Das beste Jahr im Leben des Olaf S.

Nein, ihm ist noch nie etwas zugeflogen, weder die Gunst der Massen noch die Herzen der Genossen. Immer muss er sich alles erarbeiten, nächtelang Akten wälzen und monatelang Strippen ziehen, sich schlauer machen und besser vernetzen als alle anderen zusammen. Aber das kann er. So ist er einst Generalsekretär und Minister geworden und 2011 Hamburger Bürgermeister. Und mit dieser Technik wird 2012 das beste Jahr im Leben des Olaf Scholz.

Es beginnt damit, dass die Baufirma Hochtief Ende Januar mitteilt, dass die Elbphilharmonie billiger wird. Außerdem werde man früher fertig. Natürlich hat Scholz dem Unternehmen diese Zusagen in nächtelangen Geheimverhandlungen abgerungen, über Details wird Stillschweigen vereinbart.

Etwa zeitgleich schwimmen die Bagger. Nachdem die Nachbarländer zugestimmt haben, beginnt die Elbvertiefung. Die Naturschutzverbände verzichten auf eine Klage. Nach einer neuen, vom Senat bezahlten Studie, ist das Ausbaggern der Elbe nämlich ein grundlegender Vorteil für Flora, Fauna und Habitat. Resümee der renommierten Gutachter: „Wenn der Fluss tiefer ist, passen ja auch mehr Fische rein.“

Vom März an brummt der Wohnungsbau. Die Firma Hochtief bekommt einen Milliardenauftrag zum Bau einer City West in Teilen des Volksparks. Die ersten der 12.000 Wohnungen sollen Ende des Jahres fertig sein, so Hochtief – vorausgesetzt, Generalplaner Herzog & de Meuron komme rechtzeitig mit den Plänen für die in alle Bäder einzubauenden Jacuzzis rüber.

Im Juli verkleinert Scholz die Regierung auf zwei Senatoren: sich selbst und eine Senatorin für Gedöns, die sich um Umweltschutz und Ein-Euro-Jobs kümmert. Im September übernimmt der Bürgermeister in Personalunion sämtliche Kreisvorsitze der Hamburger SPD. Im November nominiert die Bundespartei ihn zum Kanzlerkandidaten. Bürgermeister will er dennoch bis 2019 bleiben. Das sei mit ein wenig Mut und Willenskraft leicht nebenbei zu schaffen.

„Politik“, so Scholz, „ist nichts für Feiglinge.“

Erschienen als optimistische Variante des Olaf-Scholz-Jahres 2012 am 30.12.2011 in WELT und WELT ONLINE – zusammen mit der pessimistischen Variante „Darum zieht Scholz Ende 2012 nach Berlin“, verfasst vom WELT-Kollegen Olaf Dittmann. Eine Sammlung von Jens Meyer-Wellmanns Kolumnen über den alltäglichen Familien- und sonstigen Wahnsinn gibt es unter dem Titel “Schrei mich nicht an, ich bin ein Wunschkind” auch als eBook bei Amazon, und zwar hier

 

Jens Meyer-Wellmann
Mehr über mich unter: http://www.meyer-wellmann.de

3 Kommentare

  1. Werter Herr Böwer, das haben Sie richtig erkannt. Es handelt sich um nichts weniger als eine Prophezeiung.

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