Meine Erfahrung mit der katholischen Gewalt

Für mehrere Jahre besuchte ich in den 1980ern eine katholische Schule im Süden Paraguays, die von einem deutschen Priester geleitet wurde, der den Holocaust leugnete, den Diktator zum Freund hatte und seinen Schülern mit aller Gewalt das Rückgrat brach. Auch eine Messe für Adolf Hitler wurde damals in Paraguay gelesen. Seither bin ich überzeugt davon, dass Missbrauch und Gewalt in der katholischen Kirche, diesem Männerbund mit Führerprinzip, zum Konzept gehören. Es ist gut, Lutheraner zu sein.

Pater Wilhelm Hütte, Gott hab ihn selig, war kahl und kugelrund, und obwohl er schon etwa seit Kriegsende in Lateinamerika lebte, sprach er Spanisch noch immer mit einem so klirrenden deutschen Akzent, dass es sich, wenn wir ihm zuhören mussten, für uns anfühlte, als stapfe jemand in Militärstiefeln durch ein Blumenbeet. Jeden Morgen um zehn vor sieben versammelten wir uns unter seinem strengen Blick auf dem Innenhof des Colegio San Blas. Wir stellten uns nach Schulklassen geordnet in Zweierreihen auf, wischten uns gegenseitig die von der benachbarten Tungfabrik herüber wehenden Ascheflocken von den blauen Schulhemden und bedauerten die beiden Mitschüler, die es heute getroffen hatte.

Colegio San Blas, Obligado, Paraguay
Colegio San Blas, Obligado, Paraguay

Immer zwei von uns mussten nach vorne, hinauf auf die gemauerte Bühne, einer, um zur gemeinsam gesungenen Hymne die paraguayische Flagge zu hissen, und der andere, um ein paar Sätze aus der Bibel vorzulesen und sie möglichst so zu interpretieren, dass Pater Wilhelm keinen Wutausbruch bekam. Denn seine Wutausbrüche konnten schmerzhaft enden für den Schüler, der ihm am nächsten stand.

Pater Wilhelm hatte die katholische Schule irgendwann Anfang der 1950er Jahre gegründet in dieser deutschen Kolonie im Süden Paraguays. Lange vorher, um 1900 hatten sich deutsche Auswanderer, die über Brasilien ins Land gekommen waren, hier niedergelassen und ihre Kolonie Hohenau/Obligado genannt. Jetzt, Mitte der 80er Jahre, war Wilhelm hier längst der unumschränkte Herrscher.

Als Beichtvater der mehrheitlich katholischen Bewohner, als Finanzier von Infrastruktur- und Hilfsprojekten, als Arbeitgeber für Lehrer und Gärtner, als Direktor des Priesterseminars und des Colegio San Blas, dieses katholischen Privatkollegs, das er zu einer der angesehensten Schulen im südlichen Paraguay gemacht hatte. Seine engen Beziehungen zur Regierung des deutschstämmigen Präsidenten Alfredo Stroessner, dem seinerzeit weltweit dienstältesten Diktator (der etwa so lange in Asunción Präsident war wie Wilhelm Schuldirektor in Obligado), taten ihr Übriges. Es zeigte Wirkung, dass der bei seinen Gegnern zu Recht gefürchtete Diktator (er hatte Hunderte von Oppositionellen auf dem Gewissen) regelmäßig zur Übergabe der Abiturzeugnisse ins Colegio San Blas seines Freundes Wilhelm kam.

Dem Pater entging so gut wie nichts in dieser Kolonie. Selbst die deutschstämmigen Protestanten bewunderten Wilhelm, war er doch für sie nicht in erster Linie Repräsentant der anderen Konfession, sondern Vertreter einer deutschen Strebsamkeit, Strenge und Disziplin, die sie selbst für sich in Anspruch nahmen – auch um sich gegen die „Einheimischen“ abzugrenzen.

Pater Wilhelm Hütte

Wilhelm unterrichtete Religion und Philosophie in der Sekundarstufe. Er nutzte den Unterricht, um uns zu erklären, dass Darwins Evolutionstheorie Unfug sei („Es kann allerdings sein, Meyer, dass Sie persönlich vom Affen abstammen, wenn ich mir ihre langen Haare so ansehe. Schneiden Sie dieses Gestrüpp ab, sonst kommen Sie mir hier nicht mehr rein!“).

Die zweite zentrale Botschaft seines katholischen Religionsunterrichts war, dass es Auschwitz nie gegeben habe. Das Gerede von diesem Holocaust sei vollkommener Unsinn. Es sei ganz und gar unmöglich, dass sechs Millionen Juden umgebracht worden seien, schließlich gebe es immer noch sechs Millionen, das stimme alles vorne und hinten nicht, so Wilhelm. Auf den Nationalsozialismus ließ er nichts kommen, auch nicht auf das Deutsche an sich, was immer er damit meinte. Es liegt bei all dem nahe zu vermuten, dass Pater Wilhelm wusste, dass NS-Arzt Josef Mengele sich vermutlich bis etwa 1970 in der deutschen Kolonie aufhielt. Und nicht nur dass: Es scheint fast ausgeschlossen, dass es möglich gewesen wäre, Mengele hier ohne das Wissen des so mächtigen Paters unbehelligt leben zu lassen.

Er schlug zu, wann immer ihm danach war

Über die seines Erachtens unter dem amerikanischen Einfluss fortschreitende Dekadenz der Deutschen in Deutschland tröstete sich Pater Wilhelm aber auch mit den blonden und blauäugigen Kolonistenkindern hinweg, deren Erziehung er umso strenger überwachte. Er beförderte einen deutschen Rassismus, der über die Jahrzehnte die Tendenz noch verstärkte, dass die Deutschstämmigen in der Kolonie lieber nahe Verwandte heirateten als einen nichtdeutschen Partner – und dass das Kolonistenvolk aufgrund der daraus resultierenden Erbschäden zu verblöden drohte. Auch auf das Privatleben seiner Schülerinnen und Schüler hatte Wilhelm ein Auge. Wem er eine zu große Nähe zum anderen Geschlecht nachwies, dem drohte Ungemach. Wehe aber, er erfuhr, dass sich ein deutschstämmiges Mädchen in einen „Einheimischen“, einen Paraguayer, verliebt hatte (oder ein „deutscher Junge“ in ein „dunkles Mädchen“). Dann drohte sogar der Rauswurf aus der Schule.

Natürlich schlug der Pater die Schüler, wann immer ihm danach war. Manchmal war ihm danach, die Gewalt öffentlich zu zelebrieren. Ich erinnere mich noch gut an den schwülen Morgen irgendwann 1984, als einer meiner Klassenkameraden, der vorwitzige Ucedo, auf die Bühne ging, um vorzubeten. Ucedo war Protestant, ein breitschultriger Kerl, kein großer Redner aber doch einer, der sich die Butter nicht gerne vom Brot nehmen ließ, auch nicht beim Reden. Ich erinnere mich nicht mehr genau, was an Ucedos Vortrag den Pater erzürnte. Wie immer stand er ein paar Meter neben dem Vortragenden, die Hände hinter dem Gesäß ineinander gelegt, den kugelrunden Bauch hervorgestreckt. Plötzlich unterbrach er Ucedos Bibel-Interpretation und schrie ihn in seinem metallischen Spanisch von der Seite an. Ucedo entgegnete etwas wie: „Aber, Pater, ich denke, die Bibel meint an dieser Stelle…“ In diesem Moment machte Wilhelm drei schnelle Schritte auf Ucedo zu, schrie erneut, Ucedo solle nachdenken, wozu er denn seinen dicken Schädel sonst habe, nachdenken solle er, statt Unsinn zu erzählen.

Wir alle schwiegen, das war das Schlimmste

Ucedo zuckte tonlos die Schultern. Die etwa dreihundert Schüler vor der Bühne rührten sich nicht. „Korrigieren Sie sich, Ucedo“, schrie Wilhelm, dessen Glatze mittlerweile rot zu leuchten schien. Ucedo aber brachte nichts als ein schüchternes „Aber“ über die Lippen. Da schlug Pater Wilhelm ihn mit der rechten Hand erst auf die eine Wange, dann auf die andere, und uns stummen Betrachtern vor der Bühne erschien es, als würfen die Schulgebäude das laute Klatschen aus Ucedos Gesicht mehrfach über unseren Schulhof hin und her. Ucedo rührte sich nicht, er weigerte sich, etwas zurückzunehmen. Er gab jetzt den Märtyrer, etwas anderes blieb ihm nicht übrig, wollte er seine Ehre retten, er war der Märtyrer, sagen wir: des Luthertums, der da stand und nicht anders konnte, der es für seine religiöse Überzeugung (egal welche) sogar mit einem wildgewordenen katholischen Priester aufnahm, mehr noch: mit dem Freund des Diktators, dem Verteidiger des Deutschtums, dem katholischen Auschwitz-Leugner, dem Herrscher der Kolonie. Ucedo schwieg und rührte sich nicht, bis der Pater erneut zuschlug und schrie: „Verlassen Sie die Bühne, Ucedo, sofort.“ Wir alle sahen Ucedo die drei oder vier Stufen hinabgehen und weinen, und als er sich wieder bei uns einreihte, sahen wir die Wut in seinen Augen und den Schmerz der Demütigung, aber niemand von uns sagte etwas. Wir alle schwiegen, und das war vielleicht das Schlimmste.

Gewalt sei erlaubt, sagte Pater Wilhelm. Auch Jesus habe die Händler mit Gewalt aus dem Tempel vertrieben.

Wer foltert, glaubt fast immer, Gutes zu tun

Tatsächlich schien der deutsche Pater auch zu glauben, ganz in der Tradition der Inquisition, Gewalt könne helfen, die Wahrheit zu erkennen. Um in unsere Klassenräume zu gelangen, mussten wir Schüler der Sekundarstufe eine Treppe hinauf in den ersten Stock gehen. Irgendwann hatte die Schulleitung (sprich: der Pater, stets assistiert von der graugesichtigen Schwester-Oberin Obdulia) entschieden, dass die Schüler beim Hinaufgehen nicht mehr sprechen dürften. Die Anweisung wurde mehr schlecht als recht befolgt, und eines Tages baute sich der Pater am oberen Rand der Treppe auf, um die überraschten Schüler persönlich beim Hinaufsteigen zu überwachen. Ich selbst ging neben meinen Sitznachbarn Juanchy González hinauf, wir beide schwiegen ausnahmsweise. Der Pater aber hatte irgendjemanden reden gehört. Er ließ zunächst alle Schüler vorbeilaufen, dann brüllte er: „González, kommen Sie her!“ Juanchy drehte sich um und ging zum Pater. Der fragte ihn: „Warum haben Sie geredet?“ „Ich habe nicht geredet, Pater“. Da schlug der Pater wieder einmal zu, wiederholte seine Frage, und Juanchy wiederholte wahrheitsgemäß, dass er nicht geredet habe. Ich weiß nicht mehr genau, wie lange Juanchy standhaft bleib, irgendwann aber, nach dem dritten oder vierten Schlag, gab er auf und sagte: „Ja, Pater, ich habe geredet“. Wilhelm: „Gut, González, warum nicht gleich so?“

Folterer, das weiß man aus allerlei Studien, glauben fast immer, dass sie auf der richtigen Seite stehen, dass sie das Böse, das die eigentlich heile Welt Bedrohende mit allen Mitteln bekämpfen. Nur so können sie ihre Taten (und in manchen Fällen ihre Lust an der Gewalt) vor sich selbst vertreten. Sie fühlen sich berufen, gerechtfertigt durch höhere Ideale, oftmals durch ihren Gott. Dann spritzen sie (wie früher in lateinamerikanischen Diktaturen) angeblichen Regierungsgegnerinnen Gips in den Uterus, werfen ihre Feinde den Piranhas zum Fraß vor, verbrennen Frauen als Hexen oder fliegen mit entführten Flugzeugen in Hochhäuser.

Auch eine Messe für den Führer fehlt nicht

Ich glaube nicht, dass die Paarung von Religion und Gewalt Zufall ist. Und doch bin ich Christ. Allerdings war ich lange nicht so froh, Lutheraner zu sein. In meiner Kirche kann sich ein Geistlicher nicht so leicht aufschwingen über die Gemeinde. Denn er kann keine Macht über andere daraus schöpfen, dass er allein Sünden vergeben kann. Bei uns gibt es keine Hierarchie der fundamentalistischen alten Männer, die Frauen nicht lieben, sie aber von wichtigen Ämtern ausschließen dürfen, die sich stattdessen willfährige Ministranten halten und ihr unter sich selbst ausgewähltes Oberhaupt zu einem unfehlbaren Gottesstellvertreter erklären. Wer Augen hat zu sehen, der weiß: Es ist kein Zufall, was in der katholischen Kirche geschieht. Es sind ihre Strukturen, die die Gewalt gebären.

1986 fand ich in einer paraguayischen Zeitung folgende kleine Anzeige, verziert mit einem Foto Adolf Hitlers. Ich habe sie über viele Jahre an meiner Pinwand aufbewahrt, bevor ich sie schließlich einscannte. Daher die kleinen Löcher.

Messe zu Adolf Hitlers 41. Todestag
Einladung zu einer Messe anlässlich des 41. Todestages von Hitler (Click vergrößert)

Übersetzt steht in dieser Anzeige:  „Adolf Hitler (Que en paz descanse = Er ruhe in Frieden). Er folgte dem Ruf des Herrn Jesus Christus am 30. April 1945. Es sind 41 Jahre vergangen, seit der Verteidiger der westlichen und christlichen Zivilisation in die Unsterblichkeit übergegangen ist. Er war unermüdlicher Führer von Idealen des Friedens und der Gerechtigkeit. Es gibt keinen heldenhafteren Tod als den für eine noble Sache. Seine Sympathisanten und Anhänger laden ein zu einem Gebet für die ewige Ruhe seiner Seele in der Heiligen Messe zu seinem Gedenken heute um 19.30 Uhr in der Kirche Nuestra Señora del Perpetuo Socorro (Victor Haedo, Ecke Chile).“

Ich weiß nicht, welcher katholische Geistliche am 30. April 1986 in der paraguayischen Hauptstadt diese Messe im Gedenken an Adolf Hitler gelesen hat. Pater Wilhelm kann es nicht gewesen sein. Er ist 1985 mit 71 Jahren an Krebs gestorben.

Eine Sammlung von Jens Meyer-Wellmanns Kolumnen über ein weniger ernstes Thema, nämlich den alltäglichen Familien- und sonstigen Wahnsinn, gibt es unter dem Titel „Schrei mich nicht an, ich bin ein Wunschkind“ als eBook bei Amazon, und zwar hier.
Jens Meyer-Wellmann
Mehr über mich unter: http://www.meyer-wellmann.de

11 Kommentare

  1. Todavía recuerdo y siento las humillaciones del Padre Hutte y la hermana Obdulia, creo que ahora, que tengo más criterio, siento mucho más. No entiendo cómo pudimos vivir bajo ese régimen, no entiendo por qué nuestros padres no hicieron nada. Menos aún comprendo por qué muchos de los ex-alumnos de ese colegio tienen adoración por estos personajes, hata hay una calle con su nombre.
    No recuerdo claramente el episiodio de Ucedo, pero recuerdo perfectamente que abofeó a una compañera del mismo apellido una vez que no asistimos a la misa de un jueves, y recuerdo muchas bofetadas cada vez que se enfurecía.
    Ojalá pudiéramos encontrar más artículos como éste. Es como un alivio saber que alguien más ve esa realidad.
    Y pensar que éramos niños. Espero que ese tipo de Directores se haya extinguido.

  2. Вторая Мировая Война уже давно закончена и в настоящее время интересна лишь для быдла.
    Я рождён после войны и меня больше интересует печальное настоящее, как минувшая история.
    Лучше бы вы больше интересовались тем, почему в вашей Бундесреспублике уровень жизни народа с каждым годом становится всё хуже и хуже и миллионам немцам приходится покидать свою Родину, а не перезжёвывать прошлое, как корова в стойле перезжёвывает сено.

  3. Soy el sobrino del Ucedo del que hablás. Y sí, mi Opa solía contar de que recibía llamadas telefónicas constantemente, del Colegio quejándose de mi tío, pero mi Opa siempre lo defendía.

    Yo también estoy muy interesado en la Segunda Guerra Mundial, y estoy muy dolido por las muertes que ocasionó el monstruo de Hitler, y avergonzado porque Paraguay acogió a muchos nazis, por ejemplo Mengele, muy cerca de mi casa.

  4. Danke,war zur gleichen Zeit ,d.h von 1984-1986 auch auf der gleichen Schule und kann mich auch noch genau an dies alles erinnern.

  5. Danke für diesen Bericht! Gut, dass all diese Stories endlich einmal ans Licht kommen. Der Wahnsinn hat tatsächlich Methode und es wird Zeit, dass das institutionalisierte Mittelalter endlich beendet wird. Amen.

  6. Hoffentlich gibt es einen gott, der das alles bestraft. Wozu brauchen wir eine Kirche -wenn selbst die nur von solchen menschen durchzogen ist?
    Ich kann das alles gar nicht richtig lesen ohne mich hilflos und traurig zu fuehlen.
    Unfassbar.

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