Adjuvanzien

Ich weiß, man soll keine Witze mit Namen machen, aber vor ein paar Tagen saß ich neben einer Frau Kunststoff. Allerdings wusste ich erst, dass sie Kunststoff hieß, als sie aufgerufen wurde von einer quäkenden Stimme, die sie zur Impfung hereinbat: „Frau Kunststoff bitte.“

Schweinegrippe natürlich. Ich hatte die Spritze schon hinter mir und saß nur noch im Wartezimmer, um abzuwarten, ob ich sterben würde. Oder besser, in der leisen Hoffnung, die Impfung zu überleben. Für den Fall eines durch Virenbröckchen oder Adjuvanzien ausgelösten anaphylaktischen oder wasweißichwas für eines Schocks wollte ich in Arztnähe sein.

Ich sah also auf Frau Kunststoffs geraden Rücken und fragte mich, wie diese anziehende Person zu so einem Namen gekommen war. Als sie um die Ecke bog, warf ich einen Blick auf ihren Mund und ihre Oberweite, entdeckte aber weder hier noch dort irgendwelche abnormen Formen, die auf Silikon schließen ließen. Eine Panikattacke bekam ich, als Frau Kunststoff wieder aus der Tür heraustrat, mich schelmisch anlächelte und kurz darauf die androgyne Stimme durch die Tür schnarrte: „Herr Eisbein bitte.“

In diesem Moment wusste ich, dass ich sehr krank war. Die Impfung hatte mich binnen Minuten in den Wahnsinn getrieben, meinen Hörnerv aufgeweicht und mein Sprachzentrum eingeschmolzen. Ich hörte Stimmen. Womöglich sah ich auch Menschen. Vielleicht war ich auch längst tot. Wieder ging die Tür auf, Eisbein kam raus, und die Stimme rief meinen eigenen Namen, was mich vollends aus der Fassung brachte. Anstatt mich wieder und wieder impfen zu lassen, flüchtete ich hinaus in die graulaue Novemberpampe.

Danach hatte ich dann eine Nacht lang Schüttelfrost und einen Tag lang das Gefühl, mein Kopf würde implodieren. Ich frage mich, ob das alles nötig war und ob Kranksein nicht besser ist als Impfen. Aber, wissen Sie, als Hypochonder hat man keine Wahl. Es ist immer alles falsch, und wenn einen die Viren nicht umbringen, dann eben die Adjuvanzien. Die einzig schöne Erinnerung an all das ist Frau Kunststoff. Vielleicht sehe ich sie ja mal wieder. In irgendeinem der vielen Wartezimmer, die ich besuche.

Erschienen in WELT und WELT ONLINE am 21.11.2009. Eine Sammlung von Jens Meyer-Wellmanns Kolumnen über den alltäglichen Familien- und sonstigen Wahnsinn gibt es unter dem Titel „Schrei mich nicht an, ich bin ein Wunschkind“ auch als eBook bei Amazon, und zwar hier.
Jens Meyer-Wellmann
Mehr über mich unter: http://www.meyer-wellmann.de

1 Kommentar

  1. Frau Kunststoff? – Da kann ich Ihnen helfen. Der Name ist Programm. Es handelt sich um die CEO von Glaxo-Smith&Wesson, und die sieht sich mit einer Mischung aus Faszination und Grausen an, was in Old Europe aus der Idee in der Werks-Kantine neulich wurde: „Wenn da mal einer erfolgreich Albanien den Krieg erklärt hat, dann können wir doch mal eine neue gefährliche Krankheit erfinden.“ Soll sich ja finanziell lohnen, wenn man Gegenmittel-Monopolist ist. Wissen Sie was? Die Schweinegrippe gibts gar nicht. Kunststoff für Journalisten und die multinationale Pharmaindustrie. Tränendrüsendrückendes Instrument zur Umsatzsteigerung. Verschwörungstheorie? – Quatsch. Oder glauben Sie, dass die Amis auf dem Mond waren?

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