Dämlich und häppchenweise tot

Sorry, ich habe in dieser Woche einen restlos ausgeweideten Mann und viele gelbe Füße von länger oder kürzer Toten gesehen, deswegen bin ich nicht zum Scherzen aufgelegt. Man hört ja immer wieder, dass selbst Kriegsreporter in der Gerichtsmedizin in Ohnmacht fallen. Das ist mir nicht passiert, aber als ich später mit dem Fahrrad durch Hamburg fuhr, sah ich in all den sonnenbeschienen Gesichtern, selbst unter den roten Wangen junger Frauen, das müde Gelb des Todes hervorleuchten. Dabei ging mir pausenlos Goethes „Kaum einen Hauch, bald ruhest Du auch“ durch den Kopf.

Es heißt ja, allein das Wissen um unseren Tod mache uns zu kulturellen Wesen, zu Dichtern, Malern oder Musikern, weil wir alle unentwegt um Ewigkeit rängen und Großes erschaffen wollten, das uns und das Ende der Zeit überdauern solle. Mag sein, aber das nützt mir nichts, nicht einmal den Künstlern nützt es. Er werde später in den Herzen der Amerikaner weiterleben, hat einmal ein Journalist zu Woody Allen gesagt. „Entschuldigung“, fragte der zurück, „könnte ich auch in meinem Appartement weiterleben?“

Glücklicherweise gibt es ja die Medizin. Da kann man sich der Hoffnung hingeben, der Tod sei irgendwann womöglich heilbar. Bis dahin heilen wir Krankheiten, und wenn wir auch da nicht weiterkommen, erfinden wir neue, heilbare Krankheiten, um uns zu beweisen, dass wir das Bedrohliche besiegen können. Kürzlich las ich, dass es eine neue Gegenkrankheit zur Hyperaktivität gibt, die sich „selektiver Mutismus“ nennt. Diese furchtbare Erkrankung führt laut Wikipedia dazu, dass ein Mensch „in bestimmten Situationen schweigt“. Leider kenne ich zu viele Leute die nicht an dieser Krankheit leiden. → weiterlesen

Vom Bürgermeister zum Pizzabäcker

Wechselt jetzt auch der bisherige Hamburger Senatschef Ole von Beust in die Wirtschaft – als Kneipier am Gardasee?

Nicht irgendwann, nein „zeitnah“ werde Ole von Beust nach seinem Rücktritt zum 25. August sich neuen Herausforderungen stellen, hieß es in der ablaufenden Woche aus dem Rathaus.

Das mysteriöse Zuckertütchen aus Italien (Foto: Fabricius)
Das mysteriöse Zuckertütchen aus Italien (Fotos: Bertold Fabricius)

Wie genau sich der Noch-Bürgermeister herausfordern lassen will, ließ man offen. Die Stadt spekulierte auf Politikberatung, Juristerei, womöglich freie Autorenschaft. Wobei man von Beust nicht unterstellen mag, dass er als Kolumnist seinen Senf für die nächsten 30 Jahre auf jede Wurst schmiert, die gerade öffentlich gegrillt wird. Das überlässt Michel-Alster-Ole vermutlich auch in Zukunft den überaus klugen sozialdemokratischen Altbürgermeistern V. und v. D.

Einen Wechsel in die freie Wirtschaft jedenfalls, das ließ der gelernte Anwalt unlängst durchschimmern, könne er sich sehr gut vorstellen. Womöglich hat dieser Wechsel aber doch mehr mit Wurst und Senf, jedenfalls mit Kulinarischem zu tun.

Rückseite des italienischen Tütchens
Rückseite des italienischen Tütchens

Ein mysteriöses Zuckertütchen, das uns von einer treuen WELT-Leserin zugespielt wurde, legt nahe, dass der Bürgermeister seinen Wechsel in die (Speise-)Wirtschaft bereits vorbereitet hat – als Pizzabäcker am Gardasee. Ist womöglich der Backofen in der „Casa Beust“ im italienischen Torbole sul Garda Oles neue Herausforderung?

Wie es unsere Art ist, sind wir allen durch das Tütchen aufgeworfenen politischen Fragen unmittelbar investigativ nachgegangen – bisher leider erfolglos. Im Rathaus speiste man uns gewohnt wortkarg ab. Auf Zuckertütchen verbreitete Gerüchte, hieß es aus dem unmittelbaren Umfeld des Bürgermeisters, kommentiere man grundsätzlich nicht.

Erschienen am 24. Juli 2010 in WELT und WELT ONLINE. Eine Sammlung von Jens Meyer-Wellmanns Kolumnen über den alltäglichen Familien- und sonstigen Wahnsinn gibt es unter dem Titel „Schrei mich nicht an, ich bin ein Wunschkind“ auch als eBook bei Amazon, und zwar hier.
 

Volkssport Plebiszit

Besonders energisch wird der Mensch im Allgemeinen, wenn er nicht für, sondern gegen etwas ist. In Hamburg entlädt sich diese Energie in jüngster Zeit vor allem in Volksinitiativen und Bürgerbegehren. Da wird der Hamburger initiativ gegen Bürohäuser, gegen Schulreformen, gegen Kita-Gebühren und nun gegen die Freiheit der Volksvertreter, Volkes Eigentum zugunsten der Staatskasse zu verkaufen.

Wahr ist: Ein Gemeinwesen kann sich über mitwirkende Bürger nur freuen. Insofern ist die Stärkung von Plebisziten ein Erfolg. Wahr ist aber auch: Man muss kein Arzt sein, um zu wissen, dass alles im Leben eine Frage der Dosis ist. Und Hamburgs Politik ächzt mittlerweile unter einer Überdosis direkter Demokratie.

Die jüngste Abstimmungsinflation hat zweierlei gezeigt: Erstens ist es meist nur ein kleiner Ausschnitt der Gesellschaft, der Volksentscheide für sich einsetzt und sich an ihnen beteiligt. So haben an der Abstimmung über die Schulreform vor allem die gut organisierten Gegner teilgenommen. Die (angeblichen) Nutznießer, die eher in sozial schwächeren Schichten zu vermuten sind, haben sich kaum beteiligt.

Zweitens schickt sich das Plebiszitäre, das die repräsentative Demokratie ergänzen sollte, nunmehr an, die Parlamente zu ersetzen. → weiterlesen

Schlecht vorbereitet

Wer Christa Goetsch einmal in Aktion erlebt hat, der weiß, dass diese Frau keine halben Sachen macht. Nicht nur als Hamburger Schulsenatorin, auch als Pädagogin brennt sie für das, wovon sie überzeugt ist. Sie weiß, dass es eine Schicksalsfrage für unsere Gesellschaft ist, dass die Schulen nicht immer mehr Bildungsverlierer produzieren. Kurzum: Christa Goetsch ist eine Überzeugungstäterin. Umso tragischer dürfte es für sie sein, dass die Hamburger ihrer Reform jetzt per Volksentscheid einen Riegel vorgeschoben haben.

Das Problematische an Überzeugungstätern aber ist, dass sie sich schwertun, auch die andere Seite zu sehen. → weiterlesen

Aufhören!

Chef weg, zentrales Projekt kaputt, Stimmung mies, Aussichten noch mieser: Die schwarz-grüne Regierung ist am Ende. Sie muss aufhören. Es muss Neuwahlen in Hamburg geben.

GAL-Fraktionschef Jens Kerstan hat gestern gesagt, man würde die parlamentarische, repräsentative Demokratie ad absurdum führen, wenn man wegen einer Sachentscheidung der Bürger (wie über die Primarschule) immer gleich das Parlament auflösen müsste. Das mag sein, es ist aber bestenfalls ein Viertel der Wahrheit. Denn wir haben nicht nur einen Volksentscheid erlebt, bei dem sich gezeigt hat, dass diese Bürgerschaft, in der alle Abgeordneten für die Primarschule gestimmt haben, die Bürger eben ganz und gar nicht repräsentiert. Es ist mit Ole von Beust zugleich der Chefarchitekt des schwarz-grünen Bündnisses mitten in schwerster See von der Brücke getürmt – anders, als er es in den vielen „Kapitän bleibt an Bord“-Interviews der letzten Wochen und Monate immer wieder versprochen hatte. Nicht gerade eine vertrauensbildende Maßnahme – nicht innerhalb der Koalition und auch nicht zwischen Regierung und Bürgern.

Die Legitimität ist doppelt futsch

Mit CDU-Landeschef Michael Freytag hatte schon im März der zweite Baumeister des Bündnisses hingeschmissen. Übrig bleibt nur die grüne Schulsenatorin Christa Goetsch, die Mutter Courage der links- und rechtsbürgerlichen Wiedervereinigungskoalition. Ausgerechnet sie will im Amt bleiben. → weiterlesen