Sünden im Süden – jetzt kommt alles raus

Natürlich ist es verboten. Trotzdem habe ich es getan. Immer und immer wieder. Mit wachsender Lust. Ich saß in einem Restaurant in einer engen Gasse einer maurisch geprägten Stadt, in der man weiß, was Sommer ist und wie sich das Wetter in dieser Jahreszeit aufzuführen hat. Und ich versündigte mich. Die Menschen strömten vorbei, es wurde mit der Zeit immer enger und enger in der Gasse, man begann sich zu drängeln, an meinem Tischchen vorbei, die Gerüche nach gegrilltem Fisch, Parfums und Tabak wurden intensiver, und ich hörte alle Sprachen, solche, die ich kannte, und einige, die ich nie gehört hatte, und ich sah verstohlen nach all diesen Menschen, den Dicken und Dünnen, den hübschen Frauen und denen, die allein durch ihre Absonderlichkeit interessant wurden, ich lauschte den Lauten und den Flüsterern, während ich meinen Rosé trank (Rioja-Rosé, vielleicht war das schon eine Sünde).

Derweil hatte ich sie auf meinem Schoß liegen. Ich tat so, als sei nichts, gar nichts, ich redete nebenher mit meiner Frau, schimpfte mit meinen unentwegt kleckernden Söhnen, orderte allenthalben mehr Fanta oder Obst und Eis und Wein und doch verfolgte ich (vollkommen unbemerkt) mein sündiges Tun mit der größten Akribie. Alle zwei Minuten drückte ich ab. Ich sah sie nicht einmal, meine Opfer, aber ich wusste, dass ich sie traf. Während sie nichts davon merkten, klickte meine Nikon alle 120 Sekunden. Ich legte Wert auf diesen exakten Abstand. Ich weiß nicht warum. Es war ein Experiment. Oder Konzept-Kunst. So oder so: Es ging um Exaktheit. Egal ob Wissenschaft oder Kunst.  So etwas ist kein Spiel.

Mehr als 70 Fotos – und zwei Hände unter dünnen T-Shirts

Später, im Hotel, machte ich mich an die Auswertung. Wir hatten etwa zweieinhalb Stunden in dem kleinen Restaurant gesessen. Mehr als 70 Fotos hatte ich gemacht.

Die Kunst, mit einer relativ auffälligen Kamera unbemerkt zu fotografieren, ist nicht schwer zu erlernen. Ich habe sie von meinem Freund Sebastian abgeschaut, auf einer gemeinsamen Reise durch Guatemala und Nicaragua Ende der 90er Jahre. Man lässt die Kamera vor dem Bauch hängen oder legt sie auf den Tisch oder in den Schoß und drückt ab, während man etwas in eine andere Richtung sagt oder vollkommen unbeteiligt dreinschaut – und man hofft, wenn es sich um eine Spiegelreflex handelt, dass das unvermeidliche Geräusch des Spiegels nicht auffällt. Ich habe auf diese Weise einige meiner besten Bilder gemacht (nur manchmal haut der Autofokus daneben). Die Menschen sind gewohnt, ein Fotogesicht aufzusetzen, wenn sie bemerken, dass jemand sie im Visier hat. Wenn man sie scheinbar nicht beachtet, trifft man sie am besten. Manchmal kann man die Wahrheit nur mittels Täuschung finden.

Es waren sehr hübsche Frauen auf den Bildern. Sich küssende Paare. Eine ältere blonde Frau, deren Hand unter dem T-Shirt eines nordafrikanisch aussehenden Jünglings über dessen Brust wanderte. Ein Rentnerpaar mit einem mongoloiden Jungen, der als einziger von allen Abgelichteten direkt in die Kamera blickte. Drei vielleicht zehnjährige Jungs, die so verwegen dreinschauten, als seien sie Jack Sparrow eins bis drei.

Vielleicht geht eine Ehe kaputt – aber hier geht es um Kunst

Stutzig wurde ich bei dem Bild eines ziemlich dicken Glatzkopfes, der ein junges Mädchen im Arm hielt. Sie könnte seine Tochter sein, dachte ich zuerst. Dann bemerkte ich seine Hand, wie sie unter den Halsausschnitt ihres T-Shirts geglitten war und dort etwas tat, was die Kamera nicht eingefangen hatte. Aber es gehörte nicht zum Konzept, sich darüber weiter Gedanken zu machen. Ich benannte das Bild also, wie alle anderen, mit dem Namen der Stadt, einem Kürzel, das für mein Konzept stand, und einer laufenden Nummer. Was geht es mich an, in welchem Verhältnis dieser ältere Mann zu dem Mädchen steht?

Was geschieht eigentlich mit mir, fragte ich mich, was geschieht mit der älteren Blondine, der jungen Gespielin des Glatzkopfes und all meinen anderen Kunstobjekten, wenn ich das tue, was ich jetzt vorhabe? Wie ergeht es ihnen, wenn ich, weil ich mich plötzlich für einen großen Künstler halte (was ich möglicherweise auch bin), alle die von mir in dieser kleinen, heißen Gasse gemachten Fotos ins Internet stelle, sie alle beschrifte, mit Ort und Datum versehe, und zugleich noch auf Facebook verlinke?

Möglicherweise gehen auch Ehen kaputt. Jemand bekommt ein Verfahren wegen Verführung Minderjähriger. Oder einfach nur einen halben Tag Ärger, weil er (oder vielmehr sie) den Partner angelogen hat, so wie vielleicht eine dieser hübschen jungen Frauen in den engen Trägerhemden, die mit ihrem Eis in den Händen an meiner Nikon vorbeiliefen, als die zwei Minuten wieder einmal vorbei waren. Vielleicht hatte eine davon ihrem Freund oder ihrer Mutter gesagt, sie müsse länger arbeiten, um sich vor einer unangenehmen Aufgabe zu drücken, in Wahrheit aber war sie Eis essen gegangen. Eine kleine, absichtliche Ungenauigkeit, aber auch solche Dinge unterminieren mitunter das Vertrauen.

Das Recht am eigenen Bild? – Ein niedlicher Gedanke

Ich weiß, es gibt das Recht am eigenen Bild. Eine ebenso richtige wie niedliche Regelung in einer Zeit, in der einmal (auch widerrechtlich) im Internet publizierte Bilder für immer bleiben, in irgendeinem Winkel jedenfalls können sie immer schlummern, sie können auch immer aufs Neue veröffentlicht werden. Dagegen helfen auch die besten Anwälte nichts. Dem älteren Mann mit dem jungen Mädchen im Arm könnte es bald so gehen. Dieses Bild meiner Nikon könnte ihn immer wieder einholen.

Ich bin ja auch nicht der einzige, der so etwas tut, oder gar Mitglied einer seltenen Gruppe perverser Knipser. Ich war kürzlich in einer Weltsehenswürdigkeit, und es gelang mir nicht, ein einziges Foto zu machen, auf dem nicht ein anderer Mensch zu sehen war, der auch gerade ein Foto machte, meistens waren etwa zehn Bildermacher zu sehen, manchmal mehr. Das eigentliche Kunstwerk war vollkommen verdrängt von seinen (zumeist vermutlich dilettantischen) Abbildnern. Es handelte sich genau genommen um das Verschwinden des Kunstwerkes hinter der Horde seiner Reproduzenten. Was haben wir uns in den 80ern über knipsende Japaner lustig gemacht. Heute fotografiert die ganze Menschheit so, als ginge die Welt umgehend unter, wenn man nicht täglich mindestens sechs Milliarden Fotos und Filmchen von ihr macht.

Die Kunst verschwindet hinter der Horde ihrer Reproduzenten

Gut, ich habe gesündigt. Damals im Süden. Gegen das Recht der anderen an ihren eigenen Bilder. Aber was soll ich denn beichten, der ich doch selbst mit meinem Bild als Kunst abfotografierender Tourist in den Alben oder auf den Webseiten der anderen lande mit größter Wahrscheinlichkeit? Das Recht am eigenen Bild ist doch in Wahrheit längst abgeschafft. Vor allem, aber nicht nur durch das Internet, durch das faktische Ende des Privaten. Aber auch wegen all der Polizei-, Verkehrs-, Kaufhaus-, Verfassungsschutz-Kameras in unseren Städten, die uns überall filmen, die unsere  Autoschilder scannen, wenn wir vorbeifahren. Und wegen der Provider, die alle unsere SMS, Telefondaten und Internetschritte protokollieren. Wir sind offenbar alle potenziell gefährlich. Und wir sind zugleich allesamt gefährdet, jederzeit entlarvt zu werden, selbst wenn es nicht um Terrorismus geht, sondern nur um kleine Ungenauigkeiten, um unbedeutende Täuschungen oder um lässliche Lügen.

Es gibt keinen Datenschutz mehr. Es gibt nur noch eine Wahrheit: Was immer Du tust, Du tust es öffentlich. Also tue nichts mehr, was du nicht auch öffentlich tun würdest. Denk vorher darüber nach!

Wenn das wirklich so ist: Warum sollte ich dann mein Projekt nicht veröffentlichen dürfen? Wenn sowieso alle alles filmen, fotografieren, aufzeichnen, veröffentlichen, wie es ihnen gerade einfällt?

Wenn Lügen nicht mehr funktioniert – werden wir dann besser?

Der Verlust der Privatheit, die ständige Kontrolle aller durch alle, in der jeder seines Nächsten Big Brother geworden ist – ist diese unaufhaltsame Entwicklung der reine Horror, oder kann sie womöglich sogar etwas Gutes zeitigen? Führt all das nicht dazu, dass Lügen langsam unmöglich wird, weil sowieso alles herauskommt? Ist das Internet eine Wahrheitsmaschine? Wenn Lügen also nicht mehr funktioniert – werden wir dann alle bessere Menschen?

Ich habe Sie übrigens belogen. Es stimmt zwar, ich habe in einer südeuropäischen Gasse gesessen. Ich habe dort gegessen mit meiner Familie. Und ich habe ein, zwei Bilder gemacht mit meiner Nikon, die auf meinem Schoß lag, nur um zu sehen, ob es funktioniert. Es hat funktioniert, aber ich habe die Bilder wieder gelöscht. Keinen alten Mann mit jungem Mädchen im Arm werde ich ins Internet stellen. Ich habe Prinzipien. Allerdings bin ich sicher, dass an einem der Nebentische oder in einer parallelen Gasse oder in einer anderen Stadt, vielleicht in Ihrer, zur selben Zeit auf dieselbe Weise fotografiert wurde und dass schon jetzt Tausende dieser Bilder im Internet zu finden sind. Sie sind sicher auch darauf zu sehen.

 
Eine Sammlung von Jens Meyer-Wellmanns Kolumnen über denn alltäglichen Familien- und sonstigen Wahnsinn gibt es unter dem Titel „Schrei mich nicht an, ich bin ein Wunschkind“ auch als eBook bei Amazon, und zwar hier.
Jens Meyer-Wellmann
Mehr über mich unter: http://www.meyer-wellmann.de

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