Abschied von Anna: Der Tod unserer Tochter und der Umgang mit Leid

Vor 20 Jahren wurde unser Kind tot geboren. Ein Text über Schmerz, Trost und ein mysteriöses Zeichen



Nachdem unsere Tochter tot zur Welt gekommen ist, fahren wir zu McDonald’s. Wir haben sie gewaschen und angezogen, in ein Bastkörbchen gelegt und sie zugedeckt, als könnte sie noch frieren. Wir haben uns in der Klinikkapelle von ihr verabschiedet und dann hat der Bestatter sie geholt.

Und jetzt stehen wir ganz allein in der leeren Kapelle, meine Frau und ich. Es ist schon weit nach Mitternacht, und es gibt nichts mehr zu tun und nichts mehr zu sagen. Also nehmen wir uns an den Händen und gehen zum Parkplatz, steigen in unseren Wagen, schnallen uns an und fahren durch die Dunkelheit.

Es ist nicht vorgesehen, dass man aus einer Geburtsklinik ohne ein Kind nach Hause fährt, denke ich. Ich sehe, wie finster und leer die Straßen der Stadt sind, und ich fühle, wie leer auch wir sind. Vielleicht holen wir deswegen so spät in der Nacht noch so viele Cheeseburger und große Portionen Pommes und Chicken McNuggets aus dem Drive-in und essen sie in unserem Wohnzimmer ohne ein Wort und ohne jeden Skrupel und trinken dazu Bier: um diese Leere zu füllen.

Aber vermutlich haben wir einfach nur Hunger, vor allem meine Frau, denn auch ein totes Kind zu gebären, kostet Kraft. Ein totes Kind hilft nicht mit, es muss von der Mutter ganz allein hinausbefördert werden in eine Welt, die es gar nichts mehr angeht.

All das ist jetzt 20 Jahre her und während ich es aufschreibe, kommt es mir vor wie gestern. Aber je länger ich darüber nachdenke, umso klarer wird mir, dass es doch wirklich sehr weit zurückliegt. Denn es ist so viel geschehen seither mit uns, und so vieles davon hängt mit diesem Abend im Herbst 2003 zusammen.

Die bekannteste Buddha-Legende erzählt vom Verlust eines Kindes

Eine der bekanntesten Legenden des Buddhismus erzählt vom Verlust eines Kindes. Eine junge Frau namens Kisa Gotami hat ihren Sohn verloren und bittet den Buddha, ihn wieder zum Leben zu erwecken. Das werde er tun, verspricht der Erleuchtete, sie müsse ihm dafür nur ein Senfkorn bringen. Und dieses Senfkorn müsse aus einem Haus einer Familie stammen, in dem noch niemand gestorben sei. Kisa Gotami hat kein solches Haus gefunden, und ihr einziges Kind blieb tot. Aber sie verstand den Lauf der Welt und erkannte, dass das Leid in ihr allgegenwärtig und unvermeidbar ist. Niemand wird verschont.

Wir hatten erst im siebten Monat der Schwangerschaft von der schweren Erkrankung unserer Tochter erfahren. Danach setzten wir uns auf unsere kleine Terrasse, wir schwiegen und ich rauchte eine Zigarette, obwohl ich mir das Rauchen längst abgewöhnt hatte.

Der Wind strich sanft durch die beiden Birken vor dem Haus und ich erinnerte mich an das, was ein befreundeter Pastor einmal zu mir gesagt hatte: Gott ist nicht Blitz und Donner. Gott ist das Säuseln zwischen den Blättern.

Die Diagnose Trisomie 13 ist ein Todesurteil, auch wenn damit geborene Kinder noch für eine kurze Zeit leben können. Die vielen durch den Fehler im Erbgut hervorgerufenen Schädigungen reichen von Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalten, einem Nabelbruch und überzähligen Fingern bis zu unheilbaren Herz- und Gehirnschäden. Die Krankheit wird auch als Pätau-Syndrom bezeichnet, benannt nach dem deutsch-amerikanischen Humangenetiker Klaus Pätau, der sie 1960 erstmals als Folge der Verdreifachung des Chromosoms 13 beschrieb. Man schätzt, dass eines von 10.000 Kindern diese Genmutation aufweist.

Die Ultraschalldiagnostik in den ersten Monaten der Schwangerschaft hatte keine Auffälligkeiten gezeigt. Später haderten wir mit dem niedergelassenen Gynäkologen, der etwas zu spät und vielleicht auch nicht sehr genau untersucht hatte – sonst hätte er wohl bereits erste Anzeichen für Fehlbildungen finden können.

„Anna schläft“: Ihr Bruder gab ihr ein Spielzeugauto mit ins Grab

Wäre unser Gynäkologe ein besserer Ultraschalldiagnostiker gewesen, wäre unsere Tochter allerdings noch früher gestorben. Wir hätten uns doch zu einer Fruchtwasseruntersuchung entschlossen, die wir zunächst wegen der Risiken einer Fehlgeburt abgelehnt hatten. Und dann hätten wir schon im vierten Monat gesagt bekommen, was wir schließlich erst im siebten erfuhren: dass unser ungeborenes Kind unheilbar krank war, innerlich und äußerlich deformiert und nicht lebensfähig.

Wir hätten mit uns gerungen und uns am Ende für eine verspätete Abtreibung entschieden. Für einen früheren Abschied, ohne Erinnerungen an Tritte und Bewegungen, ohne ein Kind, das wir wenigstens begraben konnten. Und ohne dass es den Namen Anna für uns jemals gegeben hätte.

Als unsere Tochter tot zur Welt kam, herrschte Krieg. Wie auch heute fielen Bomben, Menschen harrten in Kellern aus, Tausende starben, Abertausende waren auf der Flucht, das Leiden war grenzenlos, und die Bilder davon waren überall. Damals im Irak. Heute in der Ukraine, in Israel und Gaza. Morgen irgendwo anders. Das Leid, das die Natur uns nicht zufügt, fügen wir uns gegenseitig zu.

Wir hatten, als Anna für kurze Zeit bei uns gewesen ist, bereits einen gesunden Sohn. Es gibt ein Foto, da steht der noch nicht einmal zweijährige Max neben dem Körbchen, in dem seine tote Schwester mit ihrem roten Gesicht liegt. Er drückt ihr mit dem Finger vorsichtig auf den Bauch, wie zur Begrüßung oder zum Abschied oder einfach nur, um festzustellen, was es mit diesem seltsamen Wesen auf sich hat. „Anna schläft“, hat er damals gesagt – und seiner Schwester eines seiner kleinen Spielzeugautos geschenkt, das später mit ihr begraben wurde.


Manchmal, wenn Menschen tief versinken in ihrer Trauer und Verzweiflung, dann fühlen sie sich wie getrennt von der Welt, so als seien sie vollkommen verlassen in ihrem Verlust und säßen einsam inmitten der Trümmer ihres Lebens, allein auf einem leeren Planeten. In Wahrheit aber gibt es keine größere Gemeinschaft als die Gemeinschaft der Leidenden. Denn zu ihr gehören alle Menschen.

Freunde verloren ihr einziges Kind bei einem Unfall: Kann es da jemals Trost geben?

Einer meiner ältesten Freunde ist genau in den knapp zwei Jahren zwischen den Geburten unserer ersten beiden Kinder Vater geworden. Das war nicht einfach gewesen, und beide Eltern waren überglücklich, als ihr Sohn auf die Welt kam, nennen wir ihn Anton.

Viele Jahre später, wenige Tage nach seinem 16. Geburtstag, machte Anton mit seinem neuen Motorrad eine Tour, zusammen mit einem Klassenkameraden. In einer Kurve vor ihnen stießen zwei Autos zusammen, weil es den entgegenkommenden Wagen aus seiner Spur getragen hatte.

Anton konnte nicht mehr bremsen, er krachte auf das Heck des Wagens vor ihm und war trotz Helm sofort tot. Sein Klassenkamerad, der ein Stück hinter ihm gefahren war, kam 50 Meter entfernt zum Stehen und wurde mit einem Schock in das nächste Krankenhaus gebracht.

Als Antons Mutter erfuhr, dass es einen Unfall gegeben hatte, rief sie bei der Polizei an. Sie habe gehört, in welches Krankenhaus Antons Begleiter gekommen sei. Und sie wolle gerne wissen, in welchem Krankenhaus denn ihr Sohn jetzt liege.

Die Polizistin schwieg für endlose Sekunden. Dann sagte sie: „Meine Kollegen werden gleich bei Ihnen sein.“

Das seit jenem Tag unberührte Kinderzimmer, der für immer freie Platz am Tisch und die Geburtstage des Toten: Diese unendliche Leere, das Fehlen ihres einzigen Kindes bestimmt das Leben unserer Freunde bis heute. Nichts ist so groß wie diese Leere.

„God is a concept by which we measure our pain“, singt John Lennon.

Bei der Beerdigung habe ich Antons Vater in den Arm genommen und er hat sehr lange nicht mehr aufgehört zu weinen. Später, auf der Rückfahrt nach Hamburg, habe ich mich immer wieder gefragt, ob es nicht irgendwo ein Mittel gibt gegen seinen unerträglichen Schmerz, aber mir ist nichts eingefallen.

Und ich habe überlegt, ob vielleicht wenigstens gewisse Grundannahmen über die Welt uns helfen können, wenn uns ein solcher Schlag ereilt, der uns fast umzubringen droht. Wäre Leid womöglich einfacher zu ertragen, wenn wir sicher wüssten, dass alles, das geschieht, nur den kalten Zufällen und Mechaniken eines fast leblosen Universums folgt? Dass ein Auto rein zufällig in der Sekunde aus einer Kurve getragen wird, in der ein blonder Junge mit seinem neuen Motorrad entgegenkommt und unter Tausenden Eizellen genauso zufällig die eine mutierte befruchtet wird? Kein Gott, kein Karma, kein Schicksal, nichts Persönliches!

Oder würde uns doch eher das Wissen um eine Vorsehung oder einen Gott trösten – selbst wenn dessen Wirken uns dann bisweilen so unergründlich grausam erscheinen müsste?

Der Schmerz wird bleiben, aber auch die Zuwendung so vieler Menschen

Religion als Glaube an größere Sinnzusammenhänge kann Menschen mitunter helfen, tiefste Krisen zu überstehen, das wissen auch Psychologen. Aber egal, ob jemand glaubt, oder nicht: Am Ende kommt es immer auf die Menschen an. Denn ein Gott selbst kann ja niemandes Hand halten, nicht umarmen oder sich einfach nur neben ein Bett setzen und zuhören. Dafür braucht es Menschen – so wie bei Antons Eltern.

Sie fanden sich in ihrer dunkelsten Stunde in einer großen Gemeinschaft. Familie und Freunde erwiesen sich als letzter, aber fester Halt in einer Zeit, in der Antons Eltern der Boden unter den Füßen verschwunden war. Bis heute bekommen sie regelmäßig Besuch von den Freunden ihres verunglückten Sohnes, an Antons Todestagen treffen sich die Klassenkameraden und stoßen auf ihn an.

Die große Anteilnahme, aber auch eine professionelle therapeutische Begleitung halfen unseren Freunden durch die finstersten Monate und Jahre. Ganz langsam brachten sie das Licht zurück, von dem es lange schien, als sei es für immer aus ihrer Welt gewichen. 

Der Schmerz wird bleiben. Bleiben aber wird auch die Zuwendung so vieler Menschen und die Erfahrung, dass sich zum Leid und zur Trauer der Trost gesellt hat.

Auch meine Frau und ich fanden in unserer Zeit mit Anna Halt in der Familie, aber auch bei Menschen, die wir vorher nie gesehen hatten: bei über jedes normale Maß hinaus engagierten Ärzten und Seelsorgern, zutiefst mitfühlenden Hebammen oder Selbsthilfegruppen.

Weil schon die Schwangerschaft mit unserem ersten Sohn nicht ganz ohne Komplikationen verlaufen war, hatten wir Anspruch auf eine besonders genaue Dopplersonografie gehabt. Wir waren bester Hoffnung zur Untersuchung in die Klinik gegangen, denn der niedergelassene Gynäkologe hatte ja alles für in Ordnung befunden. Dann aber entdeckte ein Assistenzarzt auf den Bildern eine Omphalozele, einen Nabelbruch, durch den Organe aus dem Bauchraum des ungeborenen Kindes herauswandern.

Unser an Krebs erkrankter Arzt kam extra für uns in die Klinik

Man kann so etwas operieren, und ich erinnere mich, dass ich in den Tagen danach auf dem Weg zur Arbeit, beim Einkaufen und vor dem Einschlafen immer wieder dachte: Dann bekommt unsere Tochter eben einen künstlichen Bauchnabel, das wird ihr Leben nicht beeinträchtigen. Nun aber war eine genauere Untersuchung nötig.

Der Altonaer Klinikarzt, der unseren Sohn gesund zur Welt gebracht hatte, war mittlerweile schwer an Krebs erkrankt, er hieß Goedecke. Obwohl er eigentlich gar nicht mehr arbeiten sollte, kam er nur für uns wenige Tage nach der ersten, beunruhigenden Untersuchung in die Klinik.

Was er fand, war Annas Todesurteil: weiße Flecken im Herzen, eine Lippen-Kiefer-Gaumenspalte und einen sechsten Finger an beiden Händen. Die Fruchtwasseruntersuchung brachte letzte Klarheit.

Als wir die Diagnose bekamen, lebte Anna noch und sogar ich konnte jetzt manchmal ihre Bewegungen spüren, wenn ich die Hand auf den Bauch meiner Frau legte. Wir gingen zu einem Termin bei der genetischen Beratung, den man damals in solchen Fällen automatisch bekam, und uns wurde erklärt, dass wir zwei Möglichkeiten hätten.

Die kleinen Bronzeengel des Pastors passten auch in geballte Fäuste

Die erste war: abwarten. Wahrscheinlich würde unsere Tochter im Mutterleib sterben, vielleicht aber auch lebend zur Welt kommen und uns wenigstes kurz, wenigstens einmal in die Augen sehen. Vielleicht würde sie sogar für einige Wochen am Leben bleiben, wenn auch unter schmerzhaften und schwierigen Umständen.

Die zweite: Wir konnten Anna durch die Bauchdecke meiner Frau eine Kaliumspritze ins Herz geben lassen. Dann wäre sie kurz danach tot. Eine Spätabtreibung, ihr Körper würde getötet, geboren und begraben.

Wir entschieden uns dafür, nichts zu tun und zu warten. Wir sagten uns, dass unsere kranke Tochter gut aufgehoben war, wo sie gerade noch wuchs und manchmal strampelte – und dass dies vielleicht der einzige Ort sein konnte, an dem es ihr jemals gut gehen würde auf dieser Welt.

Und ich wusste, dass all dies für meine Frau noch so viel intensiver und schmerzhafter war, denn sie war es, die unser krankes Kind in sich trug, und ich konnte einfach nur da sein.

Am Tag nach der Beratung schrieb ich eine Mail an Verwandte und Freunde und berichtete von Annas Diagnose. Vor allem meine Frau hätte es nicht ertragen, wenn sie immer wieder von den Unwissenden freudig nach Babykleidung oder Kinderbettchen gefragt worden wäre.

In jenen Tagen lernten wir den mittlerweile verstorbenen Altonaer Krankenhausseelsorger Heinz Padell kennen, die Hebamme Sigrid für besondere Kinder und Annette von LEONA, einer Familienselbsthilfe für seltene Chromosomenveränderungen. Annette beantwortete geduldig alle Fragen, auch wenn wir an manchen Tagen dieselbe Frage immer und immer wieder stellten. Sigrid bereitete uns wochenlang auf die Geburt vor und lachte immer dann, wenn ein Lachen gebraucht wurde. Heinz hörte zu, schenkte uns kleine Bronzeengel, die in geballte Fäuste passten, und umarmte schweigend.


Ein paar Monate später, es war trotz allem Frühling geworden, standen wir am Grab unseres Arztes. Unser jetzt zweijähriger Sohn Max warf eine Sonnenblume auf den Sarg des Mannes, der ihn und seine tote Schwester auf die Welt begleitet hatte und nun schon in seinen 50ern gestorben war. Wir drückten Goedeckes Frau die Hand, die in stiller Gefasstheit die Beileidsbekundungen entgegennahm.

„Manche sterben im Mutterleib, andere während der Geburt“, hatte in der Todesanzeige gestanden, gekennzeichnet als Buddha-Zitat. „Wiederum andere, wenn sie krabbeln, andere wenn sie gehen können. Manche sind alt, andere erwachsen. Und einer geht nach dem anderen, wie Früchte die auf den Boden fallen.“

Ich wollte Goedeckes halbwüchsigen Söhnen sagen, dass wir ihren Vater als einen wunderbaren, unendlich hilfsbereiten und mitfühlenden Menschen erlebt hatten. Aber als ich vor ihnen stand und sie ansah, ahnte ich, dass ein solcher Satz es ihnen womöglich noch schwerer gemacht hätte.

Streiten mit Gott – und ihm am Ende vertrauen: Wie Religionen Leid deuten

Von den großen Religionen haben wohl der Islam und der Buddhismus das abgeklärteste Verhältnis zum Leid. Christen sinnen schon seit jeher über die Theodizee nach, also über die Frage, wie denn Gott gleichzeitig allmächtig und gut sein könne, wo er doch so viel Leid zulässt.

Viele Muslime halten schon diese Frage für anmaßend. Alles kommt von Gott, glauben sie, es gibt keinen Dualismus von Gut und Böse. Nichts geschieht, das von Gott nicht so gewollt ist. Leid mag eine Strafe oder eine Prüfung sein: Eine der größten Tugenden eines Muslim ist die Geduld im Ertragen und Hinnehmen – Verzweiflung ist Gotteslästerung.

Gläubige Juden dagegen hadern und arbeiten sich ab an ihrem Gott und kommen ihm dabei sehr nahe – wie der biblische Jakob, der sich seinen Segen im nächtlichen Ringkampf mit dem Höchsten selbst ertrotzt. Wie die Psalmisten, deren Texte voll sind mit Klagen an einen Schöpfer, der sich für das Leid der Menschen nicht mehr zu interessieren scheint. Und wie der fromme und trotzdem leidgeprüfte Hiob, der Gott die Gerechtigkeit abspricht – bis dieser selbst ihm antwortet und Hiob einräumt, dass seine Einsicht wohl einfach nicht ausreicht, um Gottes Handeln in der Welt zu verstehen. Man kann Gott verwerfen – oder man muss ihm vertrauen. Und Hiob entscheidet sich. „Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen“, stellt er stoisch fest. „Der Name des Herrn sei gelobt.“

Kurz vor dem errechneten Geburtstermin haben meine Frau und ich uns von Klinikseelsorger und Pastor Heinz Padell in der Marktkirche in Hamburg-Niendorf trauen lassen. Ein paar Tage danach hörte Anna auf, sich zu bewegen.

Wir fuhren in die Klinik und meine Frau brachte unser totes Kind auf die Welt, fast genau am zu Beginn der Schwangerschaft berechneten Tag. Heinz Padell war es auch, der Anna beerdigte. Viele Freunde kamen mit ihren Kindern und die spielenden Jungs und Mädchen erfüllten die Wege zwischen den Grabsteinen mit Leben.

Die Welt über den Kindergräbern ist bunt. In dieser für die jüngsten Toten reservierten Fläche des Niendorfer Friedhofs liegen auch heute noch immer neue Spielzeuge auf den Grabsteinen, kleine Puppen und Autos, und neben der Magnolie drehen sich bunte Windräder in der Sonne.


Die Frage nach dem Sinn des Leidens bleibt in dieser Welt unbeantwortet wie die nach dem Sinn unserer Existenz. Wir sind hier und mit uns das Leiden, als sei es ein Teil von uns. Und jeder sucht zu seiner eigenen Zeit seinen eigenen Weg, damit fertig zu werden.

Ein guter Freund und früherer Nachbar, nennen wir ihn Armin, verlor vor vielen Jahren eine von ihm geliebte Frau noch jung an den Krebs. Ich erinnere mich, wie er in seiner Verzweiflung beinahe zerbrochen wäre, aber dann sammelte er sich, wohl auch durch seine Begegnung mit dem Buddhismus. Viele Jahre später verliebte Armin sich noch einmal, aber schon bald musste er mit ansehen, wie auch diese Frau an einer Krankheit zugrunde ging.

Nun ist er schon lange wieder allein, und doch auf wunderbare Weise ungebrochen. Er liest viel, läuft regelmäßig durch den Stadtpark, hört mit Begeisterung klassische Musik, und mit über 80 Jahren hat er noch einmal neu angefangen, Spanisch zu lernen. Jeden Morgen meditiert er für eine halbe Stunde wie ein Zen-Mönch auf seinem Sitzkissen, in einer Gruppe oder allein zu Hause. Aufrecht sitzend und willenlos atmend. Nichts erwartend. Still.

So etwas hatten wir noch nie gesehen. Oder waren wir geblendet von Trauer?

Am Abend nach Annas Beerdigung zündeten wir im Flur unserer Wohnung eine Kerze für unsere tote Tochter an, stellten sie neben die beiden Bronzeengel, die Pastor Padell meiner Frau und mir mitgebracht hatte, und gingen bald danach ins Bett. Als ich am nächsten Morgen in den Flur kam, glaubte ich nicht, was ich sah. Ich rief meine Frau und holte meine Digitalkamera, um Fotos zu machen. Aus der mittlerweile heruntergebrannten und erloschenen Kerze heraus hatte sich ein vielleicht zwei Zentimeter breites und fast 20 Zentimeter langes Wachsband gebildet, das schräg neben dem Kerzenständer herabgelaufen war, sich einmal in sich selbst gedreht und dann wie in einer Umarmung um die beiden Bronzeengel gelegt hatte.

So etwas hatten wir noch nie gesehen. Auf uns wirkte es in unserer Trauer wie ein letzter Gruß von Anna, wie die einzige in dieser Welt mögliche Umarmung unserer Tochter für ihre Eltern: ein Wachsband von ihrer Kerze um unsere Bronzefiguren.


Wir ließen die Engel und die Kerze viele Tage lang so stehen, und dieses besondere Stück Wachs bewahren wir bis heute. Man liest ja bisweilen von wundersamen Dingen, die sich in Wohnungen von gerade Verstorbenen ereignen sollen, von letzten Botschaften der Gegangenen, die die Hinterbliebenen für sich entschlüsseln und die ihnen Trost geben.

Vielleicht war es bloß der Wind, ein unbemerkter Durchzug, der dieses seltsam seltene Kunstwerk zufällig in dieser Nacht nach Annas Beerdigung geschaffen hatte. Reine Physik. Aber wer weiß das schon? Und wer will es so genau wissen?

Es ist viel schwieriger ein totes Kind anzuziehen als ein lebendiges

Etwas mehr als 15 Monate nach dem Tod unserer Tochter haben wir einen zweiten gesunden Sohn bekommen und ihn Paul getauft. Hin und wieder haben wir Annas Grabstein mit unseren Söhnen neu bunt bemalt und das Grab geschmückt und manchmal auf Radtouren bei Anna einen Zwischenstopp eingelegt.

Annas Geschichte nicht verdrängen, die Erinnerungen an unsere Tochter als Teil unserer Familiengeschichte bei uns behalten, aber unsere Söhne nicht belasten – das war unser Ziel. Erst viele Jahre später aber haben wir verstanden, wie tief der Tod unserer Tochter unser Familienleben geprägt und verändert hat, sogar das Leben unseres jüngeren Sohnes.

Niemand sprach häufiger über Anna als der kleine Paul, über seine Schwester im Himmel, fast jedem erzählte er von ihr. Und als er größer wurde, trieb ihn die Frage um, ob er denn heute leben würde, wenn Anna gesund gewesen wäre.

Jeder einzelne Verlust wirkt auf die Welt wohl viel tiefer, als vor allem ich es lange zu glauben versuchte – selbst der eines Kindes, das keinen einzigen Meter auf wackligen Beinchen über diesen Planeten laufen durfte.

Die Abwesenden hinterlassen bisweilen die tiefsten Spuren, manchmal auch für die, die erst nach ihnen kommen.


Vor ein paar Tagen lag ein Schreiben des Friedhofs in unserem Briefkasten. Wir müssen nun entscheiden, ob wir Annas Grab nach 20 Jahren noch erhalten möchten. Als ich den Brief las, sah ich plötzlich wieder jene graue Wickelkommode vor mir und ich stand im Perinatalzentrum des AK Altona und versuchte, meine tote Tochter anzuziehen. Und ich erinnerte mich, wie schwierig das gewesen war. Es ist viel schwieriger, einem toten Kind etwas anzuziehen als einem lebendigen Kind, das sich bewegt oder schreit, während es die Welt erschrocken, aber interessiert betrachtet. Anna betrachtete nichts.

Es gibt ein Foto aus jener Nacht, auf dem ich ein wenig linkisch an dieser Kommode stehe und Anna liegt darauf und meine Frau sitzt völlig erschöpft daneben und ich halte einen Strampelanzug in der Hand, auch ein passendes Jäckchen liegt bereit. Es gab damals noch keine Smartphones mit Kamera, ich weiß nicht mehr, wer das Bild gemacht hat, vielleicht eine der so einfühlsamen Hebammen oder jemand aus unseren Familien. Es waren alle gekommen, um bei uns zu sein.

Vielleicht war es Annas Geschichte, die mich ins Hospiz geführt hat

Im vergangenen Jahr habe ich eine Ausbildung zum ehrenamtlichen Sterbebegleiter absolviert und seit dem Frühjahr arbeite ich für ein paar Stunden pro Woche in einem Hospiz mit. Manchmal denke ich: Vielleicht bin ich an diesen Ort auch durch Annas Geschichte gelangt, durch das Gute, das wir in jenen Wochen erfahren haben von so vielen Menschen.

An manchen Tagen führe ich mit Gästen oder ihren Angehörigen dort lange Gespräche. Aber oft schmiere ich auch nur Brote oder drehe mit jemandem eine kurze Runde im Rollstuhl in der Sonne oder kaufe Zigaretten bei der Tankstelle für einen Gast und begleite ihn dann raus zum Rauchen und wir reden über Fußball oder das neue Stones-Album.

Obwohl es ein Ort des Abschieds ist, ist das Hospiz doch auch ein wunderbarer Ort, denn er ist auch voller Zuwendung, und dafür sorgen vor allem die einfühlsamen Pflegeprofis und das ganze Team. Seit ich dort hin und wieder meine Zeit verbringe, ist meine Hochachtung noch weiter gewachsen vor all den Menschen, die es zu ihrem Beruf gemacht haben, anderen zu helfen. Fast immer komme ich seltsam beseelt aus dem Hospiz zurück.

Meistens nehme ich mir dann auf dem Heimweg vor, mich künftig auf das Wesentliche im Leben zu konzentrieren und mich im Alltag nicht mehr über lauter banale Dinge aufzuregen. Aber natürlich gelingt mir das nicht, denn so bin ich nicht und so ist die Welt nicht.

Und dann geschieht Überraschendes: Tiefe Dankbarkeit durchfließt mich

Und jetzt, kurz bevor Annas Geschichte endet, stehen wir in unserer Küche und ich halte wieder den Brief des Friedhofs in der Hand. Und es geschieht etwas für mich vollkommen Überraschendes: Eine tiefe Dankbarkeit durchfließt mich.

Dafür, dass alles so gekommen ist. Dass es uns noch näher zusammengebracht hat, untereinander und mit so vielen anderen Menschen. Dass auch so viel Gutes in unseren Leben aus diesem großen Verlust entstanden ist.

Für einen Moment überlege ich, ob es vielleicht doch so vorgesehen war, alles, und ob vielleicht doch etwas dran ist an der Vorstellung, dass das Licht in der tiefsten Dunkelheit am hellsten strahlt. Dass das Gute, dass die Liebe sich auf unerklärliche Weise am stärksten im Leid zeigt.

Und dann verlängern wir die Pacht für das Grab unserer Tochter und schnappen uns unsere Hündin und gehen mit ihr vor die Tür und sie bellt vor Freude. Und ich weiß, dass wir heute etwas weiter mit ihr laufen werden, bis rüber zum Niendorfer Friedhof. Es ist gut, mal nachzusehen, wie es dort aussieht, denn in diesen Tagen wäre Annas 20. Geburtstag, und rund um den Geburtstag soll es schön aussehen, wo auch immer sie jetzt ist.


Erschienen am 4. November 2023 im „Hamburger Abendblatt“ und in der „Bergedorfer Zeitung“. Das PDF der Seiten findet sich hier.

2 Kommentare

  1. Ihre Worte haben mich sehr berührt. Meine Tochter kam 2018 mit einer Trisomie 13 auf die Welt, lebte einen Frühling lang und verstarb schließlich in meinen Armen. Ich erkenne mich in einigen Ihrer Gedanken und andere sind wieder neue Denkanstöße. Vielen Dank für diese Geschichte von Anna.

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