Erdabstoßung

Es gibt Tage, da liegt einfach alles herum. Gestern Morgen bin ich barfuß in eine Horde Piraten getreten, die mir vor dem Hemdenschrank auflauerte (einer büßte mit einem ausgekugelten Plastikarm). Vorher hatte ich bereits mehrere Hände voller Schwerter und Armbrüste von der vorabendlichen Seeschlacht der bei mir wohnenden Freibeuter aus der Wanne geräumt, um halbwegs unverletzt eine Dusche zu nehmen. Ein paar Meter vor der Haustür übersprang ich nur knapp die Hinterlassenschaft des benachbarten Mops-Pudels, dessen Herrchen stets freundlich grüßt, während seine Milka mit krauser Stirn auf den Gehweg stoffwechselt. An der Hauptstraße wehte mir der Aschewind eine leere Bierdose entgegen. Und beim Arzt (reine Routinesache) lag schließlich eine vom Glastisch gerutschte Zeitschrift direkt auf meinem Weg zum letzten freien Stuhl.

Ich gehöre nicht zu den Zwangsneurotikern, die ihre Stifte im rechten Winkel auf dem Schreibtisch anordnen (nur schief geschnittener Käse stürzt mich in schwere Krisen). Dennoch spürte ich, während ich im Wartezimmer saß, eine unbändige Sehnsucht nach Ordnung. Ich malte mir aus, wie ordentlich es auf diesem Planeten aussehen könnte, wenn die Erdanziehungskraft sich schlagartig in eine Erdabstoßungskraft verkehren würde. → weiterlesen

Mein Hamburger Lieblingsort:

ein fruchtbares Möbel am Wasser

In einer Serie stellen WELT-Mitarbeiter ihren Lieblingsort in Hamburg vor – erzählen Persönliches, Skurriles und Überraschendes. Teil 16 widmet Jens Meyer-Wellmann einer Bank an der Alster.

Natürlich: Früher war das Gras grüner, der Kohl fetter, und öffentliche Sitzmöbel im Freien sind auch nicht mehr, was sie einmal waren. Das gilt besonders für eine Bank an meinem Lieblingsort, einem kleinen Landvorsprung am Alsterufer der Schönen Aussicht, etwa hundert Meter neben dem Café „Hansa-Steg“. Damals, weit zurück im letzten Jahrtausend, stand dort, wenn mich meine Erinnerung nicht behumpst, eine alte, mit eingeritzten Herzchen übersäte Sitzbank, kaum einen Meter entfernt vom Wasser. Sie duckte sich hinter ein hohes wildgrünes Gestrüpp, dessen sich noch kein Großstadtgärtner angenommen hatte, sodass, wer hier Platz nahm, von der Straße in seinem Rücken aus nicht zu sehen war. Vorne das Wasser, jenseits davon die leuchtende Stadt und ringsherum nichts als wildes Grün.

Früher schützte hohes Gestrüpp die Geheimnisse dieses Ortes, der Bank an der Schönen Aussicht. Foto: Bertold Fabricius - www.pressebild.de
Früher schützte hohes Gestrüpp die Geheimnisse dieses Ortes, der Bank an der Schönen Aussicht. Foto: Bertold Fabricius

Bisweilen tranken Obdachlose hier ungestört ihren Fusel und ließen, während sie über das Glück des offenen Himmels philosophierten, den Blick über das Panorama ihrer Stadt gleiten: links die Kirchen, das Rathaus, mittig die Brücken, dann das herausragende Hotel und der schlanke Fernsehturm.

Wer auf meiner Bank saß, der saß zugleich mitten in der Großstadt und in größter Abgeschiedenheit. Die Geräusche der Autos, Busse und Bahnen, die nach Sonnenuntergang als rote und weiße Punkte über die Kennedy- und Lombardsbrücke schwebten, drangen höchstens als sanftes Gemurmel über die Alster und wurden allenthalben vom Plätschern des Wassers oder dem Quaken rabiater Erpel übertönt.

Ein guter Ort, um ein Kind zu zeugen

Natürlich war dies ein Ort, den man, wenn man sich nicht gerade tiefsinnige Gedanken zu machen gedachte, nicht unbedingt allein aufsuchte. Meine Bank war eine Bank, die (wie fast jede Bank) nach mehr als einem Menschen verlangte, nach einer Gemeinschaft, einem Paar, nach Liebe. Und so kam es, dass ich hier, mit Blick auf die Türme der schlafenden Hansestadt→ weiterlesen

Zuviel der Zumutungen

Im Juli stimmen die Hamburger über die Einführung der sechsjährigen Primarschule in einem Volksentscheid ab. Es wird mit einem knappen Ergebnis gerechnet. Trotzdem hat der schwarz-grüne Senat in den vergangenen Wochen unabhängig von der Schulreform eine bildungspolitische Entscheidung nach der anderen getroffen, die die Eltern weiter belasten und verunsichern. Ein Kommentar.

Der Senat legt es offenbar darauf an, den im Juli anstehenden Volksentscheid über seine Schulreform mit Hagel und Granaten zu verlieren. Anders lässt es sich kaum erklären, dass aus dem Rathaus derzeit fast nur Meldungen kommen, die geeignet sind, die Eltern in dieser Stadt zu verunsichern.→ weiterlesen

Letzte Worte

Wer es zu etwas bringen will im Leben, der muss die Zeit beherrschen. Genauer gesagt: die Kunst des richtigen Zeitpunkts. Nicht nur weil einer, der mittags zur Begrüßung „Morgen“ nuschelt, sich als unrettbar ehrgeizloser Langschläfer enttarnt. Auch weil es nicht opportun ist, just an dem Tag eine Gehaltserhöhung oder Beförderung oder einen Dienstwagen zu verlangen, an dem der Chef verkatert ist oder die Firma Insolvenz angemeldet hat.

Für Politiker und Wirtschaftsführer ist die Wahl des richtigen Zeitpunkts eine stete Herausforderung, der sie nicht immer gerecht werden.→ weiterlesen