„Ihr trinkt unser Blut“: Sind wir in Griechenland noch willkommen?

Auch heute kann man als Deutscher in Griechenland schöne Ferien verbringen. Wer sich auf mehr als Small Talk einlässt, stellt aber fest: Kaum jemand hier versteht die Art, mit der Deutschland gegenüber Südeuropa auftritt. Notizen von einer Familienreise durch ein Land, in dem trotz allem viel gelacht wird. Und ein paar Gedanken zum europäischen Haus. Aus dem Magazin des „Hamburger Abendblattes“. 

Heute denke ich, dass der kleine, ein bisschen verrückte Mann, den ich für eine Weile fasziniert auf der U-Bahnfahrt zwischen Kifisia und der Athener Innenstadt beobachtet habe, das beste Bild für diese Geschichte sein könnte, oder sagen wir: für die Lage der Griechen. Aber angefangen hat alles viel früher, mit all diesen Diskussionen zu Hause in Hamburg auf dem Sofa. Meine Frau hat einen Teil ihrer Kindheit in Griechenland verbracht, als Enkelin eines deutschen Auswanderers, der schon in den 1920ern ahnte, was kommen würde, und der die Sonne von Samos der deutschen Herrschsucht vorzog.

Deswegen hat sie einen anderen Blick auf diese unendliche Geschichte des täglichen Beinahe-Untergangs von Hellas und Europa, in der es um irrsinnige Summen geht, die uns sowieso nichts sagen, um Steuersätze, Börsenkurse und Bonitäten – und um Hahnenkämpfe zwischen Männern, die wahlweise sehr grantig gucken oder von Motorrädern herabgrinsen.

Im Studium habe ich gelernt: „Langfristig sind wir alle tot“

Ich habe bei unseren Diskussionen meistens den Schäuble gegeben und gesagt, ich hätte nun genug von den Listen des Odysseus, und es könne ja wohl nicht sein, dass ein kleines Land mit ein paar Olivenbäumen den ganzen Kontinent zum Narren halte.

Meine Frau hat dann erzählt von Athener Freundinnen, die nach Gehaltskürzungen und Massenkündigungen mit ihren Familien kaum noch über die Runden kämen, oder von einem Bekannten, der trotz akuter Krebserkrankung wochenlang auf eine dringend notwendige Behandlung vertröstet wurde. Und sie hat mit Vorliebe all diese keynesianischen US-Ökonomen zitiert, die täglich neu erklären, dass Austerität nicht funktioniere, weil Nachfrageentzug in der Krise so wirke wie eine Fastenkur auf einen Unterernährten, nämlich tödlich.

Gegen ihre Zahlen kam ich nicht an: Seit wir den Griechen so angeblich selbstlos helfen und ihnen die Regeln der Ökonomie beibringen, ist ihre Wirtschaft wie verrückt geschrumpft und die Arbeitslosigkeit irrsinnig gestiegen. Vielleicht macht diese Leidenskur ja langfristig alles besser, aber aus meinem Volkswirtschafts-Nebenfachstudium erinnere ich mich gut an den Satz des Ökonomen John Maynard Keynes: „Langfristig sind wir alle tot.“

Dass wir ausgerechnet jetzt zum ersten Mal im Sommerurlaub nach Griechenland gefahren sind, war reiner Zufall. Kein optimaler Zeitpunkt, wie wir feststellen, als ein paar Wochen vor unserer Abreise die griechischen Banken schließen und man nicht sicher sein kann, ob man erstens überhaupt Geld und Benzin und eine Liege am Strand bekommt und was das nun alles kostet – und ob einen zweitens die Griechen nicht eiskalt in ihr lauwarmes Mittelmeer jagen, sobald sie einen als Schäuble-Landsmann identifizieren.

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Jassas, Griechenland!
Fährfahrt zwischen den Inseln.

Auch wenn es also als gewagtes Abenteuer erscheint, mit unseren Söhnen (und viel Bargeld) von Hamburg über Venedig mit der Fähre nach Patras und von dort nach Athen und zurück auf die ionische Insel Zakynthos zu fahren – die Befürchtungen stellen sich schnell als übertrieben heraus. Weder gibt es lange Schlangen vor Tankstellen, noch (für Touristen) Probleme beim Bargeld. Die Preise sind auch kaum gestiegen, und die Griechen begegnen uns gastfreundlich wie eh und je – was sicher nicht allein daran liegt, dass meine Frau fast akzentfrei Griechisch spricht, viele sie für eine Auslandsgriechin halten und sie die Herzen unserer Gastgeber schon dadurch erobert, dass sie auf Nachfrage berichten kann, dass ihr Vater auf Samos geboren ist. Dass der Urlaub zu Beginn trotzdem eine Übung in Gelassenheit wird, hat deswegen nichts mit den Griechen zu tun, sondern mit den Deutschen und den Staus auf ihren Autobahnen und damit, dass uns in Venedig ein Reifen platzt.

Hellas2015_777Griechenland empfängt uns nach der Fährfahrt von Ancona nach Patras Ende Juli mit blauem Himmel und einer absurden Hitze von mehr als 40 Grad. Dass man unter solchen Bedingungen nicht unbedingt fürs Bruttosozialprodukt in die Hände spuckt, liegt nahe. Dass aber die Autobahn von Patras nach Korinth auf einer Länge von mehr als 100 Kilometern eine einzige Baustelle ist, auf der man keinen Arbeiter sieht, das erstaunt uns doch bei unserer Fahrt über den Peloponnes. Hitzefrei mitten im Überlebenskampf – wo gibt’s denn sowas? Die großen Schilder mit den Sternen auf blauem Grund lösen das Rätsel: „Hier baut die EU eine Autobahn für Griechenland.“ Oder eben nicht.

„Die Griechen sind so furchtbar überzeugt von sich“

Am Abend erreichen wir Schinias, einen kleinen Badeort in der Nähe von Marathon, dem Städtchen mit dem berühmten Läufer, dessen Stausee auch als Trinkwasserreserve für Athen dient. Wir übernachten bei Freunden. Dieter ist in Griechenland geboren, hatte früher eine Handelsvertretung in Athen und ist lange pensioniert. Auf seinem Ferienhausklo läuft ununterbrochen ein griechischer Nachrichtensender im Radio. Ich verstehe beim Zähneputzen nur die Namen: Tsipras, Märrkell und Schaupple (ausgesprochen wie eine bitterböse Beschimpfung). Und natürlich Varoufakis, der an einer Parallelwährung gearbeitet haben soll, was dieser Tage für Aufregung sorgt.

Dieter liebt dieses Land, die Menschen, die Wärme, das Meer, die Olivenbäume, den täglichen Irrsinn. Er würde hier niemals weggehen. Trotzdem sagt er: „Die Griechen sind so furchtbar überzeugt von sich: Sie glauben, ihr Land sei das schönste, ihr Essen das beste, und nirgends auf der Welt seien die Frauen hübscher als in Griechenland. Sie sind so nationalistisch, wären sie Deutsche, wären sie perfekte Nazis.“ Insa, seine in Hamburg groß gewordene Lebensgefährtin, ist auch seit 50 Jahren hier. „Fahrt bloß nicht mit dem Auto nach Athen, Kinners, mit dem deutschen Kennzeichen, wer weiß, was passiert“, sagt sie. „Quatsch“, sagt Dieter. „Das einzige, was passiert: Ihr steht im Stau. Wegen der Demos. Fahrt mal mit der Bahn!“

Wir parken den Wagen am Stadtrand in Kifisia und steigen in die U-Bahn gen Innenstadt. Die Fahrt ist nicht teuer, jedenfalls im Vergleich zu Hamburg: Für 1,20 Euro kann man 75 Minuten fahren, so weit man will (Kinder 60 Cent). Unser Tag für die klassische Bildung ist der wohl heißeste des Jahrzehnts. Als wir das historische Olympiastadion, den Wachwechsel der Evzonen (der früheren spartanischen Elitesoldaten) vor dem Parlament am Syntagma-Platz ansehen und natürlich auch die Akropolis hochkraxeln, zusammen mit Tausenden anderen Krisentouristen aus Japan, Brasilien, Italien, Serbien, China und Südamerika, da schätzt jemand die Temperatur auf 50 Grad. Und niemand widerspricht.

Hitze auf der Akropolis

Hitze auf der Akropolis

Die Hitze ist schlimmer als alles andere, glaubt man plötzlich. Das liegt vielleicht auch daran, dass einen die Krise auf den Touristenpfaden nicht überall anspringt. Aber sie ist trotzdem da, wenn man genau hinsieht. Demütig hingekauerte Bettler mit Pappschildern (mehr als am Jungfernstieg), Trauben von jungen Leuten, die am hellichten Arbeitstag vor Kiosken herumstehen und warten, dass der Tag vergeht. Zahnlose Frauen mit irren Augen, die einen an Fahrkartenautomaten aggressiv anbetteln und mehr nach Crack als nach Hunger aussehen, aber Crack ist ja auch kein Zeichen für Glück und Wohlstand. Die besseren Restaurants auf unserem Weg durch Athen sind an diesem Julitag leer, die Pita-für-einen-Euro-Läden voll. Wir testen zum ersten Mal einen Geldautomaten: Er spuckt ohne zu murren die 400 Euro aus, die wir verlangt haben. Ich halte die Fünfziger gegen die Sonne. Sie scheinen echt zu sein.

„Deutschland will uns und andere Länder zu Kolonien machen“

Als wir schließlich in ein klimatisiertes Taxi steigen, erklärt uns der gut gelaunte Fahrer für verrückt: „Ich würde bei dieser Temperatur auch nicht für Geld auf die Akropolis steigen“, sagt er. So, so, denke ich. Passt ja, dass er Tsipras gewählt und gegen Reformen gestimmt hat. „Aber jetzt macht Tsipras, was alle gemacht hätten. Dann hätten wir uns das auch sparen können“, sagt er. „Das hat bloß den Tourismus kaputt gemacht. Vor einem Jahr um diese Zeit hätte ich 24 Stunden am Tag fahren können und hab nur mal ein Stündchen unterm Baum Pause gemacht. Es war so voll in der Stadt. Und heute? Nichts los. Nicht am Flughafen, nicht in Piräus. Schlimm.“

Das hören wir immer wieder, auch später auf dem Peloponnes und auf der Fähre rüber nach Zakynthos und auf der Insel selbst: Man bekommt fast den Eindruck, hier hätten alle Tsipras gewählt und jetzt versteht keiner mehr, warum der tut, was er verhindern wollte und was dann bitte das Referendum sollte. Und trotzdem scheint ihm kaum jemand richtig böse zu sein. Denn die meisten sind offenbar überzeugt: Diese Regierung klaut wenigstens nicht – das sei der größte Unterschied zu all den Regierungen zuvor. Und außerdem: Was soll der arme Tsipras denn auch machen gegen den fiesen Schaupple, der sich Europa untertan machen will. Das ist wirklich eine taktische Meisterleistung von Tsipras, die seine Chancen bei den jetzt anberaumten Neuwahlen vermutlich nicht schmälert: Er tut zwar das Gegenteil von dem, was er versprochen hat, und er setzt Reformen um, gegen die Schröders Agenda 2010 reiner Pipifax war – und trotzdem mögen sie ihn noch.

Das hat er wohl vor allem Märrkell und Schaupple zu verdanken, die, wie es kürzlich der „New Yorker“ und die „Zeit“ konstatierten, offensichtlich nicht in der Lage sind, eine internationale Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben, die verständlich macht, warum sie tun, was sie tun. Sie treten nicht als Helfer auf, wie es die USA sogar im gerade befreiten Nazi-Deutschland taten. Sie bringen keine Care-Pakete fürs darbende Freundes-Volk (und setzen im Gegenzug auch Neues durch), nein, sie knallen unentwegt mit der Peitsche und schicken Geld bloß für die (deutschen) Banken, die sie dann aber schließen lassen, damit die Griechen nicht mehr an ihr Erspartes kommen. So wirkt das deutsche Gebaren offenbar auf sehr viele – außer auf die Deutschen selbst.

Titel des Abendblatt-Magazins

Titel des Abendblatt-Magazins

„Deutschland hat ein klares Ziel: Es will Griechenland und einige andere südeuropäische Länder in die Pleite treiben“, sagt Eleftheria Pasparaki, eine Bekannte meiner Frau, die eine kleine Apotheke in der Nähe von Athen betreibt. „Sie wollen uns zu Kolonien machen, um unsere Rohstoffe zu bekommen. Seit Hitler hat sich an den Chromosomen der Deutschen nichts geändert. Aber sie werden enden wie König Midas.“ Der war nach der Legende bekanntlich so gierig, dass er sich wünschte, dass sich alles, das er berühre, in Gold verwandle – bis er merkte, dass das auch mit Brot und Wasser oder Wein passierte und man Gold weder essen noch trinken kann. Das mag eine radikale und nicht repräsentative Sicht sein – die grundsätzliche Haltung gegenüber Deutschland aber begegnet uns überall. Genauso wie die Abneigung gegen die früheren griechischen Regierungen, die von den Schwesterparteien der CDU und der SPD geführt wurden, und die Vetternwirtschaft immer mehr ausgeweitet haben.

„Hey, Leute, die kommen aus dem Land, wo sie unser Blut trinken“, ruft der Chefkellner in einem der besseren Restaurants an der Südküste von Zakynthos augenzwinkernd seinen Kollegen zu, nachdem er sich mit meiner Frau auf Griechisch unterhalten hat. Und sagt später zum Abschied: „Kali nichta, die 23 Prozent Mehrwertsteuer auf der Rechnung, habt Ihr gesehen, oder? Extra für Euch, so wie Schaupple es verlangt.“ Unser jüngerer Sohn findet das nicht witzig: „Solche Sprüche gegen uns sind scheiße“, sagt er. „War doch nur Spaß“, sagt meine Frau. Und ich sage: „Scheiße sagt man nicht.“

Die Eurozone ist ein windschiefes Haus, von schlechten Architekten gebaut.

Bei all dem kommt es mir irgendwann so vor, als sei diese Eurozone ein windschiefes Haus, in dem sich dauernd alle den Kopf an den zu niedrigen Decken und Türrahmen stoßen – um sich dann gegenseitig die Schuld für ihre Schmerzen zu geben. Dabei ist das Haus einfach nur schlecht konstruiert und gehört abgerissen und neu gebaut. Schuld sind nicht die Bewohner, sondern die Architekten. So in etwa stellt es ja auch der Historiker Heinrich August Winkler in seinem Spiegel-Essay dar, das Anfang August während unseres Urlaubs erscheint: der Euro als eine gegen die ökonomische Logik gewollte, politische Währung, die sich aus der deutschen Wiedervereinigung ergibt – und die Völker Europas nicht näher zusammengeführt, sondern zu ihrer Entfremdung beigetragen hat.

Es gehe bei dem ganzen Gezerre in der EU sowieso nicht ums Geld, sagt ein früherer griechischer Marinesoldat, der jetzt einen Kunstrasensportplatz im Touristenmoloch Laganas auf Zakynthos vermietet, auf dem unsere Jungs an einem Augustabend ihre neuesten Tricks trainieren. „Die Deutschen wollen einfach, dass wir ihre Mentalität annehmen.“

Auf den Inseln hier gehe es den meisten aber noch gut – und nicht etwa, weil Zakynthos mal kurz dafür berühmt war, dass hier Hunderte Sehende eine staatliche Blindenrente bezogen. Er meint die Engländer. „Die werden immer kommen. Sie spielen am Tag mit hochroten Köpfen in der Mittagshitze Fußball, weil sie abends nicht können. Da müssen sie saufen gehen.“ Die Engländer sind also auch nicht beliebter als wir. Die würden sich zwar aufführen, als sei Zakynthos noch immer ihr Protektorat, sagt der Mann. „Sie trinken nur ihr eigenes Bier und essen ihre eigenen Bohnen. Man muss die nicht mögen. Aber wir leben von ihnen.“ Hunderte Billig-Restaurants, Pubs und Discos und der mit krebsroten Briten überfüllte Strand geben ihm recht: Auch hier lässt sich mit Ballermann-Tourismus noch Geld verdienen.

McDonald’s kann den Briten keine Cheeseburger mehr braten

Aber ganz ungeschoren kommen auch die Insulaner nicht davon. Ein paar Kilometer weiter, in der beschaulicheren Bucht von Kalamaki ist zwar das Wasser klar und grünblau wie eh und je, aber so voll wie sonst um diese Jahreszeit ist es nicht. Vor allem einheimische Touristen seien in diesem Jahr ausgeblieben, sagt der Chef des Strandrestaurants. Die wirkliche Not aber ist dieser Tage ganz woanders zu finden: Auf der rund 700 Kilometer entfernten Insel Kos in der östlichen Ägäis bricht die Versorgung der Flüchtlinge durch den Ansturm von Schutzsuchenden teilweise vollständig zusammen. Auf Zakynthos bekommt man davon nicht mehr mit als in Deutschland. Man sieht es in den Nachrichten. Oder man sieht es gar nicht.

Der Artikel in der Druckausgabe

Der Artikel in der Druckausgabe

Am nächsten Tag gibt es ein furchtbares Gewitter, im „Zante Water Village“ scheuchen sie unsere Söhne aus den Eventbecken. Irgendwo schlägt der Blitz so heftig ein, dass für fünf Stunden der Strom auf der ganzen Insel weg ist. Klimaanlagen, Pizzaöfen und Kühlschränke fallen aus, und in Laganas ist es ohne das dauernde Bassgewummer plötzlich ganz still. Jetzt funktionieren die Geldautomaten wirklich nicht mehr, und McDonalds kann den Engländern für einen halben Tag keine Cheeseburger verkaufen. Wenn das keine Krise ist.

Internet gibt es natürlich auch nicht, aber das ist hier sowieso eine Zumutung, auch wenn der Strom nicht weg ist. Finden jedenfalls meine Söhne. Auf der ganzen Insel ist es schwach und schlecht und fällt alle paar Minuten aus. An gepflegtes YouTuben ist nicht zu denken. Das liege an den schlechten Kabeln im Meer, sagen die Leute.

Nicht immer glückt die Auswanderung

Als meine Frau sich einen Zeh verletzt und zum Arzt muss, fährt sie in die Touristenklinik von Laganas. Die ist bestens ausgestattet, und Ärzte und Schwestern erzählen ihr, dass man hier bei den Touristen im Sommer gut verdienen könne – viel besser als in Athen oder anderen Großstädten auf dem Festland. „Aber wenn ich nach Hause fahre, nach Thessaloniki, dann sieht man dort überall Armut und Verfall, ganz anders als hier“, sagt ein Arzt. Nach Deutschland zieht es aber offenbar niemanden. Dort werde im Gesundheitswesen so schlecht bezahlt, dass es sich nicht lohne auszuwandern.

In den Großstädten ist die medizinische Versorgung weniger gut. Es gibt viele Berichte über das Fehlen von Medikamenten und extrem lange Wartezeiten. Diese Probleme bekam kürzlich auch Jorgos Gourasis zu spüren. Der Mann einer Jugendfreundin meiner Frau aus Athen erkrankte an einem bösartigen Tumor hinter dem Auge. Die Diagnose wurde zwar schnell gestellt, und es war klar, dass die nötige Operation per Laser nur in der Schweiz durchgeführt werden konnte. Die Krankenkasse aber zögerte die Bewilligung immer weiter hinaus, dann war nicht mehr klar, wer zuständig sei.

Gourasis solle sich gedulden, das würden alle tun, hieß es. Wie viele der geduldigen Tumorpatienten denn noch am Leben seien, fragte seine Frau zurück. Erst nach viel Druck und Drohungen wurden die Mittel bewilligt, sodass ihr Mann doch noch operiert werden konnte. Weggehen ist, anders als beiden Ärzten von Zakynthos, angesichts einer Arbeitslosenquote von 25 Prozent für immer mehr Griechen eine Option. Auch wenn der Absprung nicht allen gelingt. Die Kassiererin im Mini-Market erzählt von ihrer Nichte, die vor einem Jahr mit Mann und Tochter nach Köln gegangen sei, „um endlich ein besseres Leben zu führen“. Schnell hätten sie Wohnung und Arbeit gefunden. Vor ein paar Tagen aber sind sie zurückgekommen. „Sie haben am Telefon immer nur geweint“, sagt die Frau. „Das Heimweh war einfach zu stark. Als hätte die alte Generation, die in den 60er und 70er Jahre nach Deutschland ging, kein Heimweh gehabt.“

Dann spendiert Griechenland den Jungs ein Flutlicht-Spiel

Die Kinder in den Touristenorten bemerken von der Krise derweil nichts. Eis gibt es immer genug, und im Hafendorf Keri spielen sie jeden Abend Fußball. Völkerverständigung auf einem umzäunten Kunstrasenplatz direkt am Strand: Die Griechen, Engländer, Österreicher, Spanier, Sachsen und Hamburger gehen hart zur Sache, ganz ohne Ansehen der Nation, sie fluchen und flachsen in allen Weltsprachen, und wenn die Sonne zwischen den Segelschiffen versackt, die weit draußen auf dem glatten, bewegungsfaulen Meer ankern, dann macht der Mann von der Gemeinde einfach das Flutlicht an, auf Kosten Griechenlands, und die Eltern müssen noch eine Runde drehen und noch eine Stunde aufs Meer schauen.

Auf unserer Rückfahrt kommen wir auf der Fähre mit einer Rentnerin ins Gespräch. Ihr Neffe sei nach Deutschland gegangen und habe einen guten Job gefunden, erzählt sie. „Meine Tochter sollte vielleicht auch gehen, noch ist sie hier und verdient als Buchhalterin im Monat 480 Euro bei Vollzeit“, sagt sie. „Ihr Mann ist arbeitslos, und sie hat ein Kind. Bei einem Mindestlohn von drei Euro reicht ein Job nicht, um eine Familie durchzubringen.“ Am Ende lächelt sie, drückt uns fest die Hände und wünscht freundlich eine gute Rückreise nach Deutschland.

Vielleicht ist es bloß eine verkitschte Selbsttäuschung, aber mir ist in diesem Urlaub wieder aufgefallen, wie freundlich die Menschen in Griechenland sind und wie viel hier gelacht wird. Trotz Arbeitslosigkeit, Hitze, schlechtem Internet, Stromausfällen und alledem. Der kleine, bärtige Mann in der U-Bahn zwischen Kifisia und der Athener Innenstadt hat all das zu einem Spiel gemacht. Obwohl die Bahn beim Fahren ständig hin und her wackelt, abbremst und ruckartig beschleunigt, hält er sich nicht fest. Er steht frei in der Mitte des Wagens, zwischen den Türen wie ein Surfer auf seinem Brett, und gleicht alle Schläge, die da kommen, durch die geschickte Verlagerung seines Körpergewichts aus, ohne jemals die Haltestange zu ergreifen. Jedes Mal, wenn er ein starkes Rucken oder Bremsen abgefangen hat, ballt er die Fäuste vor seine Brust, wie es Sieger tun. „Mich wirft nichts um“, sagen seine Augen. Und er lacht.

(Mitarbeit: Sabine Aurich)
Erschienen am 22. August 2015 im Magazin des Hamburger Abendblattes

Die Flüchtlinge müssen in Deutschland besser verteilt werden

Die norddeutschen Flächenstaaten Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern weigern sich, Hamburg bei der Unterbringung von Flüchtlingen zu unterstützen. Dabei gibt es im Stadtstaat kaum noch Platz – während auf dem Lande ganze Regionen kaum bevölkert sind. Mein Kommentar aus dem Hamburger Abendblatt.

Eigentlich müsste Monaco die meisten Flüchtlinge pro Quadratkilometer in Europa aufnehmen – obwohl es schon jetzt der am dichtesten besiedelte Staat der Welt ist. Das jedenfalls wäre die Folge, wenn man europaweit den Königsteiner Schlüssel bei der Verteilung von Hilfesuchenden anlegen würde – so wie man es innerhalb Deutschlands tut.

Denn auf seinen zwei Quadratkilometern Fläche beherbergt das Fürstentum etwa 38.000 Einwohner, von denen ziemlich viele ziemlich viel Geld verdienen. Und das sind die alleinigen Kriterien beim Königsteiner Schlüssel: Bevölkerungszahl und Einkommen (bzw. Steueraufkommen). Der zur Verfügung stehende Platz spielt keine Rolle.

Das Beispiel zeigt, wie grotesk es ist, die 1949 zunächst zur Verteilung von Forschungsmitteln eingeführte Formel auch zur Verteilung von Menschen zu verwenden. Denn in Stadtstaaten wie Hamburg mag es viel Geld geben. Platz aber ist hier knapp. Und das wird zum Problem: Städte geraten bei der Unterbringung von Flüchtlingen an ihre Grenzen – während auf dem Land manche Regionen weitgehend entvölkert sind.

Deswegen ist die auch von SPD-Sozialsenator Detlef Scheele ins Spiel gebrachte Umverteilung von Flüchtlingen aus Städten in wenig besiedelte Regionen richtig. Es ist nicht nachvollziehbar, dass ein dünn besiedeltes Flächenland wie Mecklenburg-Vorpommern weniger Menschen aufnimmt als eine Stadt wie Hamburg.

Das reiche Hamburg darf sich dabei nicht aus der Verantwortung stehlen. Es muss die ihm durch seine Finanzkraft zufallenden Kosten übernehmen. Den Platz aber müssen stärker auch diejenigen zur Verfügung stellen, die ihn im Überfluss besitzen. Scheele hat recht: Langfristig kann der Zuzug meist junger, zum Teil gut ausgebildeter Menschen gerade für Regionen zum Vorteil werden, die seit Jahren unter der Landflucht leiden.

Als eines der reichsten Länder der Welt ist es unsere Pflicht, in Not geratene Menschen aufzunehmen. Dabei ist es für alle Beteiligten, auch für die Flüchtlinge selbst, wichtig, die Aufnahme so zu organisieren, dass eine zügige Integration möglich wird. Dazu gehört auch eine kluge Verteilung der Menschen innerhalb unseres Landes.

Erschienen als Kommentar im „Hamburger Abendblatt“ am 20. Juli 2015. 

Nur nicht anecken: Die neue Milde der Hamburger Grünen

Erstaunlich, aber Krawatten sind offenbar immer noch ein Thema. Die politischen Stilkritiker der Bildzeitung haben kürzlich jedenfalls mal so halbempört darauf hingewiesen, dass der Grüne Jens Kerstan der erste Senator seit Urknall gewesen ist, der sich ohne Halsgebinde im Hamburger Rathaus auf die Regierungsbank gesetzt hat.

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Kann auch mit Krawatte: Jens Kerstan
beim Foto-Shooting vor seiner Behörde.

Immerhin, das Hemd hatte der neue Umweltsenator  wohl in der Hose, sonst hätte ihn am Ende noch jemand mit dem grinsenden Griechenrevoluzzer Varoufakis verglichen – und das wäre nun wirklich ein großer Irrtum. Denn das revolutionäre Potenzial des 49-jährigen Grünen-Politikers ist mit der offenen Zurschaustellung des eigenen Halses bereits vollständig ausgeschöpft.

Die Politik, die er und seine Freunde seit Einzug in den Senat machen, ist in Wahrheit durch und durch beschlipst – wenn man das Stück Baumeltuch als Ausweis eines Stils nimmt, der sich an alle Regeln hält und niemanden verschrecken möchte.

Süße Schoßhunde statt politische Inhalte

Schon im Wahlkampf hatten die Grünen ja lieber süße Schoßhunde mit Haarschleifen als politische Forderungen plakatiert. In den Koalitionsverhandlungen mit der SPD verzichteten sie ohne Aufhebens auf zentrale Forderungen wie die Stadtbahn und begnügten sich mit Nebenressorts.

Und in dieser Woche erklärte Jens Kerstan, der bis Februar als Fraktionschef noch den grünen Chef-Wadenbeißer gegeben hatte, dass man trotz EU-Mahnung wegen schlechter Luft keine Umweltzone brauche. Auch die alte Forderung, Tempo 30 flächendeckend einzuführen, legte er zu den Akten – und verteidigte statt dessen die bei vielen Anwohnern wegen des Lärms verhassten Harley Days.

Nicht mal zur Mülltrennung mag der Umweltsenator die Hamburger zwingen – obwohl sie die wohl größten Recycling-Muffel westlich des Ural sind. Auf Bußgelder gegen Hausbesitzer und Vermieter, die keine Trenntonnen aufstellen, wird trotzdem verzichtet.

Wokgemüse essen mit ganz neuen Freunden

Dafür sucht Kerstan neue Freunde: Am Mittwoch ging er mit dem Chef des Industrieverbandes, Michael Westhagemann, mit dem er sich vor der Wahl monatelang befehdet hatte, in Wilhelmsburg Wokgemüse essen.

Der Wunsch der einstigen Öko-Rebellen, von allen geliebt zu werden, ist so eklatant, dass ihn auch in der Partei kaum jemand leugnet. Die Gründe für die neue Harmoniesucht liegen auf der Hand: Die Niederlage beim Schul-Volksentscheid, die Debatte über den Veggie-Day, aber auch die Dresche, die man bezog, als man die  Harley Days 2011 verbieten wollte, wirken bis heute traumatisch. Daher wollen die Grünen schnell weg vom Image der Verbots- und Verordnungs-Partei. Gewichtige Inhalte sind dabei nicht von Nutzen.

„Wir haben bei der Bundestagswahl sehr klare Ansagen gemacht. Das Ergebnis ist bekannt“, sagt Grünen-Parteivize Michael Gwosdz heute mit Blick auf das grüne Steuerkonzept. „Wenn man tolle Ideen aufs Papier bringt und damit auf die Schnauze fällt, hat dann auch keiner was davon.“

Neues Vorbild ist ein älterer Herr aus dem Süden

Statt den Parteilinken Jürgen Trittin haben sich die Hamburger Grünen deswegen ein anderes Vorbild gewählt: den grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg. „Wir haben uns genau angesehen, wie das unsere Parteifreunde machen“, so Parteivize Gwosdz. „Sie liegen in aktuellen Umfragen über dem Wahlergebnis von 2011. Was wir von Winfried Kretschmann lernen können ist seine ‚Politik des Zuhörens‘.“

Die Menschen müssten stark einbezogen werden. Heißt wohl auch: Man trieze den  Bürger nicht mit Besserwisserei!

„Wir haben natürlich aus den Debatten gelernt“, sagt auch die neue Grünen-Chefin Anna Gallina. „Niemand möchte bevormundet werden. Und niemand sollte sich mit dem ausgestreckten moralischen Zeigefinger über andere erheben.“

Leider kein Zugriff aufs eigene Kernthema

Umweltsenator Kerstan analysiert derweil, dass die Grünen als „Graswurzelbewegung“ im Grunde sowieso nicht auf „Politik von oben oder den starken Staat“ setzten.  „Uns geht es um Mitbestimmung und Beteiligung. Dazu passt es nicht, große Projekte am grünen Tisch zu entwerfen und den Menschen vorzusetzen. Da haben wir unter Schwarz-Grün Fehler gemacht.“

Also heißt es jetzt: Lieber ein paar Kilometer Radweg bauen als eine Stadtbahn bloß planen. Am Ende werde man an der Verkehrspolitik gemessen, glaubt Parteivize Gwosdz. Es gehe als erstes darum, dass man die „Fahrradstadt“ voranbringe.

Dumm nur, dass das Verkehrsressort bei Wirtschaftssenator Frank Horch liegt. Dass die Grünen keinen direkten Zugriff auf ihr wichtigstes Thema haben, könnte für Ärger sorgen. Und hat es auch schon.

Erster kleiner Knatsch im rot-grünen Senat

So hatte Umweltsenator Kerstan jetzt durch seine Kontakte einen Kompromiss mit Naturschützern zum Bau der A26 eingefädelt. Er soll sich, wie man hört,  geärgert haben, dass die Wirtschaftsbehörde das als ihren Erfolg verbucht habe – obwohl sie nach Aussagen von beteiligten Naturschützern eher gestört als geholfen hatte. Kerstan nimmt das Beispiel A26 aber auch als Beleg dafür, dass es oft wichtiger sei, „hinter den Kulissen gute Arbeit zu machen“ als laut aufzutrumpfen.

Gleichwohl sind nicht alle glücklich mit der Leisetreterei.  „Ein neuer Stil darf nicht dazu führen, dass Inhalte verloren gehen“, sagt etwa Emma Hansen, Sprecherin der Grünen Jugend. Da habe sich durch den Regierungseintritt „einiges überraschend schnell geändert“. Es sei „schade“, dass die Umweltzone kein Thema mehr sei, so Hansen. „Seit wir mitregieren, wird auch die Frage, ob Hamburg sich für Olympia bewirbt bei den Grünen nicht mehr diskutiert. Es geht nur noch um das Wie.“

Ein bisschen politisch wollen die Grünen bleiben

Ein weiterer Profilverlust und eine stärkere Entpolitisierung wären mit den  Jungen in der Partei wohl nicht zu machen. Aber auch die Ältergedienten warnen vor diesem Trend. „Manche, auch bei uns, meinen ja mittlerweile, Politik solle im Grunde nur noch moderieren“, sagt Parteivize Gwosdz.  „Ich sehe das anders. Politik und Parteien haben die Aufgabe und die Pflicht, mit eigenen Positionen und Ideen in Debatten zu gehen und dafür zu streiten.“

Streiten? Krass! Nicht dass am Ende noch jemand böse wird auf die Grünen.

In leicht gekürzter Form erschienen als Kolumne „Die Woche im Rathaus“ im Hamburger Abendblatt am 4. Juli 2015. 

Von selbst wird die Luft nicht besser – auch nicht in Hamburg

Die EU hat Deutschland erneut wegen einer zu hohen Konzentration von giftigen Stickoxiden in der Luft der Ballungsräume abgemahnt. Die Politik sitzt das Problem seit Jahren aus – oder hängt einem falschen Glauben an. Wie der Hamburger Bürgermeister Olaf Scholz. Mein Kommentar aus dem Hamburger Abendblatt.  

Jeder darf bekanntlich glauben, was er will. Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz glaubt nach allem, was man weiß, zum Beispiel nicht an einen Gott – dafür aber an die weltenrettende Kraft der Ingenieure.

Die Techniker sollen uns mit ihren immer neuen Erfindungen nicht nur das Leben angenehmer machen. Sie sollen auch die Schöpfung (oder schlichter: den Planeten) bewahren helfen. „Ingenieurgetriebener Umweltschutz“ ist eines der Lieblingswörter des SPD-Politikers.

Dahinter steckt ein auch politisch angenehmer Gedanke: Niemand muss mühsam sein Verhalten ändern. Die Techniker sorgen schon dafür, dass unsere Autos, Flugzeuge und Fabriken bald keine Gifte mehr ausstoßen.

Wie praktisch! Dann müssen Politiker auch keine Konflikte mit den Wählern eingehen, die sogar für die 400 Meter zum Bäcker ihren SUV hochfahren.

Nichts gegen Ingenieure. Allein: Die Scholz-Rechnung geht nicht auf. Sonst würden unsere Autos, Flugzeuge oder Motorräder nach Jahrzehnten der umweltpolitischen Debatten nicht immer noch so viel Gift und Lärm verbreiten und so viel Kraftstoff verbrauchen.

Und die Ingenieure hätten längst Motoren erfunden, mit denen die 1999 festgesetzten Grenzwerte für das giftige Stickoxid wenigstens 2015 eingehalten würden.

Aber Pustekuchen! Ingenieure erfinden nämlich nicht Dinge, die Politikern die Arbeit des Regierens abnehmen.

Sie erfinden Dinge, mit denen sich auch Geld verdienen lässt. In Deutschland lässt sich zum Beispiel gut mit großen Dieselfahrzeugen verdienen, die die Luft besonders belasten. Weil der Bund die Nutzung von Diesel steuerlich fördert.

Städte wie Hamburg haben auch deswegen keine andere Wahl mehr: Sie müssen die Bürger dazu bringen, ihr Verhalten zu ändern und öfter auf Rad oder Bahn umzusteigen, damit die Luft besser wird.

Dazu muss wohl auch der Autoverkehr eingeschränkt werden, etwa durch das Verknappen und Verteuern von Parkplätzen. Konflikte sind da kaum zu vermeiden.

Die Erfahrung mit dem Nichtraucherschutz aber hat zweierlei gezeigt: Erstens arrangieren wir Menschen uns schnell, wenn eine vernünftige Lösung durchgesetzt wird. Und zweitens: Von selbst wird die Luft einfach nicht besser.

Erschienen am 25. Juni 2015 als Kommentar im Hamburger Abendblatt. Der Nachrichtenartikel zum Thema findet sich hier

Mein Pokalabend mit AfD-Sprecher Bernd Lucke und seinen Freunden und Feinden

Eines kann man den Mitgliedern der AfD jedenfalls nicht nachsagen: eine übermäßige Leidenschaft für Fußball. Sonst hätten am Sonnabend, kurz vor Anpfiff des DFB-Pokalendspiels, nicht mehr als 150 von ihnen aus ganz Norddeutschland den Festsaal des Jägerhofs in Hamburg-Hausbruch gefüllt, um eine Vorlesung von Parteisprecher Bernd Lucke über die EU, über fiskalische Kapazitäten, das Subsidiaritätsprinzip und tarifäre Handelshemmnisse zu hören.

Aber natürlich waren derlei professorale Analysen nicht der Grund für das Kommen der vielen meist älteren Herren (und wenigen Damen). Nein, das Parteivolk wollte wissen, wie es weitergehen soll mit der Alternative für Deutschland, nachdem sich die Führungsspitze so unheilbar heillos zerstritten hat.

Schon die Form der Einladung in den Hausbrucher Gasthof lasen dabei einige als Zeichen einer bereits vollzogenen Spaltung der Partei. Denn zu dem Lucke-Vortrag waren nicht etwa alle Parteimitglieder des Nordens gebeten worden. Die einladende Europaparlaments-Fraktion (EKR) und der Hamburger AfD-Chef Jörn Kruse hatten offenbar lediglich handverlesene Freunde des liberalen Lucke-Kurses und seiner „Weckruf“-Gruppe angeschrieben.

Als die Einladung in die Hände von Lucke-Kritikern geriet, machte sie trotzdem schnell in der ganzen Partei die Runde, so dass nun im Jägerhof neben den Lucke-Unterstützern auch ein gutes Dutzend seiner parteiinternen Gegner saß.

Nachdem der Professor nach mehr als 90 Minuten (also gegen Ende des Pokalfinales) seine akademischen Darlegungen beendet, und die meisten Zuhörer schon ziemlich viel Jägerhof-Bier getrunken haben, meldet sich auch sofort jemand und fragt, warum Lucke nichts zum Führungsstreit gesagt habe.

„Ihr Sänger, ich bin Polizist!“

„Was Sie erzählen, ist so am Thema vorbei“, empört sich danach auch der frühere Schill-Mitstreiter, jetzige Bezirksabgeordnete und pensionierte Polizeibeamte Bodo Theodor Adolphi. „Wenn Sie eine Trennung wollen, Herr Lucke, dann sagen Sie das hier und heute!“ Darauf geht der Hamburger Parteichef Jörn Kruse ans Mikrofon und sagt zu Adolphi: „Mein Vertrauen in dein politisches Urteilsvermögen ist zuletzt immer kleiner geworden, Bodo.“ Man hört ihm die Wut schon jetzt an.

Aber erst einige Frage- und Bestellrunden später bricht es dann aus dem Hamburger AfD-Chef heraus. Er Weiterlesen →

Grüner Fehlstart mit Ansage:
Mieses Ergebnis für neue Chefin

Die Eimsbüttlerin Anna Gallina ist mit nicht einmal 56 Prozent zur neuen Hamburger Grünen-Chefin gewählt worden. Mein Kommentar aus dem Hamburger Abendblatt.

Ja, stimmt. Man könnte es als Zeichen einer lebendigen innerparteilichen Demokratie werten, dass die neue Hamburger Grünen-Chefin Anna Gallina bei ihrer Wahl nicht 96, sondern 56 Prozent der Stimmen bekommen hat. Immerhin gab es  eine Gegenkandidatin.

Nach diesem Lob des demokratischen Wettbewerbs darf man dann aber auch gerne einen Blick auf die nackten Fakten werfen. Und die zeigen, dass die 31-jährige Gallina am Sonnabend einen echten Fehlstart hingelegt hat.

Denn erstens hatte kaum jemand die gar nicht in Hamburg lebende Gegenkandidatin Sava Stomporowski ernst genommen, die sich in ihrer Bewerbung mehr mit dem Wiener Kongress als mit Hamburg beschäftigte. Und zweitens gab mehr als ein Viertel der anwesenden Mitglieder die Stimme keiner von beiden Kandidatinnen.

Die Analyse ist deswegen Weiterlesen →

Hamburgs CDU schlägt mit den Flügeln – auch mit dem rechten

6000 Menschen sollen schnell aus Hamburg abgeschoben werden. Das ist eine Forderung aus dem neuen Grundsatzpapier der CDU zur Flüchtlingspolitik. Zugleich sollen die Hilfen für Flüchtlinge aus Kriegsgebieten verbessert werden. Mein Kommentar aus dem Abendblatt. 

Ungefährlich ist es nicht, was die Hamburger CDU dieser Tage versucht. Drei Monate nach ihrer Wahlschlappe hat sich die Partei als Erstes das Thema Flüchtlinge ausgesucht, um nach Wundenlecken und Neuaufstellung wieder in die inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Senat zu gehen.

Das ist natürlich eine Gratwanderung. Denn Politiker, die bei diesem Thema ihre Worte falsch setzen oder in populistische Phrasen abrutschen, machen sich schnell mitschuldig an einer möglichen Eskalation in einer in manchen Stadtteilen ohnedies angespannten Lage.

Gleichwohl muss auch über die Flüchtlingspolitik offen und ehrlich diskutiert werden, denn der Zustrom von in Not geratenen Menschen aus Kriegs- und Krisengebieten wird weiter anhalten. Die Herausforderungen werden auch für Hamburg weiter wachsen.

Die Flüchtlinge müssen menschenwürdig untergebracht und versorgt, die Kinder unterrichtet, Traumatisierte psychologisch versorgt werden. Gleichzeitig ist es wichtig, die Menschen aus Syrien, Irak und anderen kriegsgeplagten Staaten so in der Stadt zu verteilen, dass kein Viertel über Gebühr belastet wird, dass die Bürger bei der Planung von Unterkünften einbezogen werden und dass so Rassismus und Fremdenfeindlichkeit vorgebeugt und eine echte Integration möglich wird.

Das ist auch deswegen wichtig, weil viele der Flüchtlinge sehr lange bleiben oder sogar ihre neue Heimat in Hamburg finden werden. Deswegen muss die Stadt darauf achten, dass sie von Beginn an die nötigen Möglichkeiten bekommen, um zu Hamburger Bürgern mit allen Chancen auf ein gutes Leben zu werden, wenn sie als asylberechtigt anerkannt werden.

Das will auch die CDU. Zugleich betont sie aber in ihrem jetzt vorgelegten Konzept auch einen anderen Aspekt. Sie fordert Weiterlesen →

Cannabis freigeben!

Die bisherige Drogenpolitik ist gescheitert. Die kontrollierte Cannabis-Freigabe an Erwachsene ist einen Versuch wert.

Auf deutschem Boden darf nie wieder ein Joint ausgehen, hat Kabarettist Wolfgang Neuss mal gesagt – in launiger Abwandlung der Forderung, dass von deutschem Boden nie wieder ein Krieg ausgehen dürfe.

Dass der Cannabis-Rausch, der die meisten Menschen friedlich und albern macht, immer gut für ein Späßchen ist, weiß auch US-Präsident Obama. Kürzlich versprach er bei einem Dinner, dass mehr gelacht würde als sonst. Nicht, weil er besonders witzig sein werde – sondern weil Marihuana jetzt legal sei.

In Wahrheit ist das Thema nicht nur für Späße geeignet – sondern auch für eine ehrliche Bestandsaufnahme. Denn die Bilanz der Verbotspolitik der vergangenen Jahrzehnte ist so ernüchternd, dass es an Realitätsverweigerung grenzen würde, einfach immer so weiterzumachen.

Man muss dabei gar nicht den großen Bogen schlagen und auf die vielen und immer mehr Opfer des „Kriegs gegen die Drogen“ in Ländern wie Kolumbien oder Mexiko hinweisen. Oder darauf, dass auch die Alkohol-Prohibition in den USA vor allem die Mafia gestärkt hat.

Es reicht im Zweifel ein Blick aufs Weiterlesen →

Dem Parlament vertrauen!

Der Verein „Mehr Demokratie“ und andere wehren sich gegen Volksbefragungen durch die Bürgerschaft, wie sie im Zuge der möglichen Olympiabewerbung in Hamburg von SPD, Grünen und CDU generell eingeführt werden sollen. Mein Kommentar aus dem Abendblatt.

Eine Frage ist eine Frage. Wenn also das Volk gefragt wird, ob es für oder gegen Olympia oder eine Primarschule ist, dann ist es gleichgültig, wer diese Frage stellt. Ob das Parlament zum Referendum oder eine Volksinitiative zum Volksentscheid bittet. Könnte man meinen. Stimmt aber nicht ganz. Denn natürlich kommt es darauf an, wie eine Frage formuliert ist. Und wann sie gestellt wird. Jedenfalls bei der Befragung des Volkes.

Denn für den Erfolg von Volksinitiativen müssen hohe Beteiligungen erreicht werden. Das ist zwar an Tagen zu schaffen, an denen parallel die Bürgerschaft oder der Bundestag gewählt wird – nicht aber an anderen Abstimmungsterminen.

Das sind zentrale Punkte der Kritik von „Mehr Demokratie“ und anderen an der Einführung von Volksbefragungen durch Senat und Bürgerschaft, sogenannten Referenden, wie sie am 28. Mai endgültig beschlossen werden sollen. Sie befürchten, dass die Regierenden dieses zunächst für die Olympiabefragung nötige Instrument auch nutzen werden, um unliebsame Volksinitiativen durch eigene Referenden und Tricksereien bei Abstimmungsterminen auszuhebeln. Denn zum Thema eines Referendums darf es für mehrere Jahre keine Volksinitiative geben.

Nun ist Skepsis eine Tugend, weil sie hilft, kritisch und genau hinzusehen. Gleichwohl erscheinen die Befürchtungen überzogen. Die Behauptung, Volksbefragungen durch Senat und Bürgerschaft machten die Volksgesetzgebung faktisch kaputt, lässt sich Weiterlesen →

Fünf Fallen, in die Olaf Scholz
mit den Grünen nicht tappen darf

Die Grünen haben der Koalition mit der SPD von Bürgermeister Olaf Scholz heute mit großer Mehrheit zugestimmt. Damit ist der Weg frei für die Installation des zweiten rot-grünen Senates in Hamburg. Will Scholz bis 2020 auch mit den Grünen weiter gut und geräuschlos regieren, dann muss er vor allem fünf Fallen meiden.

Der legendäre Satz von Gerhard Schröder gilt jetzt auch in Hamburg wieder: Bei Rot-Grün sind die Grünen nur Kellner, die SPD entscheidet, was auf den Tisch kommt. So liest sich auch der Koalitionsvertrag, quasi die Speisekarte, die sich die künftige Regierung jetzt gegeben hat. Die Kommentare über den Beitrag der Grünen zu dem 115-Seiten-Opus schwanken zwischen „gezähmt und ausgezahlt“, „dabei sein ist alles“ und „ein Hauch von Grün“. Auch der Beifall aus der zunächst skeptischen Wirtschaft zeigt: Es geschieht mitnichten Revolutionäres in der zweiten Amtszeit des kleinen, mächtigen Mannes aus Altona, den sie in Hamburg liebevoll ironisch König Olaf getauft haben. Gleichwohl droht den neuen Regenten im Rathaus, wenn sie nicht aufpassen, Ungemach – eine Übersicht in fünf Punkten

1. Die Selbstmotivation

Olaf Scholz hat auf die Frage nach einer möglichen Kanzlerkandidatur häufiger geantwortet, er wolle die Olympischen Spiele in Hamburg eröffnen. Das erscheint sehr unwahrscheinlich, selbst wenn Hamburg die Spiele bekommen sollte. Denn im Jahr 2024 wäre Scholz 13 Jahre im Amt – und damit der Bürgermeister, der die Hansestadt am längsten am Stück regiert hätte. Schon Ende dieser Wahlperiode wird er länger regiert haben als Ole von Beust, fast so lange wie Henning Voscherau. Wer Scholz kennt und um seinen Ehrgeiz weiß, muss aber bezweifeln, dass er es für eine lebenslang sinnstiftende Aufgabe hält, Bürgermeister zu sein. Dieser Mann will mehr, er kann wohl auch mehr. Was also soll ihn noch zu gleichbleibend hohem Engagement in Hamburg motivieren, wenn alle Züge nach Berlin abgefahren sein sollten? Zumal es nach einer absoluten Mehrheit nicht mehr besser werden kann. Da zumindest in der SPD alles auf Scholz zugeschnitten ist, wird seine Selbstmotivation für die Qualität der Regierungsarbeit eine zentrale Rolle spielen.

2. Das Risiko Olympia

Man hat Olaf Scholz bisweilen vorgeworfen, er habe keine Visionen für Hamburg, kein Leitbild. Offenbar hat er ein wenig unter diesem Vorwurf gelitten. Denn so wenig diesem nüchternen Menschen große Überbau-Fantasien liegen – er hat dann doch länger mit dem Bild der „großen Stadt“ hantiert, das er sich beim US-Ökonomen Edward Glaeser und dessen Buch „Triumph of the City“ ausgeliehen hat. Scholz glaubt an die Stadt als Brutstätte menschlicher Kreativität, an die von jeher Wärme erzeugenden Reibungskräfte der Metropolen. Gleichwohl: Ein griffiges Leitbild, das aussagt, wo er mit dieser Stadt hin will, wie Hamburg 2020 oder 2030 aussehen soll, das hat er nicht. So lange Hamburg im Rennen um Olympia ist, kann sich der Elan der Stadt auf diese Chance richten. Sollte Hamburg aber bei der Vergabe unterliegen, könnte sehr schnell eine große Leere entstehen, wo die Stadt zuvor noch „Feuer und Flamme“ war. Dann könnte schnell klar werden, dass Olaf Scholz diese Stadt zwar sehr ordentlich verwaltet. Mehr aber auch nicht. Scholz täte also gut daran, eine Vision B vorzubereiten für ein Leben ohne Olympia.

3. Die grüne Schmerzgrenze

Es besteht kaum ein ernsthafter Zweifel daran, dass die Basis der Grünen Weiterlesen →