Kniende Blondinen

Wenn achtjährige Jungs auf Kondomautomaten stoßen,
helfen am Ende nur die Vertreter des Vatikans

Keine Ahnung, wie Sie das sehen, aber ich bin ein großer Anhänger der Aufklärung. Schließlich soll der Mensch nicht dumm durchs Leben gehen, sondern klug werden. Dazu hilft nicht nur das Wissen um unser Sterben, wie es uns Psalm 90 lehrt, sondern auch eine gewisse Alltagskenntnis, etwa zum Thema Sex.

Als ich kürzlich (vor der aktuellen Klimakatastrophe) mit meinem achtjährigen Sohn eine Toilette an der Ostsee aufsuchte, stießen wir auf einen Kondomautomaten, und mein Sohn blickte interessiert auf das Gerät und das darauf klebende Foto einer nackt und rittlings knienden Blondine und fragte, was das sei und was die da mache.

Ich bin Befürworter der situativen Spontanaufklärung, und also setzte ich vor dem vergilbten Handwaschbecken zu einem kleinen Vortrag über Liebe, Kinderentstehung und Kinderverhinderung an. Gerade arbeitete ich mich zum Thema körperliche Vereinigung vor, als ich bemerkte, dass mein Sohn sich, offenbar zu Tode gelangweilt, längst verdünnisiert hatte und schon wieder am Strand mit seinem Bruder Fußball spielte. Ich stand etwas düpiert da und nahm mir vor, mich beim nächsten mysteriösen Automaten kürzer zu fassen.

Seit vergangenen Mittwoch weiß ich, wie ich das Thema in zwei Sätzen komplett erledigen kann. → weiterlesen

Schwarz-Grüne Agonie:

Das Ende eines Experiments

Das schwarz-grüne Experiment in Hamburg mag vielleicht nicht in Gänze gescheitert sein – aber es ist faktisch beendet. Was wir derzeit im Rathaus erleben, ist die bewusste Selbstdemontage einer Koalition. Da treibt der GAL-Fraktionschef Kerstan den CDU-Bürgermeister in Sachen HSH Nordbank ohne Rücksicht auf die Koalitionsharmonie öffentlich vor sich her. Da stellt CDU-Fraktionschef Schira die grüne Zweite Bürgermeisterin Christa Goetsch bloß, indem er die Bestrebungen zu einer Reform des Notensystems als unsinnig geißelt. Und nun tritt, mitten in der Beratung des schwierigsten Haushaltes seit Jahrzehnten, der CDU-Finanzsenator Carsten Frigge zurück. All das zeigt, dass dieses Bündnis inhaltlich und personell am Ende ist.

Zeichnete sich Schwarz-Grün zu Beginn im Jahre 2008 durch einen ausgesprochen vertrauensvollen Umgang der Partner miteinander aus, so grenzen sich die Koalitionäre derzeit gegeneinander ab, wo immer es geht. Es gibt auch kein gemeinsames Projekt mehr. Die Schulreform ist gescheitert, die Stadtbahn würde wohl auch keinen Volksentscheid überstehen. Was bleibt, ist ein → weiterlesen

Hamburgs CDU und die Nordbank:

Wegducken aus Tradition

Politiker haben es gut, denn sie haben Pressesprecher. Die kann man, wie jüngst Finanzminister Wolfgang Schäuble, benutzen, um seine schlechte Laune öffentlich abzureagieren. Man kann sie auch vorschicken, wenn man selbst keine unangenehmen Fragen beantworten will. So hat es am Dienstag Hamburgs Bürgermeister Christoph Ahlhaus (CDU) getan, der es nicht für nötig befand, das Aus für HSH-Nordbank-Chef Dirk Jens Nonnenmacher persönlich zu verkünden – und es den Hamburgern zu erläutern. Stattdessen schickte er seine Senatssprecherin mit einer dürren Erklärung vor.

Dieses Vorgehen ist in zweierlei Hinsicht symptomatisch. Erstens zeigt es, wie mutlos, ja ängstlich die Hamburger CDU mittlerweile agiert (oder besser: nicht agiert). Stets hatte Ahlhaus verkündet, er wolle ein „Bürgermeister zum Anfassen“ sein; kaum aber wird es handfest, da ist er weg.

Die Hoheit über die Entscheidung in der Causa Nonnenmacher hatte die Hamburger CDU ohnedies nicht mehr. Der Fall hat auch dem letzten Beobachter klargemacht, dass die Grünen Ahlhaus und die Hamburger CDU längst nach Belieben vor sich hertreiben. Platzt nämlich die Koalition, ist es für die CDU vorbei mit der Macht im Rathaus – für die GAL nicht. Sie hat mit der erstarkten Scholz-SPD schon den nächsten Partner parat.

Das gestrige Wegducken des CDU-Bürgermeisters ist aber auch noch in einem zweiten Punkt symptomatisch: → weiterlesen

Dunkelesser

Ich weiß nicht, ob es Ihnen aufgefallen ist, aber es wird jetzt früher dunkel. Bei uns gibt es einen Kollegen, der behauptet sogar, es werde früher dunkel als früher. Also nicht früher als vor Ende der Sommerzeit, sondern früher als in vergangenen Jahrzehnten. Er meint tatsächlich eine schleichende Verdunklung der Welt auszumachen, was andere, zutiefst bösartige Kollegen mit dem Hinweis konterten, es könne sich auch um eine subjektive Verdunklung durch persönliche Umnachtung handeln.

Viel mehr zu denken gab mir allerdings ein Gespräch zweier Kolleginnen, das ich kürzlich in der Kopierküche der Hamburger WELT-Redaktion (dort stehen neben Kopierern und Faxgeräten auch Kaffeemaschinen und so Zeugs) belauschte. Wohlgemerkt: unwillentlich belauschte – denn tatsächlich hätte ich mir die Besorgnis gerne erspart, die das Gespräch in mir hinterließ.

Sehr beeindruckt berichtete die eine Kollegin der anderen von einer neuen, wissenschaftlich überprüften Erkenntnis, dass sich mehrere Zehntausend Menschen seit einigen Jahrzehnten von Licht ernährten. Sie tränken nichts und äßen nichts und lebten ausschließlich von Lichtstrahlen. Es läuft wohl gerade ein Kinofilm, der von Licht essenden Yogis und Swamis handelt, und wie man hört, sehen viele der begeisterten Zuschauer so aus, als nähmen auch sie jeden Tag nichts als zwei Gläschen Osram-Saft zu sich.

Nun leben wir in einem freien Land, und jeder kann essen, was er will. Allerdings wirft die Lichtesserei doch einige Fragen auf. → weiterlesen

Last exit Nonnenmacher

Die Hamburger Grünen fühlen sich nicht mehr wohl im Bündnis mit der CDU – aus vielerlei Gründen. Wenn sie strategisch denken, verlassen sie die Koalition jetzt. Ein Anlass wird ihn gerade auf dem Silbertablett präsentiert.
Ein Kommentar.

Bevor du irgendwo reingehst, solltest du wissen, wie du wieder rauskommst. Diese neudeutsch als Exit-Strategie bezeichnete Weisheit sollten nicht nur Militärs beherzigen. Sie findet auch in der Politik Anwendung. Einen eleganten Ausstieg suchen derzeit zum Beispiel einige führende Figuren der Hamburger Grünen – und zwar aus dem Bündnis mit der CDU. Seit Ole von Beust alle Beteiligten mit dem Experiment Schwarz-Grün sitzen ließ, gibt es bei der GAL kaum noch jemanden, der mit voller Überzeugung zu dieser Koalition steht.

Das hat mehrere Gründe: → weiterlesen