Hamburg in der (Welt-)Literatur – eine (nicht ganz) zufällige Zusammenstellung

Vor ein paar Wochen hatte ich um Hilfe für einen Artikel zum Thema Hamburg in der (Welt-)Literatur gebeten. Auch dank vieler Rückmeldungen auf Facebook und im Blog entstand schnell eine ziemlich lange Liste. Ich habe daraus subjektiv dies und das ausgewählt und es mal in einem Text zusammengefasst, der jetzt (etwas kürzer als in der Blog-Version auch) in der “Welt am Sonntag” erschienen ist. Ein Kriterium bei der Auswahl war für mich, dass Hamburg nicht der alleinige Handlungsort und der Autor  kein Hamburger sein sollte. Es ging mir mehr um eine Außensicht auf die Stadt. Herzlichen Dank an alle Mithelfenden!

Natürlich ist es für die Hamburger eine kaum zu übertreffende Freude, wenn ihre Stadt in der Weltliteratur erwähnt wird und dabei auch noch gut weg kommt (während den Berlinern so etwas völlig wumpe ist). Das mag daran liegen, dass die Hamburger selbstverliebter und verliebter in ihre Stadt sind, als es mit dem angeblich so dezenten Hanseatentum vereinbar ist, das sie stets vor sich hertragen. Man weiß nicht genau, ob sie sich ihre Dezenz nur einbilden, oder ob es sich um eine dezente Eingebildetheit handeln.

So oder so: Zu steigern ist die Lust nur noch, wenn im selben Buch schlecht über Bremen geschrieben wird. Demnach müsste der 2004 erschienene Roman 2666“ von Roberto Bolaño bald Zwangslektüre in allen Hamburger Literaturseminaren werden.

IMG_2713In dem Roman des so jung in Spanien gestorbenen Chilenen, der von der internationalen Kritik als eines der besten Bücher mindestens des vergangenen Jahrzehnts gefeiert wurde, geht es um alles, was das menschliche Dasein ausmacht: um Sex und Gewalt, um Kunst und Verbrechen (etwa die Mordserie an Frauen in Mexiko), um Liebe und Tod – und um Literatur. Dass bei dieser Tragweite eine Weltmittelstadt wie Hamburg schon auf der ersten Seite auftaucht, darf einen Hanseaten mit diskretem Stolz erfüllen.

Ausgerechnet in Hamburg sucht in 2666 eine Horde trauriger Germanisten nach den Spuren des verschollenen Autors Archimboldi, der zu Beginn seiner Karriere von einem Hamburger Verleger unter Vertrag genommen worden war. Einer der Literatur-Detektive „schrieb an den Hamburger Verlag … erhielt aber nie eine Antwort”, heißt es auf der ersten Seite von 2666 – was immerhin kein Klischee ist, denn es steht eher zu vermuten, dass Hamburger in Wahrheit schnell und verbindlich antworten. Alte Kaufmannstugend. Aber vielleicht ist auch das bloß ein Stereotyp.

Später kommen Bolaño und seine Figuren dem Klischee schon näher, denn als sie nichts anderes zu tun haben, machen die Germanisten Pelletier und Espinoza einen Spaziergang durch die Stadt und landen unweigerlich auf dem Kiez, also im „Viertel der Prostituierten und Peep Shows”. Das allerdings hat auf die Männer nicht den gängigen Effekt, denn es macht sie beide so melancholisch, „dass sie einander von verflossenen Lieben und Enttäuschungen zu erzählen begannen”.

Tatsächlich hat der kurze Spaziergang dieser beiden Figuren von literarischem Weltrang eine heilende Wirkung. Denn als die Verlegerwitwe Bubis, die sie in einem „Altbau in einem Hamburger Nobelviertel” besuchen, ihnen bei der Suche nach dem verschollenen Autor nicht hilft, wird den beiden Literaturwissenschaftler auf „Sankt Pauli” schließlich klar, dass die Suche ihr Leben sowieso „niemals würde ausfüllen können”. Und als wichtigste in Hamburg gewonnene Erkenntnis begreifen Pelletier und Espinoza, „dass sie Liebe, nicht Krieg machen wollten“.

Genauso erbaulich wie diese Lehre oder Lebensentscheidung, die der Franzose und der Spanier von hier mitnehmen, ist für einen Hamburger die bösartige Beschreibung Bremens, wo sich die vier Hauptfiguren zu einem Kongress treffen. Sie essen in einem Restaurant „in einer dunklen, von alten hanseatischen Häusern gesäumten Straße, von denen einige aussahen wie ehemalige Verwaltungsgebäude der Nazis”.

Das Lokal, zu dem „einige wenige regennasse Treppenstufen hinunterführten”, konstatiert eine von ihnen, „könnte scheußlicher nicht sein”. Die Stadt ist nass und die Lichter leuchten überall, „als wäre Bremen eine Maschine, durch die von Zeit zu Zeit kurze, heftige Stromstöße zuckten”.

Natürlich hat Hamburg mehr zu bieten als erfundene Schriftsteller wie den verloren gegangenen Archimboldi – nämlich echte und berühmte Autoren. Zugleich hat die Stadt aber immer wieder auch als Bühne für bekannte Romane gedient und ist dabei nicht nur gut weggekommen.

BuddenbrooksIn den Buddenbrooks von Thomas Mann etwa stammt der skrupellose Kaufmann und spätere Pleitier Bendix Grünlich aus Hamburg. Der als ziemlicher Widerling gezeichnete 32-Jährige trägt einen Backenbart, „von ausgesprochen goldgelber Farbe“ und hat blaue Augen, die Tony Buddenbrook an die einer Gans erinnern. Trotzdem heiratet sie ihn von der Familie gedrängt. Tony bringt 80.000 Mark mit in die Ehe und bekommt in Hamburg eine Tochter von dem Gelbbart, der es nur auf ihr Geld abgesehen hat – und dennoch pleite geht, woraufhin Tony nach Lübeck zurückkehrt.

Neben solchen Verschlagenheiten mancher Kaufleute und einer zum Teil „sittenlosen Gesellschaft“ steht Hamburg aus der Sicht der Lübecker Buddenbrooks aber stets auch für das Neue, das Moderne und Noble, für die feinste Kleidung und die „reichen Verwandten“.

Weitaus fantastischer geht es in Jules Vernes 1864 erschienen Roman „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ zu, in dem der Hamburger Professor Otto Lidenbrock mit Hilfe eines geheimen Dokumentes den Weg durch einen Vulkan zum Erdmittelpunkt findet. Lidenbrock, der „Oheim“ des Ich-Erzählers, „wohnte auf der Königsstraße in einem eigenen kleinen Hause, das halb aus Holz, halb aus Ziegelstein gebaut war, mit ausgezacktem Giebel“, heißt es in dem Buch. „Es lag an einem der Canäle, welche in Schlangenwindungen durch das älteste Quartier Hamburgs ziehen, das von dem großen Brand im Jahre 1842 glücklich verschont wurde; sein Dach saß ihm so schief, als einem Studenten des Tugendbundes die Mütze auf dem Ohr; das Senkblei durfte man an seine Seiten nicht anlegen; aber im Ganzen hielt es sich fest, Dank einer kräftigen in die Vorderseite eingefügten Ulme, die im Frühling ihre blühenden Zweige durch die Fensterscheiben trieb.“

Dass Jules Vernes Hamburg zum Schauplatz wählte dürfte mit einer Reise zu tun haben, die er 1861 von Paris über Hamburg nach Skandinavien unternahm, und von der Tagebuchaufzeichnungen erhalten sind.

Wo wir gerade im 19. Jahrhundert und beim Großen Brand sind: Natürlich kommt Hamburg auch in Heinrich Heines satirischem Versepos „Deutschland. Ein Wintermärchen“ aus dem Jahr 1844 vor. Zwei Jahr zuvor hatte das Feuer weite Teile der Altstadt zerstört und so dichtet Heine: „Die Stadt, zur Hälfte abgebrannt, wird aufgebaut allmählich; wie ’n Pudel, der halb geschoren ist, sieht Hamburg aus, trübselig. Gar manche Gassen fehlen mir, die ich nur ungern vermisse – wo ist das Haus, wo ich geküsst der Liebe erste Küsse?“

Immerhin kann sich der trauernde Dichter an den Hamburger Delikatessen trösten: „Als Republik war Hamburg nie do groß wie Venedig und Florenz, doch Hamburg hat bessere Austern; man speist die besten im Keller von Lorenz.“

220px-TheTempleIm 20. Jahrhundert wird Hamburg in den Romanen bisweilen zu einem Sinnbild für körperliche Freiheit und Lebenslust, aber auch für die Verruchtheit, die eine Hafenstaat mit notorischer Prostitution und Bordellen bis in weite Ferne ausstrahlt. Für den britischen Schriftsteller Stephen Spender stehen Deutschland und Hamburg im 1930 geschriebenen Roman „Der Tempel“ für eine Welt der Offenheit gegenüber Sexualität und Körperlichkeit.

Hauptfigur Paul Schoner besucht 1929 einen Bekannten in Hamburg, der einer reichen Familie mit pompöser Villa an der Alster entstammt. Während im prüden England die Menschen nach den Schrecken der Ersten Weltkriegs noch bemüht sind, ihr gewohntes Leben weiterzuführen, manifestiert sich für Paul in Deutschland ein Aufbruch der Jugend, der sich in Wandervogel und Körperkultur ausdrückt. Obschon sich der Niedergang in den braunen Horror bereits abzeichnet, genießt der Hauptdarsteller die letzten Ausläufer einer kurzen Zeit der Freiheit. Das Buch ist erst in den 1980er erschienen – offenbar auch wegen seiner offenen Darstellung von Homosexualität.

Als Stadt der Prostituierten und Bordelle, taucht Hamburg auch in Friedrich Dürrenmatts Stück „Der Besuch der alten Dame“ auf. Die entehrte und schwangere 17-jährige Klara Wäscher verlässt in der Tragikkomödie ihre Heimat, die fiktive schweizerische Kleinstadt Güllen, und fährt mit dem Zug nach Hamburg.

Dort schafft sie in einem Bordell an, bis der „Zachanassian mit seinen Milliarden aus Armenien“ sie findet und mit sich nimmt. „Meine roten Haare lockten ihn an, den alten, goldenen Maikäfer“, erzählt die nunmehr alte Dame, die als Milliardärin Claire Zachanassian nach Güllen zurückkehrt, um tödliche Rache an dem Mann zu nehmen, der sie einst entehrte.

IMG_2714Als musikalische Hafenstadt kommt Hamburg bei einem anderen Schweizer Schriftsteller vor, nämlich in Friedrich Glausers 1936 erschienen ersten Wachtmeister Studer-Roman. Der kauzige Polizist ermittelt in einer Mordsache in einem Kaff namens Gerzenstein, das sich für ihn vor allem dadurch von anderen Dörfern unterscheidet, dass überall Lautsprecher stehen und aus allen Häusern Musik oder lautes Reden zu hören ist.

Die Gerzensteiner sind große Radiofreunde, was den ständig Brissago rauchenden Wachtmeister eher irritiert als erfreut. Ganz am Ende jedenfalls, der Fall ist nunmehr geklärt, muss sich Studer aus einem fahrenden Wagen werfen, wird schwer verletzt und landet im Krankenhaus, im „Gemeindespital Gerzenstein”, um genau zu sein. Als er schließlich nach ein paar Tagen wieder richtig zu sich kommt, hört er natürlich als erstes Musik, wie man es in Gerzenstein wohl auch nicht anders erwarten kann.

“Was ist das?”, fragte Studer?“Hafenmusik – Hamburg”, sagte die Schwester. Gerzenstein und die Lautsprecher”, murmelte StuderUnd dann gab es Milch und Weggli und Anken und Konfitüre.

Wobei man wissen muss, dass das Hamburger Hafenkonzert zum ersten Mal 1929 über den Äther ging, also sieben Jahr vor Erscheinen dieses Krimis – und damit laut NDR die älteste bis heute ausgestrahlte Radio-Sendung ist. Sie ist jeden Sonntag um sechs Uhr zu hören, genau zur richtigen Zeit für ein Frühstück im Gemeindespital. Übrigens ist von Hamburg fortan nicht mehr die Rede in Glausers Roman. Wie vorher auch schon nicht.

odessaEine gewichtigere Rolle spielt Hamburg im 1972 erschienen Thriller „Die Akte Odessa“ von Frederick Forsythe. Darin kommt der Hamburger Journalist Peter Miller beim Recherchieren über den Selbstmord des alten Salomon Tauber einer Verschwörung alter Nazis auf die Spur. Die Geschichte beginnt am Tage der Ermordung John F. Kennedys.

Miller kommt in seinem Jaguar zurück vom Haus seiner Mutter im „Vorort“ Osdorf. Als er an einer roten Ampel in der Stresemannstraße steht, überholt ihn ein Polizeiwagen mit Blaulicht – und Miller rast hinterher und mitten hinein in die Geschichte der Akte Odessa.

Auch John le Carré lässt einige seiner Spionage-Thriller in Hamburg handeln – kein Zufall, war er doch Anfang der 1960er Jahre als MI5-Agent für einige Jahre in Hamburg stationiert. Der 2008 erschienene Roman „Marionetten“ befasst sich mit der von Angst und Verdacht geprägten Welt nach den Anschlägen des 11. September 2001 – und spielt natürlich in der Hansestadt, wo die Terrorzelle ihre weltstürzenden Angriffe vorbereitete.

„Seit den Anschlägen vom elften September waren die Hamburger Moscheen gefährliche Orte geworden“, heißt es in dem Buch bald zu Beginn. „Niemand, sei er Muslim, Polizeispitzel oder beides, konnte vergessen, dass der Stadtstaat Hamburg, ohne es zu ahnen, drei der Attentäter vom elften September nebst weiteren Zellenmitgliedern und Mitverschwörern beherbergt hatte und dass Mohammed Atta, der mit dem ersten Flugzeug in die Zwillingstürme gekracht war, in einer bescheidenden Hamburger Moschee zu seinem grimmigen Gott gebetet hatte.“ Aber: Ist der junge über die Türkei eingereiste Tschetschene, der Zuflucht bei einer Familie in Altona gesucht hat, wirklich ein Terrorist – oder nur ein Flüchtling, der ein besseres Leben sucht?

Nach der Verruchtheit von „Sankt Pauli“, Hafen, Nazis und anderen Verbrechern bleibt noch ein Thema zu besprechen: das Wetter. In Haruki Murakamis „Naokos Lächeln“ dient Hamburg vor allem als Sinnbild für das trübe Wetter, das man ihm nachsagt, und das bestens zur Melancholie der Erzählers passt, der von einer verlorenen Jugendliebe berichtet.

„In ihrem Anflug auf Hamburg tauchte die riesige Maschine in eine dichte Wolkenschicht ein“, heißt es zu Beginn des Buches. „Trüber, kalter Novemberregen hing über dem Land und ließ die Szenerie wie ein düsteres flämisches Landschaftsbild erscheinen: Die Arbeiter in ihren Regenmänteln, die Fahnen auf dem flachen Flughafengebäude, die BMW-Reklametafeln. Ich war also wieder einmal in Deutschland.“

arnoschmidtFehlt nur noch die Apokalypse: In der 1951 erschienen Erzählung „Schwarze Spiegel“ von Arno Schmidt ist das Ende gekommen. Der letzten Menschen vagabundiert als Ich-Erzähler nach dem Dritten Weltkrieg durch die Welt, bis er sich ein Holzhaus in der Lüneburger Heide baut. Um es einzurichten, unternimmt er eine Fahrt mit dem Fahrrad ins menschenleere Hamburg, wo er Museen und Bibliotheken plündert.

Erst nach fünf Jahren begegnet er einer Frau, die er aber am Ende wieder ziehen lassen muss. Spötter behaupten, die Erwähnung Hamburgs sei (angesichts der sonst nicht so häufigen Nennung in der hohen Literatur) ein Grund dafür gewesen, dass der Senat 2004 den Platz vor der Zentralbibliothek am Hühnerposten Arno-Schmidt-Platz taufte.

Was also ist Hamburg in (der literarischen) Wahrheit – gemessen an dieser (ebenso zufälligen wie unvollständigen) Liste seiner Erwähnungen? Genau: Eine reiche, ein wenig versnobte und ziemlich verruchte Hafenstadt mit dem ältesten Radiokonzert der Welt, allerlei finsteren Gestalten und vielen Puffs, die einsame Seelen im Novemberniesel zum Aufwärmen laden – und außerdem mit einer Vielzahl von Museen und Bibliotheken, mit deren Werken man sich auch nach der Apokalypse geistig über Wasser halten kann.

Es ginge sicher schlechter. Aber lassen wir es Heinrich Heine sagen, der kann das besser: „Bleib bei mir in Hamburg, ich liebe dich. Wir wollen trinken und essen. Den Wein und die Austern der Gegenwart. Und die dunkle Zukunft vergessen.“

Nachbemerkung: Hilfreich bei der Suche nach Handlungsorten von Romanen sind Seiten wie Goodreads, HandlungsreisenBookssetin und natürlich das Projekt Gutenberg. An der Hamburger Uni bin ich auf keine Untersuchung zum Thema Hamburg-Bilder in der Literatur gestoßen. Dabei hätte ich gewettet, dass es dazu massenhaft Arbeiten gibt. Allerdings hat mir Prof. Rainer Nicolaysen, Vorstand des Vereins für Hamburgische Geschichte, ein paar wertvolle Tipps gegeben. Der Mann weiß einfach alles, wenn es um Hamburg geht. Folgende Bücher, die auch auf meiner zufälligen Hamburg-Liste standen, habe ich im Artikel nicht erwähnt: Uwe Timms “Die Entdeckung der Currywurst”, Hubert Fichtes “Die Palette”, Alexandre Dumas’ “Lady Hamilton” oder Klaus Manns “Mephisto”. Außerdem kommt Hamburg wohl auch in Stieg Larssons “Verdammnis”, Robert Harris’ “Vaterland” und Thomas Pynchons “Die Enden der Parabeln” vor. Hab ich aber nicht überprüft.

Wenn Bürgermeister reisen:
Skandälchen gibt’s immer

Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz fliegt nach Schweden. Irgendein Skandälchen wird es sicher auch in Skandinavien geben. Denn kaum eine Bürgermeisterreise kommt ohne echten oder künstlichen Eklat aus. Ein kleiner Rückblick auf die Aufreger der jüngeren Reisen der Senatschefs – in diesem Text, der am Ende der Südamerikareise von Scholz im April 2013  in der “Welt am Sonntag” gedruckt wurde. 

Natürlich gab es auch diesmal einen Skandal, oder sagen wir: ein Skandälchen. Es hat ja im Grunde kaum eine Bürgermeisterreise ohne irgendeinen Eklat gegeben.

Was nicht unbedingt etwas über die Integrität oder Professionalität der Hamburger Senatschefs oder ihrer Stäbe aussagt – aber sehr viel über die Gruppendynamik dieser Reisen, auf denen standesbewusste Unternehmensführer, bisweilen sehr spezielle Wissenschaftler, PR-süchtige Politiker und dauererregte Journalisten miteinander ins Geschäft kommen müssen und einander dabei tagelang nicht entfliehen können.

Egal ob in China, Indien, Arabien oder Südamerika: Man sitzt in diesen Delegationen vom Frühstück bis zum nächtlichen Caipi zusammen, in Konferenzsälen, Flugzeugen, Schiffen und Bussen. Immer etwas gestresst, bisweilen zugleich müde und aufgekratzt. Man hetzt gemeinsam durch die voll gepackten Tage und irgendwann ist es so, als reise man mit Freunden.

Das ist natürlich ein Irrtum, denn jeder verfolgt ja seine eigenen Interessen. Der politische Stab will den Bürgermeister im besten Lichte sehen. Die mitgereisten Parlamentarier der Opposition fühlen sich notorisch benachteiligt und müssen, das ist ihr Job, öfter mal herumkritteln. Die Unternehmer wollen Geschäfte machen.

Olaf Scholz vor der Kaffeebörse in Santos

Olaf Scholz vor der Kaffeebörse in Santos

Und die Journalisten suchen inmitten all der langweiligen Termine in Regierungsgebäuden und Konzernzentralen ständig nach Geschichten, die mehr Sex haben als das Händeschütteln und die blechernen Statements älterer Herren (Damen kommen auf solchen Reisen weniger vor). Schließlich stehen Medienleute (wie Politiker) unter Rechtfertigungsdruck: Warum überhaupt macht man solche Reisen? Was das wieder kostet!

So entsteht ein Biotop, in dem nichts besser gedeiht als der Weiterlesen →

Heino, Godwin und der Undercut

In dieser Woche kam ein halbwüchsiger Verwandter zu Besuch, und ich war, als ich ihm öffnete, kurz davor, mit den Hacken zu knallen und eine schon länger verbotene Grußgeste zu machen. Der Junge war gerade beim Friseur gewesen, und was er jetzt auf dem Schädel trug, erinnerte mich an Sportpalast, Fackelmärsche und völkisches Gedröhne. Rundrum ausrasiert und oben etwas länger.

„Warum hast du dir denn einen Nazischnitt zugelegt?“, fragte ich. Woraufhin er antwortete, das sei ein völlig unpolitischer, aber “total angesagter” Undercut. Marco Reus trage das auch so, und außerdem: „Seit wann hast DU Ahnung von Haaren? Du hast doch seit 30 Jahren keine Bürste mehr benutzt.“

Nazivergleiche gehen eben immer schlecht aus für den, der sie zieht. Nach Godwin’s Law mündet übrigens jede Debatte über kurz oder lang in einen Nazivergleich, jedenfalls im Internet. Gemäß einer Weiterentwicklung dieses Gesetzes ist es ratsam, die Diskussion in diesem Fall sofort mit einem schneidigen „Godwin!“ zu beenden. Denn Debatten, in denen Hitler bemüht werde, seien ohnedies intellektuell am Ende.

Was nicht bedeutet, dass der Hamburger HipHopper Jan Delay ein Intellektueller war, bevor er jetzt den Volkssänger Heino als Nazi bezeichnete. Denn genau genommen war das ja gar kein Vergleich.

Erschienen am 27. April 2014 in der Rubrik “Nordlicht” der “Welt am Sonntag” und am 29. April 2014 als “Zwischenruf” im “Hamburger Abendblatt”. 

 

Von unten, ohne Sahne

Telemichel

Wirklich schade, dass es seit Jahren schon kein Café mehr oben auf dem Hamburger Fernsehturm gibt.

Ich erinnere mich noch, wie ich in den späten 1980ern da oben Erdbeerkuchen mit Sahne gegessen habe.

Gibt es eigentlich irgendeine andere Stadt, in der es aus Brandschutzgründen nicht möglich ist, einen Blick vom Fernsehturm zu werfen?

Einziger Trost: Von unten sieht der Telemichel auch ganz schick aus. Außerdem soll Sahne ja angeblich fett machen.

 

 

Die U-Bahn-Pläne des Hamburger Senates: Bisher nur eine schwammige Vision

Hamburger Rathaus, 9. April 2014, gegen 13.20 Uhr

Vorstellung des U-Bahn-”Konzeptes”.
Rathaus Hamburg, 9. April 2014, 13.20 Uhr.

Es heißt ja, man sei immer klüger, wenn man aus dem (Hamburger) Rathaus komme. Für mich galt das heute nicht. Ich war bei einer außerordentlichen Landespressekonferenz, die ausnahmsweise nicht im großen Raum 151, sondern im ziemlich überfüllten, weil viel kleineren Raum 186 im ersten Stock stattfand. Gerufen hatten Wirtschaftssenator Frank Horch und Hochbahn-Chef Günter Elste – zur Vorstellung ihres “Konzeptes” für eine neue Hamburger U-Bahnlinie, die U5, über das wir bereits am Dienstag vorab berichtet hatten. Mich hat das, was die beiden Herren heute ab 13.30 Uhr gesagt, oder besser: nicht gesagt haben, nicht wirklich klüger gemacht. Das lag vielleicht auch daran, dass die SPD ihre Pressekonferenz offenbar extra kurz vor der Bürgerschaftssitzung anberaumt hatte – was dazu führte, dass wir Journalisten am Ende gar nicht alle unsere Fragen loswurden. Was bei einem solchen Milliarden-Projekt, wie ich finde, ein unangemessener Umgang mit Medien und Öffentlichkeit ist. Aber selbst die Fragen, die gerade noch gestellt werden konnten, wurden nicht offen beantwortet. Ich habe zu dem Thema U-Bahn und zu der Art der Präsentation des Projektes den folgenden Kommentar für das Abendblatt vom 10. April 2014 geschrieben.

Die Rechnung bitte!

Bürgermeister Olaf Scholz muss sagen, wie er seine neue U-Bahn bezahlen will

Man kann diese Pressekonferenz auch als Tabubruch lesen. Da setzten sich also am Mittwoch der parteilose Wirtschaftssenator Frank Horch und der Hochbahn-Chef Günter Elste (SPD) im Rathaus vor die Presse und verkündeten ein „Jahrhundertprojekt“, wie es Elste selbst nannte. Sie wollen eine neue U-Bahnlinie bauen, die Bramfeld und Osdorf über die Innenstadt verbindet und nach derzeitigen Schätzungen bis zu 3,8 Milliarden Euro kosten könnte.

Klar: So eine U5 wäre eine dolle Sache. Nicht nur für die Menschen in Bramfeld, Steilshoop, Osdorf und Lurup – sondern für die ganze Stadt. Dummerweise konnten die beiden Herren aber nicht so genau sagen, wer ihr Jahrhundertprojekt bezahlen und wann mit dem Bau begonnen werden soll. Stattdessen erzählte der Wirtschaftssenator von der Fortsetzung der Arbeit unserer Vorväter und verstieg sich zu der Aussage, es sei bei solchen Grundsatzentscheidung nicht so wichtig, ob ein Streckenkilometer 50 oder 100 Millionen Euro koste.

Als Hamburger zuckt man schon beim Begriff „Jahrhundertprojekt“ seit einer Weile reflexhaft zusammen. Ein solcher Satz von einem Wirtschaftssenator, in der ihm eigenen laxen Art dahingesagt, lässt einen dann richtig schaudern. Denn das erinnert an die Aussage von Ex-Bürgermeister Ole von Beust beim Blick auf das von ihm angerichtete Elbphilharmonie-Desaster: Wer sich jemals Weiterlesen →

Hamburg in der modernen
(Welt-)Literatur – Beginn einer Suche

Eine Einladung zur gemeinsamen Sammlung von Hamburg-Stellen in der internationalen Belletristik

Natürlich war das eine womöglich peinliche, auf jeden Fall pathetische Erregung. Aber als ich vor ein paar Jahren den Roman 2666 las, habe ich mich über alle Maßen gefreut, dass darin schon auf der ersten Seite von Hamburg die Rede ist. Ich hatte gar nicht damit gerechnet.

Hamburg. Der Spaziergang führte sie unweigerlich ins Viertel der Prostituierten und Peep Shows

…unweigerlich ins Viertel
der Prostituierten und Peep Shows…

Immerhin hat das monumentale Werk des schon so jung gestorbenen chilenischen Schriftstellers Roberto Bolaño fast 1100 Seiten. Es geht in dem Roman, falls es überhaupt ein Roman ist, um alles, was das menschliche Dasein so ausmacht, um Sex und Gewalt, um Kunst und Verbrechen, Liebe und Tod, um die Morde an jungen Frauen in Mexiko, um Literatur, das Universum und den ganzen Rest, den ich aus Platzgründen hier nicht auch noch erwähnen kann. Vielleicht muss man nur noch hinzufügen, dass alle immerzu energisch gegen ihre Ängste anvögeln, wenn diese grobe Zusammenfassung hier gestattet ist.

Und es geht bei all dieser Tragweite trotzdem auch noch um Hamburg (was den Lokalpatrioten in mir weckte, von dem ich gerne behaupte, er existiere gar nicht). Außerdem geht es auch um Bremen. Hamburg aber ist natürlich viel wichtiger, weil nämlich ein vermisster Autor namens Archimboldi, der von einer Horde trauriger Germanisten gesucht wird, am Beginn seiner Schriftstellerkarriere von einem Hamburger Verleger unter Vertrag genommen wurde.

Am Fuß der ersten Seite dieses aberwitzigen Buches  (von dem ich später einmal gedacht habe, es könne eines der entfernten Vorbilder für Herrndorfs “Sand” gewesen sein), heißt es also: “Er schrieb an den Hamburger Verlag, in dem D’Arsonval erschienen war, erhielt aber nie eine Antwort.” Das ist immerhin kein Klischee, jedenfalls kein mir bekanntes: dass Hamburger nicht antworten, auf Briefe oder sonst irgendwelche formalen Anrufungen. Ich hatte das immer eher umgekehrt eingeschätzt: Hamburger antworten schnell und verbindlich. Alte Kaufmannstugend.

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Schweigend kehrten sie
mit dem Taxi ins Hotel zurück

Später kommen Bolaño und seine Figuren dem Klischee schon näher, denn als sie nichts anderes zu tun haben, machen die beiden Germanisten Pelletier und Espinoza einen Spaziergang durch die Stadt und landen (natürlich) unweigerlich auf dem Kiez, also im “Viertel der Prostituierten und Peep Shows”. Das allerdings hat auf die Männer nicht den üblichen Effekt, denn es macht sie beide so melancholisch, “dass sie einander von verflossenen Lieben und Enttäuschungen zu erzählen begannen”.

Tatsächlich hat der kurze Spaziergang dieser beiden Figuren von literarischem Weltrang (was keine Übertreibung ist, denn 2666 gehört zweifelsfrei zu den weltweit am meisten und vollkommem zu Recht hymnisch gefeiert Büchern der vergangenen Jahrzehnte) . . .  - hat also dieser Spaziergang durch “Sankt Pauli”, wie es ein paar Seiten weiter heißt, eine heilende Wirkung auf die unterdessen berühmt gewordenen Herren Pelletier und Espinoza. Und das trotz der Enttäuschung, die sie beim Besuch der Verlegerwitwe Bubis in einem “Altbau in einem Hamburger Nobelviertel” erleben: Diese kann oder will ihnen bei der Suche nach dem verschollenen Autor nämlich nicht helfen.

Umso besser, dass den beiden Literaturwissenschaftler auf “Sankt Pauli”  klar wird, dass die Suche nach dem verschollenen Autor ihr Leben sowieso “niemals würde ausfüllen können”. Und dann gibt es noch eine andere, vielleicht die wichtigste Erkenntnis, die sie aus Hamburg mitnehmen: “Pelletier und Espinoza begriffen in Sankt Pauli (…), dass sie Weiterlesen →

Netzigkeiten werden zu Hamburg-Notizen

Es gibt in Hamburg bekanntlich hin und wieder diese Tage, an denen man nicht sicher sein kann, dass es jemals wieder aufhört zu regnen. Am besten fährt man dann an die Elbe, denn eines der unergründlichen kosmischen Gesetze besagt: Sobald genügend Hamburger trotz Schietwetter guter Dinge am Elbstrand spazieren gehen, beginnt die Sonne neugierig durch die Wolken zu glotzen. Mancher aber…

hamburg10k

…bleibt manchmal doch lieber zu Hause. Und bastelt an seinem Blog. Das habe ich selbst zum Beispiel am Sonnabend getan – und aus den Netzigkeiten sind dabei die Hamburg-Notizen geworden. Netzigkeiten, das war zunächst ja nur nur ein Arbeitstitel aus einem verkorkstes Wortspiel, nun also endlich hinfort damit. Ab jetzt ist diese Seite unter hamburgnotizen.de und hamburg-notizen.de erreichbar.

Außerdem habe ich dem Blog ein neues Layout verpasst – mit Hilfe des schön schlichten Graphy-Themes von WordPress. Vorteil: Es ist “responsive”, sollte sich also auf mobilen Geräten genauso gut lesen lassen wie auf stationären. (Ein bisschen rumfrickeln muss ich noch immer, z.B. bei der Header-Breite, damit die Titelzeile nicht auf manchen  Geräten so hässlich umbricht…)

Oben im Menü findet sich nun ein Link zu meinen liebsten Hamburg-Fotos. Falls jemand meine Bilder für sich nutzen möchte, wäre ich dankbar für einen kurzen Hinweis per Mail und eine Quellenangabe am Ort der Nutzung.

Ich habe mir übrigens fest vorgenommen, die Hamburg-Notizen intensiver zu pflegen als zuletzt die Netzigkeiten. Ob das gelingt, liegt allerdings nicht allein in meiner Macht. Hängt ja auch vom Wetter ab.

Die Fehler des Hamburger SPD-Senates beim Rückkauf der Energienetze

Per Volksentscheid haben die Hamburger im September 2013 knapp für einen vollständigen Rückkauf der Energienetze in ihrer Stadt votiert. SPD-Bürgermeister Olaf Scholz hat zugesagt, das Vorhaben professionell umzusetzen und damit auch energisch begonnen – obwohl er gegen den Kauf war. Nun aber zeigen sich erste gravierende Probleme. Möglicherweise könnte der Rückkauf sogar noch scheitern. Daran ist Scholz selbst nicht ganz unschuldig. Ein Kommentar. 

Eigentlich war es ein guter Moment für Olaf Scholz, als er am Vormittag des 16. Januar im Rathaus vor die Presse trat. Zwar hatte der Bürgermeister lange gegen den vollständigen Rückkauf der Energienetze gekämpft. Nun aber war es immerhin gelungen, den wichtigsten Teil des Volksentscheids fristgemäß umzusetzen.

Landespressekonferenz am 16. Januar 2014

Landespressekonferenz am 16. Januar 2014

Das Stromnetz war gekauft, der Rückkauf der Fernwärme vereinbart. Aus der Niederlage bei der Abstimmung im September hatte Scholz, ganz überzeugter Demokrat und solider Handwerker, einen kleinen Sieg gemacht. Selbst die Berufskritiker vom BUND und die Grünen zollten ihm Respekt.

Nur ganz kurz wurde der Senatschef an jenem Vormittag ein wenig fünsch: Als jemand fragte, warum denn die Fernwärme erst 2019 gekauft werde, wo der Volksentscheid den vollständigen Rückkauf doch für 2015 verlange. Schmallippig antwortete Scholz, dass der Entscheid ja nur „zulässige Schritte“ vorsehe und dass die Abmachung mit Vattenfall anders nicht möglich gewesen sei. Weitere Nachfragen gab es nicht.

Im Nachhinein lässt sich der Unmut des Bürgermeisters womöglich besser verstehen. Denn mittlerweile wird immer klarer, dass Weiterlesen →

Wie man die Behörden zur Offenheit zwingt: Zwölf Fakten zum Hamburger Transparenzgesetz

Es ist ein deutschlandweit einmaliges Vorhaben: Mit dem im Oktober 2012 verabschiedeten Transparenzgesetz strebt Hamburg als erstes Bundesland eine beinahe gläserne Verwaltung an. Schon jetzt können die Bürger Einblick in viele städtische Akten beantragen, und zum 6. Oktober 2014 wird der Kernstück des Projektes umgesetzt: Dann sollen alle unter das Gesetz fallenden Dokumente in einem Informationsregister ins Internet gestellt werden. 

1. Warum wurde das Gesetz eingeführt?

Ziel des Gesetzes ist es, die Bürger mit der Verwaltung ihrer Stadt „auf Augenhöhe“ zu bringen, schreibt der Senat. Entscheidungen der Behörden sollen nachvollziehbar gemacht werden, um die Menschen „stärker an der Gestaltung des Gemeinwesens zu beteiligen“. Mehr Transparenz soll dabei auch Korruption und Misswirtschaft vorbeugen, so die Hoffnung.
Die Einführung des Gesetzes geht auf die Volksinitiative „Transparenz schafft Vertrauen“ zurück, an der der Verein „Mehr Demokratie“, der Chaos Computer Club und Transparency International beteiligt waren. Gemeinsam mit der Bürgerschaft einigte man sich auf das Gesetz.

2. Gibt es Vorbilder in anderen Ländern?

In manchen Ländern ist der Staat schon seit Jahrzehnten verpflichtet, seine Akten den Bürgern zugänglich zu machen. Prominentes Beispiel ist der „Freedom of Information Act“ der USA, der 1967 inkraft gesetzt und 1974 zugunsten der Bürger reformiert wurde. Danach ist die Regierung gegenüber den Bürgern auskunftspflichtig. Eine offene Mentalität gibt es etwa auch in skandinavischen Ländern. In Norwegen sind sogar Steuererklärungen im Internet einsehbar, so dass jeder Bürger das Einkommen seines Nachbarn kennt.

3. Welche Akten können Bürger auf Antrag einsehen?

Grundsätzlich unterliegen der Auskunftspflicht „alle amtlichen Informationen, die in behördlichen Akten oder sonstigen Speichermedien erfasst sind, sofern dem Informationszugang nicht gesetzliche Vorschriften, insbesondere Schutzvorschriften zugunsten Dritter, entgegenstehen“. Dazu gehören auch Karten und Daten des Landesbetriebes für Geoinformation und Vermessung. Geschützt sind Geschäftsgeheimnisse und personenbezogene Daten. Letztere müssen unkenntlich gemacht werden. Ebenfalls ausgeschlossen sind Daten, deren Weitergabe nach „höherrangigem Recht“ verboten ist – also etwa Dokumente zu Sicherheitsbelangen.

4. Wie beantragt man Akteneinsicht, was kostet sie, wie lange dauert’s?

Anträge können schriftlich, mündlich, telefonisch, per Fax oder E-Mail bei der zuständigen Stelle gestellt werden. Auskunftspflichtig sind alle Behörden und Anstalten, Körperschaften und Stiftungen öffentlichen Rechts. Ist eine Stelle nicht zuständig, so muss sie dem Antragsteller mitteilen, welche andere Behörde ihm weiterhilft.

Die Spanne der Gebühren reicht von null bis Weiterlesen →

Lahmes Deutschland: Unser Internet ist zu langsam. Die Politik tut zu wenig.

Statt der von Internetminister Dobrindt angekündigten “Allianzen” braucht es endlich Investitionen. Deutschland ist im internationalen Vergleich in Sachen Netz zuletzt immer weiter abgerutscht.

Einer der klassischen Kommentare geht so: “Ja, was ihr macht, ist richtig. Aber ihr macht es zu spät. Und ihr macht es nicht intensiv genug.” Genau so ein Kommentar ist dies hier. Jedenfalls beginnt er so. Maut- und Internetminister Alexander Dobrindt hat am Freitag eine “Netzallianz” ins Leben gerufen. Er will Deutschland zu einer führenden Internetnation machen und dafür die Netzanschlüsse flächendeckend ausbauen. Ja, das ist gut! Aber warum so spät?

Hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht schon 2009 die große Netzinitiative angekündigt? Wollen CDU und CSU jetzt etwa in jeder Wahlperiode einen neuen ersten Spatenstich für den großen Netzausbau mit uns feiern, ohne dass die neuen Leitungen wirklich verlegt werden – so ähnlich wie es Ex-Bausenator Wagner ungezählte Male beim Bau der Hamburger Flughafen-S-Bahn tat?

Dass die Netzinitiative reichlich spät kommt, zeigen die Zahlen. Deutschland ist im internationalen Vergleich der Geschwindigkeiten von Internetanschlüssen zuletzt immer weiter abgerutscht. Im dritten Quartal 2013 lagen wir nur noch auf Platz 27. Während in asiatischen Staaten wie Südkorea, Japan oder Hongkong am schnellsten gesurft wird, gehört Deutschland selbst innerhalb Europas zu den Langsamsten.

Wobei der Begriff “Surfen” es längst nicht mehr auf den Punkt bringt. Zu sehr hört sich das nach Freizeitspaß und Gedöns an. Dabei geht es beim Thema Internetgeschwindigkeit natürlich nicht in erster Linie darum, schneller bei Facebook Dackelbilder zu posten oder bei WhatsApp (oder Threema) Smileys zu verschicken. Nein, es geht um nicht weniger als die wirtschaftliche Konkurrenzfähigkeit unseres Landes.

Künftig wird es fast keinen Bereich der Wirtschaft mehr geben, der ohne ständigen, sicheren und umfassenden Datenfluss auskommt. Das gilt für Industrie- und Dienstleistungen, Medizin, Medien und die Finanzbranche über den Einzelhandel bis hin zur Agrarwirtschaft.

Dabei hat die digitale Revolution eben erst begonnen. Das “Internet der Dinge” oder die M2M-Technologie, bei der Maschinen mit Maschinen kommunizieren (etwa Automaten, die selbst nachbestellen, wenn sie leer sind), werden die Datenströme weiter anschwellen lassen. Das heißt: Wer am Ende die schlechteren Datenverbindungen (stationär wie mobil) hat, dessen Wirtschaft wird die schlechteren Ergebnisse erzielen. Auch im Privaten werden immer größere Datenmengen bewegt: durch YouTube oder On-demand-Serien wie “House of Cards”, bei der Online-Weiterbildung oder der digitalen Kommunikation.

Für all diese neuen Bedarfe ist unser Netz bisher nicht ausgelegt. Nun kann man sich freuen, dass die Regierung überhaupt etwas tut. Oder so tut, als täte sie etwas. Aber sie tut nicht genug. Das jetzt in Dobrindts Netzallianz ausgegebene Ziel, bis 2018 flächendeckend 50Mbit-Breitbandanschlüsse zu legen, reicht nach Ansicht von Experten nicht aus – zumal andere Staaten ambitioniertere Ziele anpeilen.

Und: Es ist gar nicht klar, wer den Ausbau bezahlen soll. Die großen Unternehmen wie die Telekom zeigen wenig Eile, und man kann sie in der jetzigen Konstellation auch nicht dazu zwingen. Und die Große Koalition hat die Milliarde, die zum Anschub des Ausbaus vorgesehen war, wieder aus dem Koalitionsvertrag gestrichen. Zu Recht beklagen sich nun die Kommunen und fordern mehr Engagement des Bundes und der Länder.

Minister Dobrindt aber steht ohne einen Ausbau-Cent da, seltsam machtlos, ein Digitalminister im Funkloch. Seine Sonntagsreden und freitäglichen Allianzen führen eben nicht zum Netzausbau. Wir brauchen kein Gerede mehr, sondern milliardenschwere Investitionen. Und zwar gestern. Diese Erkenntnis kommt hoffentlich irgendwann auch bei der Großen Koalition an – trotz unserer lahmen Leitungen.

Erschienen am 8. März 2014 im Hamburger Abendblatt