Der HVV weiß alles

Busfahren kann sehr unheimlich sein, jedenfalls für Kinder. Als ich kürzlich mit meinem Achtjährigen mit dem 5er in die Innenstadt fahren wollte, zog sich mein Sohn eine Ein-Euro-Kinderkarte aus dem Automaten, setzte sich neben mich in die letzte Reihe und starrte schließlich sichtlich irritiert auf das Busticket. Dann drehte er sich mit für einen Achtjährigen extrem zerfurchter Stirn zu mir und fragte: „Papa, woher wissen die eigentlich, dass ich in der zweiten Klasse bin?“

Man soll seine Kinder nicht auslachen, wollte ich auch nicht, ehrlich, aber trotzdem konnte ich nicht an mich halten. Ich erklärte ihm, dass auf seiner Karte nicht „2. Klasse“ stand, weil er gerade im zweiten Schuljahr ist, sondern weil es auch Schnellbusse und früher einmal auch in Hamburg Erste-Klasse-Abteile gab, die ziemlich schick waren und für die man teurere Karten kaufen musste. Die Vorstellung, der Hamburger Verkehrsverbund HVV kenne seine Kunden durch und durch (womöglich mit Hilfe von Google, Apple und all diesen Überwachungskameras), beschäftigte uns dann noch eine Weile, während der 5er durch die Löcher in der Hoheluftchaussee rumpelte.

„Schulklasse, Haarfarbe, Beruf, vielleicht sogar welche Laune wir gerade haben, die wissen alles über uns“, sagte ich. „Deswegen hast Du Glück, dass auf Deiner Karte nur 2. Klasse stand, beim nächsten Mal steht vielleicht Turnbeutelvergesser drauf.“ → weiterlesen

Die Hintergründe des Herrn Frigge

Mein langjähriger „Hamburger Abendblatt“-Kollege Veit Ruppersberg pflegte Einladungen zu Hintergrundgesprächen stets mit der Bemerkung „Mich interessiert nur Vordergrund“ abzulehnen. Das hatte vermutlich einen simplen Grund: Er wusste, dass von Politikern angebotene Hintergrundgespräche oftmals mehr den Politikern nützen als den Journalisten und ihren Aufklärungsinteressen.

So berichtete die WELT
So berichtete die WELT

Ganz neutral betrachtet sollen Hintergrundgespräche dazu dienen, dass ein oder mehrere Politiker einem oder mehreren Journalisten komplexe Sachverhalte erläutern und ihnen dazu mehr oder weniger vertrauliche Informationen geben. Zugleich verpflichten sich die Journalisten, über die in einem Hintergrundgespräch erlangten Informationen nicht zu berichten. Wer bestimmte Informationen in einem Hintergrundgespräch erhält, fühlt sich an die Zusicherung der Vertraulichkeit gebunden, selbst wenn er dieselben Informationen später aus anderer Quelle bekommt. So dient Politikern das Hintergrundgespräch indirekt auch als Mittel der Manipulation und Kontrolle von Journalisten.

Am vergangenen Mittwoch lud der neue Hamburger Finanzsenator Carsten Frigge ein Dutzend Hamburger Journalisten zu einem Hintergrundgespräch in seine Behörde. Wenige Stunden zuvor hatten fünf Staatsanwälte seine Privatwohnungen und seine Firma durchsucht. → weiterlesen

Ole von Beust und sein Finanz(affären)senator

Bürgermeister Ole von Beust hat seinen alten Weggefährten Carsten Frigge vor wenigen Wochen zum Finanzsenator gemacht. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen Frigge, sie durchsuchte seine Wohnungen, weil sie glaubt, er habe Beihilfe zur Untreue geleistet und sei tief in einen CDU-Finanzskandal in Rheinland-Pfalz verwickelt. Dafür, dass Hamburg nun mitten in der Finanzkrise einen verdächtigen und somit ohnmächtigen Finanzsenator hat, ist Ole von Beust ganz allein verantwortlich. Denn er wusste, was Frigge vorgeworfen wurde. Es stand nämlich schon 2008 in der Zeitung – nicht nur in Mainz:

Artikel von 2008 aus dem "Hamburger Abendblatt"
Artikel von 2008 aus dem „Hamburger Abendblatt“

Übrigens versuchte der CDU-Beust-Senat schon 2006 CDU-Mann und Beust-Freund Frigge mit einem lukrativen Auftrag zu versorgen. Dessen jetzt auch in den Finanzskandal verwickelte Beratungsfirma C4 sollte damals ein Sportstadtkonzept entwickeln. Eine Ausschreibung des laut SPD 50.000-Euro umfassenden Auftrags war offenbar nicht geplant. Nach Erscheinen des folgenden Zeitungsartikels verzichtete man schließlich auf die offizielle Vergabe des Auftrags an den CDU-Parteifreund. Der sollte nun plötzlich und einigermaßen überraschend „pro bono“ für den Beust-Senat tätig werden – obwohl er bei den CDU-Freunden in Rheinland Pfalz etwa zur gleichen Zeit offenbar 7400 Euro pro Tag kassierte, wie zumindest der Branchendienst „Werben und Verkaufen“ berichtet.

Artikel aus dem "Hamburger Abendblatt" von 2006

Damit, dass von Beust seinen Freund Frigge trotz aller bekannten Fakten zum Finanzsenator ernannte, hat er nicht nur der Stadt, sondern auch sich selbst und womöglich dem größten Anliegen des schwarz-grünen Senates geschadet: der Schulreform. Denn der Volksentscheid über die Primarschule droht angesichts des schlechten Bildes, dass der Senat abgibt, zu einer Generalabrechnung zu werden. Ein Kommentar:

Für Hamburg ist es ein einmaliger Vorgang, und auch bundesweit muss man lange suchen, um halbwegs ähnliche Fälle zu finden.→ weiterlesen

Warum Frauen nie nach oben kommen und Männer zu oft Indianer spielen

Der Hamburger Justizsenator Steffen (GAL) ist Mitautor eines grünen Männermanifests. Er fordert Freiheit fürs starke und Quoten fürs schwache Geschlecht. Ein Interview.

Herr Senator, Sie wurden nicht als Mann geboren. Könnten Sie uns das kurz erläutern?

 

Till Steffen auf dem Spielplatz
Ausriss aus der WELT: Der grüne Senator Till Steffen auf einem Spielplatz in Hamburg-Eimsbüttel. (Foto: Fabricius)

Till Steffen: Sie spielen auf das grüne Männermanifest an, in dem es heißt: „Man wird nicht als Mann geboren, man wird dazu gemacht.“

Genau. Wer oder was hat Sie demnach zum Mann gemacht?

Steffen: Auch ich bin in Deutschland groß geworden, wo schon im Kindergarten die Rollenerwartungen vorhanden waren.

Die 21 prominenten Grünen-Politiker aus ganz Deutschland, die das Manifest unterzeichnet haben, bezeichnen sich darin selbst als „männliche Feministen“. Heißt das, Männer sollen sich über das Thema Frauenrechte definieren?

Steffen: Nicht nur. Aber auch. Wir haben die Bezeichnung „männliche Feministen“ als bewusste Provokation gewählt. Wir wollen, dass Männer sich an der feministischen Debatte, also an der Debatte um die Gleichberechtigung der Geschlechter, beteiligen. Diese Debatte ist in den letzten Jahrzehnten fast ausschließlich von Frauen geführt worden. Aus der Gleichberechtigung können aber auch Männern neue Freiheiten erwachsen. Dafür müssen sie sich aber auch an der Diskussion beteiligen. Auch die Frauen müssen sich bewegen. Aus der Frauendebatte muss eine gleichberechtigt geführte Gleichberechtigungsdebatte werden.

Welche neuen Freiheiten versprechen Sie den Männern?

Steffen: Die festgelegten Geschlechterrollen sind ja auch für Männer ein Korsett, das ihnen mehr schadet als nützt. Es ist immer noch so, dass von den Männern in der Regel verlangt wird, die Familien zu ernähren. Es ist für Männer schwieriger als für Frauen, Zeit für Kinder einzufordern. Die Debatte um Gleichberechtigung muss auch eine Debatte sein, die Männerrechte stärker in den Vordergrund rückt. Und die den Männern zugleich sagt: „Gebt Macht ab! – Es lohnt sich.“

Eine abstrakte Debatte wird womöglich nicht viel nützen.

Steffen: Zunächst geht es darum, das Bewusstsein zu stärken, dass wir mit der Gleichberechtigung längst nicht am Ziel sind. Frauen machen zwar häufiger Karriere als früher. Wenn es um die echten Spitzenpositionen geht, um Vorstandsposten oder Chefredakteursstellen, um mal in Ihrem Bereich zu bleiben, dann ist Schluss mit der Gleichberechtigung, dann besetzen die Männer die wichtigen Posten.

Und was wollen die Grünen konkret dagegen unternehmen?→ weiterlesen

Ole von Beust, der Feierabendsozialist

Der Hamburger CDU-Bürgermeister Ole von Beust hat (mal wieder) auf den eigenen Bürgern herumgehackt. In der Stadt werde (vor allem von „den Reichen“) angegeben „wie in Düsseldorf“, befand von Beust. Dass sein Senat das städtische Vermögen nach der jüngsten Bilanz von vier Milliarden auf 60 Millionen Euro heruntergewirtschaftet, den Haushalt ruiniert, sich bei der Elbphilharmonie um Hunderte Millionen Euro verkalkuliert und den Eltern nun die Kitagebühren drastisch erhöht hat – das ist nicht sein Thema.

Auch darüber, dass unter seiner Verantwortung die HSH Nordbank gegründet und durch gigantische Glücksspielereien auf Kosten der Bürger in die Beinahepleite geritten wurde, möchte Herr von Beust weniger gerne sprechen. Er mag auch die Verantwortung für all dies nicht übernehmen. Ihm ist seit Wochen nur an einem gelegen: „Eliten“, „Reiche“ und mittels Volksinitiativen aufbegehrende Bürger für die Probleme Hamburgs verantworlich zu machen.

Statt einer Kolumne hier ein kleiner, wütender Fernseh-Monolog gegen das abgehobene Gebaren eines Mannes, der die Geschicke dieser Stadt immerhin seit beinahe neun Jahren leitet und die (keinesfalls nur, aber in vielen Punkten eben auch negativen) Folgen seiner Politik daher zu verantworten hat.  (Inklusive eines Scharmützels mit dem NDR-Landespolitik-Chef Jürgen Heuer).

Ausschnitte aus der „Hamburger Presserunde“ auf „Hamburg 1“  zum Thema „Reiche und egoistische Stadt Hamburg?“ vom 25. April 2010. Moderation: Karl Günther Barth („Hamburger Abendblatt“). Gäste: Peter Krämer (Reeder, Multimillionär und Großspender für Schulprojekte in Afrika), Michael Göring (Vorstand der ZEIT-Stiftung), Jürgen Heuer (NDR, Landespolitik-Chef), Jens Meyer-Wellmann (WELT). Die vollständige Sendung finden Sie hier.
Eine Sammlung von Jens Meyer-Wellmanns Kolumnen über den alltäglichen Familien- und sonstigen Wahnsinn gibt es unter dem Titel „Schrei mich nicht an, ich bin ein Wunschkind“ auch als eBook bei Amazon, und zwar hier.