Herr Ahlhaus zieht um – aber nur ein bisschen

Christoph Ahlhaus ist ein zupackender Mensch, gesegnet mit viel Energie. Deswegen schafft es der Hamburger CDU-Bürgermeister auch, mitten im Wahlkampf, zwischen all den Duellen mit seinem herablassend siegessicheren SPD-Herausforderer Olaf Scholz, in seine neue Villa in den Elbvororten zu ziehen – jedenfalls ein bisschen. Senatssprecherin Kristin Breuer hat jetzt auf die Frage, ob Ahlhaus schon umgezogen sei, mitgeteilt, der Bürgermeister ziehe derzeit „sukzessive“ von seiner Fischmarktwohnung in die Elbvilla. Er habe in seinem neuen Haus auch „schon einmal geschlafen“. Gelegentlich bringe er Sachen hin und übernachte dann dort.

Mit dieser Finte hat Ahlhaus vor allem die SPD geleimt. Die nämlich wartet seit Wochen auf die Geschichte, dass der Bürgermeister mit vielen Umzugslastern in die denkmalgeschützte Villa zieht, die für 1.005.000 Euro auf Kosten des Steuerzahlers bürgermeisterlich gesichert wurde und wird. Dann könnte die SPD fragen, wieso Ahlhaus den Steuerzahler so übermäßig belastet, wo er allen Umfragen zufolge nur noch ein paar Wochen Bürgermeister ist. Wäre Ahlhaus nicht mehr vor der Wahl umgezogen, hätte die SPD→ weiterlesen

Facebook und Hamburgs TV-Revoluzzer

Ein Aufstand der Hamburger TV- und Radio-Sender verhindert Gebühren für Berichte zur Bürgerschaftswahl am 20. Februar 2011. Der CDU-Senat wollte den Anstalten bis zu 20 Euro pro Quadratmeter Studiofläche im Congress Center berechnen. Nach Boykottdrohungen und einem Proteststurm im Internet lässt er das jetzt lieber.

Angeblich sind Internetnetzwerke wie Facebook in der Lage, Regierungen zu stürzen – weil sie den Unzufriedenen eine Möglichkeit zur Organisation geben. Ob das wahr ist, steht dahin, zu vermuten ist jedenfalls, dass Facebook mittlerweile auch den Hamburger Senat beeinflusst. Ein Indiz ist der Streit über das jüngste Vorhaben der Senatspressestelle, von den TV- und Radiosendern Gebühren für die Berichterstattung am Tag der Bürgerschaftswahl zu erheben. Maximal 20 Euro pro Quadratmeter Standfläche im CCH sollten die Sender zahlen, wie ihnen die Senatssprecherin Kristin Breuer mitteilte.

Mit der Heftigkeit des Widerstandes hatte man im Rathaus offenbar nicht gerechnet. So drohten einige Sender→ weiterlesen

Fredos Fetisch

Erst im Rückblick wird sich klären, warum der Sohn meines Freundes immer dieses komische Wort sagt.

Man kann ein Leben nur rückwärts verstehen, hat der Philosoph Kierkegaard festgestellt, und trotzdem kann man es nur vorwärts leben. An diesem Punkt wird die Erzählung geboren, die Literatur, in der alles von einem abgeschlossenen Standpunkt, vom Ende aus betrachtet, einen Sinn bekommt und der Held wie der Schurke und das Weichei gleichermaßen als vollendete Figuren begnadigt werden. Die Literatur reicht den Sinn nach, der uns nach vorne Lebenden nicht erkennbar ist.

Ich habe mich bei all dem gefragt, was es bedeutet, dass das erste Wort des kleinen Fredo, dem Sohn eines guten Freundes, nicht Mama oder Papa, sondern Barcode war. So jedenfalls bezeugen es die Eltern, oder jedenfalls war Barcode das erste Wort außerhalb des innigen Kleinkindbereichs von Mama, Papa, Teddy, Brei. Danach kam nicht etwa Auto, Tatü oder Wau, nein: Barcode.

Ich sehe Fredos Vater nur selten, weil er im Süden wohnt, deswegen weiß ich nicht, ob er vielleicht, anders als er es immer behauptet, doch so konsumgeil ist, dass er die Tage mit seinem Sohn in Kaufhäusern verbringt und der jetzt Zweijährige dort unweigerlich auf dieses Wort gestoßen ist. Denn, Sie wissen es, Barcodes sind diese Strichsymbole, aus deren Linien sich mithilfe eines Scanners alle Daten der Welt lesen lassen, zumindest aber der Preis einer Ware. Sie finden sich auf jedem Produkt, und auch mit dem iPhone kann man sie lesen und sich anzeigen lassen, dass es die Milch oder den MP3-Player im Internet viel billiger gibt. Aber natürlich besitzt Fredo kein iPhone und meines Wissens auch keinen Scanner, wobei er, als er neulich in Hamburg zu Besuch war, sich nicht mehr von einer Kinderkasse mit Plastikscanner und Piepgeräusch wegbewegen wollte, die meinem Sohn Paul gehört, der bis heute nicht weiß, was ein Barcode ist.

Warum bloß ist das bei Fredo anders? Wenn der eine Schokolade sieht, sagt er nicht Schoko oder Lade oder fängt an zu essen, nein er→ weiterlesen

Ole Paulus, Ole Saulus

Es gehört zu den misslichen Gepflogenheiten der Politik, Verantwortung für Negatives bei denen abzuladen, die sich bereits aus Amt und Würden verabschiedet haben. Derzeit praktiziert auch die Hamburger CDU dieses Ritual, indem sie den eigenen Niedergang in den Umfragen mehr oder weniger direkt ihrem ehemaligen Bürgermeister Ole von Beust in die Schuhe zu schieben versucht. Der neue Senatschef Christoph Ahlhaus und Parteichef Frank Schira vermitteln den Eindruck, als habe von Beust die bei CDU-Wählern unbeliebte Schulreform in Partei und Fraktion quasi im Alleingang durchgesetzt. Dabei war es Schira, der als Fraktionschef die CDU-Abgeordneten auf Primarschul-Linie brachte, damit sie dem umstrittenen Schulgesetz zustimmten. Auch von Ahlhaus, seit 2008 Innensenator, ist Widerstand gegen die Schulpolitik und andere schwarz-grüne Kompromisse nirgends verzeichnet.

Daher mutet es wenig aufrichtig an, nun die einstige Lichtgestalt Ole von Beust, dem die Hamburger CDU eine mittlerweile neunjährige Regierungszeit und die bisher einzige absolute Mehrheit in Hamburg zu verdanken hat, zum Buhmann zu stilisieren. Geradezu unanständig ist es,→ weiterlesen

Schwarz-Grünes Ende in Hamburg:

Fehlbesetzung Ahlhaus

Nun ist es aus, und doch ist zunächst ein positives Fazit zu ziehen: CDU und GAL haben in Hamburg gezeigt, dass schwarz-grünes Regieren prinzipiell möglich ist. Die einstmals unüberbrückbar scheinenden kulturellen Unterschiede zwischen konservativem und linksliberalem Bürgertum sind überwindbar. Es ist das bleibende Verdienst von Ex-Bürgermeister Ole von Beust und der grünen Führungscrew um Christa Goetsch, das unter Beweis gestellt zu haben. Kaum eine andere Koalition hat in den vergangenen Jahrzehnten so vertrauensvoll und professionell zusammengearbeitet wie das schwarz-grüne Bündnis im Hamburger Rathaus in den ersten beiden Jahren der Wahlperiode. Verglichen mit dem, was Schwarz-Gelb den Deutschen in den ersten Monaten der Bundesregierung zugemutet hat, wirkte der schwarz-grüne Beust-Senat wie ein Hort der politischen Harmonie.

Damit ist es spätestens seit dem verheerenden Doppelschlag vom Sommer vorbei gewesen – als man parallel den Volksentscheid zur Schulreform und mit Ole von Beust den Garanten für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit verlor. Seither herrschen Misstrauen und inhaltliche Leere. Es gab kaum noch ein Politikfeld, auf dem man sich einig wurde. Insofern ist es tatsächlich besser, die Hamburger jetzt neu wählen zu lassen, als Schwarz-Grün noch monatelang in gegenseitiger Abneigung im Rathaus weiterwursteln zu lassen. Diese Stadt braucht eine Regierung, die gemeinsame Ziele formulieren und verfolgen kann – und in der die Partner vertrauensvoll und professionell zusammenarbeiten.

Letztlich geht das frühe Ende des Bündnisses vor allem auf die Kappe der→ weiterlesen