar war: Wir sprachen über die so genannte Finanzkrise. Er schüttelte den Kopf und sagte, er wundere sich darüber, dass die Bürger so ruhig blieben. Nein, er sagte nicht: die Arbeiter, die Angestellten, die Beamten, das Volk, die Arbeitslosen. Er sagte: die Bürger. Wie könne es denn sein, dass ein paar Manager, ein paar Banker und ein paar „Schreihälse an den Börsen“ Millionen und Abermillionen verdienten und dabei zugleich Familien und Menschenleben vernichteten, ohne dass „die Bürger“ sich wehrten? Und warum eigentlich werde seit Jahren in einer Art „elitärer Zwangsneurose“ alles privatisiert, was der Gemeinschaft diene und ihr deswegen auch gehöre? → weiterlesen

Grüne Volkspartei – dank Google-Prinzip

Es gibt Momente, da sitzt man gelangweilt auf dem Sofa und hat plötzlich eine erschreckende Erkenntnis.

Ich zum Beispiel saß vor ein paar Tagen in meinem Wohnzimmer, las einen langweiligen Roman, und schlagartig wurde mir klar: Ich kenne niemanden, der die Grünen nicht wenigstens halbwegs sympathisch findet oder fand oder bald finden wird.

Die Grünen. Ich weiß nicht mal mehr, worum es in dem Roman ging, es hatte mit belanglosen Erlebnissen langweiliger Taxifahrer im Hamburg der 80er Jahre zu tun, glaube ich, aber jedenfalls ging es nicht um Natur oder Urwald oder Sonnenenergie und auch nicht um die Türkei.

Keine Ahnung, wie ich plötzlich auf die Grünen kam, die von allen geliebten. Meine Erkenntnis war mir sofort ziemlich unheimlich, aber sie stimmte. → weiterlesen

Diese Krise ist hausgemacht

Natürlich kann Ole von Beust nichts für die Probleme der Weltwirtschaft. Er ist auch nicht schuld, dass die Steuereinnahmen zurückgehen. Und doch tragen Bürgermeister und Senat einen Großteil der Verantwortung dafür, dass im Hamburger Haushalt eines der größten Löcher aller Zeiten klafft.

Fünf Milliarden Euro fehlen – das ist ein halber Jahresetat. Damit wird die Handlungsfähigkeit der Stadt drastisch eingeschränkt. Die Ursachen dieses finanzpolitischen Debakels liegen zumindest teilweise in der unsoliden Politik des Beust-Senates begründet. → weiterlesen

Vom Straucheln grüner Nachhaltigkeitspolitik

Die Hamburger Grünen (GAL) standen lange für einen seriösen Umgang mit Steuergeld. Diesen Kurs haben sie im bundesweit ersten schwarz-grünen Landesbündnis mit der CDU aufgeweicht. Das liegt nicht nur an der Krise. Vielmehr hat sich Schwarz-Grün in Hamburg ausgesprochen ehrgeizige Ziele gesetzt – die selbst unter normalen Bedingungen nur schwer nachhaltig zu finanzieren wären. Mit den lange geheim gehaltenen Millionenzahlungen an den Chef der nur mit Steuergeld überlebensfähigen HSH Nordbank hat die GAL endgültig ihre Unschuld verloren.

Schon lange bevor die GAL der SPD in Hamburg den Rücken kehrte, um sich 2008 mit der CDU einzulassen, trennte die einstigen rot-grünen Partner vor allem eines: der Umgang mit dem Geld. Obwohl beide nebeneinander nach 2001 in der Opposition saßen und gleichermaßen den Senat kritisierten, legte die GAL von Beginn der Ära Ole von Beust besonderen Wert auf „Nachhaltigkeit in der Finanzpolitik“. Soll heißen: Sie bemühte sich, nur solche Projekte vorzuschlagen oder zu befürworten, die auch bezahlbar schienen. Vor allem die grünen Haushaltspolitiker Willfried Maier und Anja Hajduk standen in der Bürgerschaft und im Bundestag für eine seriöse Finanzpolitik. Bei der SPD war das nicht immer so, sie agierte nach dem Machtverlust von 2001 in Hamburg lange Zeit nach dem Motto: In der Opposition kannst du alles fordern, denn bezahlen musst du es ja sowieso nicht. → weiterlesen

Die Netzigkeiten sind da

Nun ist er da – mein Blog „Meyer-Wellmanns Netzigkeiten“.

Ich arbeite als (politischer) Journalist in Hamburg, aber ich will mich hier künftig nicht ausschließlich über Hamburg und Politik auslassen – wenngleich das natürlich meine Kernthemen sind und es auch in diesem Blog bleiben sollen.

Hauptgrund für mich, ein Blog einzurichten, ist die Überzeugung, dass man als Journalist auf nichts mehr angewiesen ist, als auf eine permanente Rückkopplung mit seinen Lesern. Die Zeiten des Frontaljournalismus sind vorbei – umso wichtiger ist es mir, mich in einen offenen Dialog zu begeben.

Für die gesamte Medienbranche ist eine Zeit des Suchens und Fragens angebrochen. Niemand kann sicher sagen, ob es Journalismus, wie wir ihn heute kennen, auch in der Zukunft noch geben wird – oder ob die unmittelbare Nachrichtenvermittlung im Netz unserem Berufsstand langfristig den Todesstoß versetzt. Auch dies ist ein Thema, mit dem ich mich hier beschäftigen werde.

Es soll aber dazu auch immer mal Netzigkeiten aller Art geben – von schrägen Fundstücken im Web über verrückte Erlebnisse im journalistischen Alltag, Anekdoten aus der Welt der Politik, bis zu allgemeinen Betrachtungen zu geschrumpften Wasa-Knäcke-Packungen oder Weisheiten aus Lateinamerika, wo ich einen Teil meiner Jugend verbracht habe.

Mehr über mich und mein Anliegen steht unter „Über mich & mein Anliegen„.

Vom Verschwinden der Verantwortung

Immer seltener treten Politiker aufgrund eigener Fehlern zurück. Der Umgang mit den Milliardenverlusten der HSH Nordbank ist dafür nur ein Beispiel. Auch für die Kostenexplosion bei der Elphilharmonie, die Folgen des HEW-Verkaufs oder mitten in der Stadt verhungerte Kinder übernimmt niemand die Verantwortung.

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Vor ein paar Monaten hat er sich selbst als „Feuerwehrmann“ bezeichnet, den man beim Löschen nicht „erschießen“ dürfe. Natürlich hat dieses schiefe Bild den Hamburger Finanzsenator und CDU-Chef Michael Freytag nicht aus der Schusslinie gebracht. Und sie hat ihn auch nicht vor immer neuen Nachfragen zu dem Brand gerettet, den niemand gelegt haben und den er, Freytag, nun angeblich löschen will. Gemeint hat er das Debakel um die HSH Nordbank, dessen Ursachen seit vergangenem Mittwoch ein Untersuchungsausschuss der Bürgerschaft ausleuchten will. → weiterlesen

Wofür steht Ole von Beust wirklich?

Am 24. Februar jährte sich die Wahl, nach der Bürgermeister von Beust das erste Bündnis mit den Grünen schmieden konnte. 15 Jahre hatte der CDU-Politiker auf diese Machtoption hingearbeitet. Sein Erfolg beruht auch darauf, dass er seinen politischen Standort stets mühelos anpasst.

Sie haben ihn einen „Di-Mi-Do-Bürgermeister“ geschimpft, einen, der sich nur von Dienstag bis Donnerstag für Hamburg ins Zeug legt und es sich zwischen Freitag und Montag lieber auf Sylt gut gehen lässt. Oder einen Teflon-Politiker, an dem nichts kleben bleibt, nicht die ganze Kette von Schill- und Kusch-Skandalen und auch nicht das wiederholte Ignorieren von Volksentscheiden. Schließlich haben sie ihm vorgeworfen, er regiere gar nicht, er präsidiere bloß und kümmere sich nicht um wichtige politische Entscheidungen. → weiterlesen