Kirche, Manna und Mammon – es ist Zeit für eine Befreiung

Diese im vergangenen Sommer in einer Eppendorfer Kirche gehaltene Predigt vom Hamburger NDR-Journalisten und gläubigen Christen Daniel Kaiser befasst sich mit der Krise der Kirche – und dabei auch mit der Frage, was für Banalitäten beim “Wort zum Sonntag” bisweilen verbreitet werden und vor allem: ob die Kirchensteuer und ihre Eintreibung durch den Staat noch sinnvoll ist. Weil er mich in jeder Hinsicht beeindruckt hat, dokumentiere ich den Predigttext mit Daniels Erlaubnis hier in meinem Blog. Ich habe die Teile zur Kirchensteuer gefettet. Die übrigen Fettungen stammen von Daniel Kaiser selbst.

 

„Was ist das?“ Predigt über Exodus 16

(St. Martinus Eppendorf 03.08.2014)

Gnade sei mit Euch und Frieden von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus! Amen.

„Man hu?“

Was ist das denn?

Sie nahmen die Brocken in die Hand.

Rochen dran. Zerrieben die in den Fingern.

Das war was Körniges, Knuspriges. Wie kleine Reiskörner.

So beschreibt die Bibel dieses Manhu, das Manna, das plötzlich da war.

Wissenschaftler meinen, es könnten irgendwelche Flechten gewesen sein. Oder – besonders appetitlich- ein Ausscheidungssekret einer Schildlaus – glasartige, durchsichtige, zuckerreichen Wassertröpfchen. Lecker!

Aber auch ohne genaue Rezeptur vibriert diese Wüsten-Geschichte seit tausenden Jahren. Sie wurde an Lagerfeuern staunenden Kindern mit soooo großen Augen erzählt. Diese uralte, nebulöse Erinnerung an diesen einen Morgen in der Wüste. Die sich so tief eingebrannt hat.

Denn die Geschichte macht Mut und gibt Hoffnung. Sie berichtet vom Sattwerden. Bei uns in Hamburg, in Eppendorf ist das mit dem richtigen, echten Hunger heute ja eher so eine theoretische Sache. Aber in der Geschichte der Menschheit war Hunger immer ein großes Thema.

Und deshalb taucht auch diese Geschichte vom wunderbaren Sattwerden als Leitmotiv immer wieder auf – bis in Variationen ins Neue Testament – wie bei dem Evangelium von der Speisung der 5000.

Erlösung ist Sattwerden! Sattwerden ist Rettung.

Die Geschichte vom Murren und vom Manna in der Wüste erzählt von Ausdauer, Treue, Beharrlichkeit und Geduld – und dem Gegenteil.

michel

Der Michel ist das protestantische Wahrzeichen
der Stadt Hamburg. Foto: Jens Meyer-Wellmann

Denn der Weg des Volkes Israel von der Sklaverei in Ägypten ins Gelobte Land war kein Sprint.

Es war ein Marathon. 40 Jahre lang. Mit Seitenstechen. Mit Erschöpfung. Mit Krämpfen. Mit dem festen Willen, jetzt sofort aufzugeben. Eine Tortur.

Kein Mensch braucht auf dieser Welt 40 Jahre von einem Ort zum anderen.

Es steckt hinter dieser Exodus-Geschichte, es steckt in dieser Zahl eine ganz tiefe Einsicht: Es braucht mindestens zwei Generationen, um so einen Prozess abzuschließen. Eine Wandlung. Eine Transformation. Der Weg einer Gesellschaft in die Freiheit.

Bundespräsident Gauck hat das gesagt beim Gründungsfest der Nordkirche vor zwei Jahren in Ratzeburg, wo ja Ost- und West-Kirchen zusammenkamen.

Es braucht 40 Jahre, es braucht zwei Generationen, um anzukommen.

Um Phantomschmerzen zu kurieren.

Um alte Zeiten nicht mehr zu verklären.

Wie schnell kam da nach dem Ende der DDR plötzlich die Ostalgie auf.

Ruckzuck war da der Weichzeichner, mit dem man sich die Diktatur kommod kritzelte.

Diese Sehnsucht nach den Fleischtöpfen Ägyptens steckt so tief in uns drin. Wir scheuen das Neue. Und den Aufbruch.

Auch als Kirche.

Und doch bin ich fest davon überzeugt, dass wir mitten drin stecken in so einem Umbruch. Wir als Christen in Deutschland, in Hamburg – wir sind mittendrin in der Wüste.

Unsere evangelische Kirche kommt aus einer Sklaverei.

Und hat selbst ordentlich die Peitsche geschwungen – wie ein korrupter Vorarbeiter. In der Kirchengeschichte musste sich das Evangelium, das für uns doch „Frohe Botschaft“ ist, immer wieder wehren gegen die Umarmung ungewaschener Halunkenklauen.

Kanonen wurden gesegnet, vor 100 Jahren sangen sie zum Kriegsbeginn „Nun dankte alle Gott“, schmolzen Glocken ein für Kugeln, die den Körper des Feindes zerfetzen mögen – Original-Ton eines Michel-Pastors damals.

Als Protestanten kommen wir aus einer Jahrhunderte alten unheiligen Allianz von Thron und Altar. Vor allem weil man das 13. Kapitel des Römerbriefs fatalerweise als Anweisung verstehen wollte: „Seid der Obrigkeit untertan“.

Die Kirche war besessen und unfrei. Die Botschaft von der Freiheit war verschüttet. Und all das mündete darin, dass viele Pastoren mit wehenden Fahnen den Nazis entgegenliefen und mitmarschierten. Unsere Kirche kommt aus dieser selbstverschuldeten Unfreiheit.

Heute sind wir eine andere evangelische Kirche. Eine, die wieder stark genug war, um eine Friedensbewegung auf die Straße und gegen den Krieg zu schicken. Eine Kirche, die den Blick auf Schwächere richtet und lenkt. Eine, die für Fairness eintritt. Und doch leben wir immer noch in einer Umbruchs-Situation. Wir sind immer noch gefangen. Weil immer noch -aus Bequemlichkeit oder Gewohnheit- an etwas festhalten, was wir Volkskirche nennen.

Doch diese Volkskirche erodiert. Sie schwächelt und schwindet.

Die gute alten Zeiten: vorbei. „Damals waren die Kirchen voller.“ „Damals hatten wir doppelt so viel Hauptamtliche.“ Damals. Damals. Damals.

Stattdessen:

Noch ‘ne Kirche dichtgemacht.

Wieder kein Geld für die Kirchenmusik.

Wieder nur so ein Laienprediger auf der Kanzel.

„Und es murrte die ganze Gemeinde!“

Ich glaube, es ist Zeit, sich endgültig und mit allen Konsequenzen aus dieser Umklammerung endgültig zu lösen. Abschied zu nehmen von der Last, „Volkskirche“ sein zu wollen. Alle bedienen und irgendwie erreichen zu müssen, so dass das Angebot irgendwann so niedrigschwellig wird, dass manchmal keine Konturen und kein Inhalt mehr erkennbar ist.

Wir haben ja als Kirche noch diese lieb gewonnen Privilegien. Bei uns im Radio gibt es jeden Tag eine Andacht. Ab und zu kommen Hörer, die fragen: Warum eigentlich? Da kann man immer sagen: Es gibt ja diesen Staatsvertrag mit den Kirchen. Aber ist das ehrlich? Ist das zeitgemäß?

Haben Sie neulich das „Wort zum Sonntag“ gesehen – das in der Halbzeitpause bei der WM? „Halt – nicht weglaufen!“ hat die Theologin gerufen. Es ging dann um Seitenwechsel. Die Frau sagte, es sei ja schon verwirrend, dass die plötzlich aufs vermeintlich falsche Tor spielen. Und regte dann zu einem Seitenwechsel an. Man könne dem anderen ja mal ein Bier aus dem Keller holen, statt sich eines bringen zu lassen.

Es bricht einem das Herz, wie diese lebensverändernde Botschaft, die Jahrtausende geholfen und Leben gestaltet hat, so verdünnt wird.

Haben wir denn nichts mehr zu sagen? Die Kirche hat oft verlernt, von Gott zu sprechen ohne sich anzubiedern. Und das ist genau der Punkt: Die Kirchen haben zwar die Sendezeit. Ihnen fehlen die Worte. Ihnen fehlt die Stimme. Die Stimme, um laut und klar zu rufen: „Hört Ihr Menschen! Hier ist die Frohe Botschaft!“

Ich glaube, die Menschen spüren ganz genau, wann sie ernst genommen werden, wann eine aufregende, wichtige Botschaft sie erreicht. Die sie angeht. Dann geht das ganz von alleine.

Evangelium ist Zuspruch oder Widerspruch – ist Empathie oder Engagement. Aber nie, nie, niemals Anbiederung.

Das Wort zum Sonntag als Ritual, als gesetzlich garantierte Sendezeit ist ein

Relikt. Ein Dinosaurier. Und man spürt es am Unbehagen der Macher, sie fühlen sich selbst wie Fremdkörper.

Oder diese andere Baustelle. Die aus der lebendigen Gemeinde Gottes eine Behörde macht: Die Kirchensteuer. Als der deutschen Papst Benedikt vor drei Jahren nach Deutschland kam, da sagte er, es sei an der Zeit von alten und liebgewonnenen Privilegien Abschied zu nehmen. Seine Bischöfe eilten sofort zur Unfallstelle und betonten: Also, nein! Wirklich nicht! Die Kirchensteuer hat er nicht gemeint. Doch. Genau die hat er gemeint.

Und das wird eine der großen Herausforderungen der nächsten Jahre für unsere Kirche.

Es wird nicht mehr ganz 40 Jahre dauern.

Da bin ich mir sicher.

Das ist nicht sehr populär. Aber: Wenn wir als Kirche glaubwürdig sein wollen, dürfen wir uns nicht mehr darauf verlassen – auf eine Regelung, die 211 Jahre alt ist. Den Reichsdeputationshauptschluss, der die Kirchen für die Enteignung entschädigen sollte. Das ist mehr als 200 Jahre her.

 Auch wenn es sich eben manchmal so anfühlt. Wir sind doch keine Behörde. Keine Religionsbedürfnis-Verwaltung für das ganze Land: Schalteröffnungszeit – Sonntag um 10.

Wir sind doch die Gemeinde Gottes. Wir sind – wie hieß das im Wochenspruch?- „Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen!“

Dieses „Wort zum Sonntag“ und die „Kirchensteuer“ – sie sind große leckere Stücke in den Fleischtöpfen Ägyptens. Ein letzter Geschmack auf der Zunge aus einer anderen Zeit.

Und es muss auch Schluss damit sein, dass immer noch Bischöfe vom Staat bezahlt werden.

 Wir müssen uns aus dieser Umarmung lösen. Und selbst aufhören, den Staat so fest zu umarmen. Unsere Hände werden anderswo gebraucht.

Wir sind mit Kultur und Diakonie eng mit der Gesellschaft verwoben.

Ich weiß.

Und das ist auch gut so.

Als Kirche sollen wir konstruktiver, produktiver, heilender Teil der Gesellschaft sein. Das Salz in der Suppe. Das Salz der Erde.

Aber „Einfluss“ gehört nicht zum Wortschatz von Jesus Christus. Und ich habe den Eindruck, dass es immer mehr darum geht, nur nicht noch mehr Einfluss zu verlieren.

Wir stecken in der Wüste. Nur hinter uns ist immer noch die Photo-Tapete vom Auenland.

Wir stecken in der Wüste. Und nirgendwo in der Nordkirche spüren wir das so sehr wie hier in Hamburg. Wir sind aufgebrochen. Als Kirche. Aufbruch – das ist das Losgehen. Aber auch im Wortsinn- Aufbrechen alter Strukturen. So sind wir aufgebrochen. Wir sind aufgebrochen und laufen aus.

Es gibt ja immer viele strategische Überlegungen: „Wo bleiben die jungen Leute in der Kirche?“ „Wir müssen uns neue Zielgruppen erschließen!“

Ich weiß nicht, ob das wirklich was bringt. Ich glaube: Es ist alles viel einfacher. Und wild romantischer:

Wenn wir als Christen einen Ort schaffen, der leuchtet, einen Ort, an den es Freude macht zu kommen, dann muss man gar nicht mehr machen.

Hier ist ein Ort, an dem man hören kann, wie Gott die Menschen liebt. In einer lebendigen Kirche erzählen wir einander von unserem Glauben.

Wir erfahren, dass unser christlicher Glaube nicht allein Kulturtechnik ist sondern dass dieser Glaube eine lebensverändernde Kraft hat. Dass unser Versagen und unsere Schuld aufgehoben sind bei Gott. Dass Menschen das seit 2000 Jahren spüren: Dass hier etwas Hoffnung gibt. Eine Hoffnung, die Menschen ihr Leben durch Leiden bis den Tod getragen hat.

Die Zeiten, in denen Menschen selbstverständlich in die Kirche kommen und zur Kirche gehören, sind zu Ende. Das ist ganz langsam geschehen. Über Jahrzehnte.

Weil wir als Kirche aufgehört haben zu leuchten. Und weil es unmöglich geworden ist, alle auf einmal zu erreichen und es allen recht machen zu wollen. Weil Volkskirche nicht funktioniert, wenn sie nicht den Kern der Botschaft beschädigen und kompromittieren will.

Und es ist nicht leichter geworden, ein Christ zu sein. Man wird heute oft belächelt. Man wird mit Radikalinskis in einen Topf geworfen. Man spricht oft eher schlecht als gut über uns.

Aber das soll uns keine Angst machen. Denn die Botschaft hat noch genug Kraft, um wie ein Defibrillator noch aus dem scheinbar totesten Geröll lebendige Steine zu machen.

Die Botschaft, die Gott in unsere Traurigkeit, in unsere Not, in unsere Müdigkeit und Furcht hineinruft: „Fürchte Dich nicht! Denn ich habe Dich erlöst. Ich habe Dich bei Deinem Namen gerufen. Du bist mein.“ Dieses Wort ist stärker als jede Kirchensteuer-Diskussion. Stärker als jede Austrittswelle. Stärker als jede Häme gegenüber dem Glauben.

Und solange wir uns dieses Wort sagen, und solange es Menschen berührt, ist da eine lebendige Gemeinde, die dieses Wort immer weitersagen wird. Und wird es auch immer einen Raum geben, in dem das geschieht

In der Kirchengeschichte war es immer so, dass nach einer Befreiung immer eine Zeit des Murrens kam.

Nach einer Zeit der Freiheit, die der Konsolidierung

Nach Paulus kamen die Kirchenväter.

Nach dem Glauben die Moral.

Nach Luther kam die altprotestantische Orthodoxie.

Es ist wieder Zeit für eine Zeit der Freiheit.

Gott will, dass wir aufbrechen. Losgehen.

Alte Gewohnheiten und Bequemlichkeiten wegschlagen, die sich sachte, sachte wie Schlingpflanzen um den Kern gewickelt haben.

Und diese Manna-Geschichte will uns Mut machen.

Man hu?! Was ist das?

Das fragten die Israeliten in der Wüste.

Auch Martin Luther fragt das.

Dutzende Male.

„Was ist das?“

In seinem kleinen Katechismus – die Älteren mussten das noch auswendig lernen im Konfirmandenunterricht. Da geht er die 10 Gebote, das Glaubensbekenntnis und das Vaterunser durch und fragt nach jedem Satz: „Was ist das?“

Es wirkt heute ein bisschen penetrant, belehrend und in der Didaktik ist da sicher Luft nach oben.

Aber ich finde, es hat auch einen anderen Klang.

Stellen wir uns vor: Luther auf dem Weg durch die Wüste – entkommen aus der –wie er sagt- babylonischen Gefangenschaft der Kirche – der mittelalterlichen katholischen Kirche. Die Freiheit war ihm so wichtig, dass er sich nach ihr nannte. Herr Luder nannte sich nach der griechischen Freiheit. Eleutheria! Luther! Ein sprechender Name!

Luther in der Reformation. Im Aufbruch. Unterwegs.

Und auf diesem Weg, auf diesem neuen Weg schaut Luther auf die Gebote und Traditionen, er schaut auf seinen Glauben wie auf ein Fundstück aus der Wüste in seiner Hand und fragt: Man hu! Was ist das? Was bedeutet das?

So werden dann bei ihm das Heil und die Erlösung durchdekliniert.

Genau so! Wir sollen unseren Glauben, unsere Traditionen, unsere Dogmen immer „wie neu“ anschauen, wie himmlische Geschenke, und bedenken, was sie bedeuten. Was sie für uns bedeuten.

Tägliches Brot. Jungfrauengeburt. Heiliger Geist. Dreieinigkeit.

Die Chiffren und Schlagworte, die von Pastorenmund zu Konfirmandenohr weitergereicht werden. Was ist das eigentlich?

„Sohn Gottes“.

Was ist das?

Kann man da mit einer DNA-Probe eine Vaterschaft feststellen?

Hinter diesen Dingen und Dogmen, die so schwer wörtlich, labortechnisch zu verstehen sind, verbirgt sich ein poetischer Blick auf die Welt.

Theologie ist ein poetischer Blick auf die Welt.

Er ist nicht weniger wahr.

Gedichte sind auch wahr.

Das Entscheidende ist der Geschmack.

Es geht um das Nahrhafte dieses Mannas. Den Nährwert unseres Glaubens.

Und der ist: Gott lässt uns nicht allein.

Gott wandert mit uns.

Auf einem langen Marsch.

Durch die Wüste.

Durch Trauer, wenn wir einen Menschen verloren haben.

Durch Einsamkeit, wenn wir niemanden haben, der uns versteht.

Durch Angst, weil wir denken, wir könnten an dem Leben oder daran, was andere von uns erwarten scheitern.

Gott ist mit uns.

Das ist die Botschaft, die hinter unserem Glauben pulsiert.

Und sich Bilder sucht, um sich begreifbar zu machen.

Und das ist es, was wir hier in diesem Gottesdienst feiern: Die Gegenwart Gottes.

Das ist es was hier erbitten im Gottesdienst, weil wir sie oft nicht spüren – die Gegenwart Gottes.

Das Manna – das ist die Gegenwart Gottes.

 Wir sind auf dem Weg.

Und wir sind frei.

Gott will, dass wir als freie Menschen weitergehen.

Die Fleischtöpfe hinter uns lassen.

Und wenn der Magen knurrt und das Herz murrt.

Dann ist da plötzlich ein Flattern im Lager.

Und ein Nebel senkt sich.

Wachteln gurren und das Manna glitzert in der Sonne.

So schmeckt die Freiheit.

Amen.

 

Daniel Kaiser ist Hörfunkjournalist bei NDR 90,3. Er betreibt ein Blog, in dem es um sein geliebtes Polen geht. Das Abendblatt hat über Kaisers theologische und journalistische Ambitionen hier berichtet. 
Anderes Kirchenthema auf diesem Blog: “Meine Erfahrungen mit der katholischen Gewalt.” 

Die Natur braucht einen Anwalt
- alle anderen haben auch einen

Immer wieder können Naturschützer Großprojekte in Deutschland mittels Klagen verhindern oder jedenfalls verzögern. Haben die Umweltverbände also zuviel Macht – vor allem durch das Instrument der Verbandsklage? Ich meine: Nein. Mein Beitrag zu einem Pro und Kontra im “Hamburger Abendblatt”.  Anlass war eine repräsentative Umfrage in Hamburg zur Frage: Sind Naturschützer zu mächtig?

Einer meiner Lieblingswitze geht so: „Was haben Grüne und Umweltschützer eigentlich gegen die Elbvertiefung? Wenn die Elbe tiefer ist, passen doch viel mehr Fische rein.“ Offenbar haben die Umweltverbände das nicht kapiert. Deswegen haben sie gegen die Elbvertiefung geklagt.

BUND-Chef Manfred Braasch an der Alster. (Foto: Bertold Fabricius, pressebild.de)

BUND-Chef Manfred Braasch.
(Foto: Bertold Fabricius, pressebild.de)

Und nicht nur das: Wo immer sich eine schleimige Kröte oder eine zierliche Schnecke unwohl fühlen könnten, ziehen sie vor den Kadi. Sobald es um Wichtiges geht: BUND-Landesgeschäftsführer Manfred Braasch wedelt schon mit einer Klage. Und ruft zum Beispiel (wie gerade erst) ein Gericht an, damit der arme Senat gezwungen wird, sich an europäisches Umweltrecht zu halten und etwas gegen giftiges Stickstoffdioxid in der Luft zu tun.

Oder unterstützt Volksinitiativen wie die zum Rückkauf der Energienetze (bei denen sich das Volk dann womöglich über die Regierung hinwegsetzt). Frechheit! Was erlauben Braasch?

Überhaupt: Was für eine riesige Macht diese Verbände haben! Dabei hat sie doch niemand gewählt.

Soweit das Feindbild. Aber von was für einer angeblich so großen Macht reden wir überhaupt? Volksinitiativen darf jeder starten. Und die Möglichkeit zu Klagen gegen Großprojekte haben Naturschützer durch das Verbandsklagerecht bekommen – ein Recht, das der damalige FDP-Innenminister Gerhart Baum schon seit den 1970er Jahren gefordert hatte. Es erlaubt den Verbänden, Projektplanungen von Gerichten überprüfen zu lassen.

Sie sollen als Anwälte der Natur agieren, die sonst keinen Rechtsbeistand hat – ganz anders als milliardenschwere Großkonzerne. Dabei können die Naturschützer Vorhaben keineswegs einfach verhindern. Sie können Planungen lediglich auf Vereinbarkeit mit Umweltrecht überprüfen lassen – wie es jeder betroffene Bürger kann. Dass sie sich nicht immer durchsetzen, hat das Airbus-Urteil gezeigt. Nicht die Verbände haben das letzte Wort, sondern die Richter.

Das Verbandsklagerecht soll menschliches Wirtschaften nicht per se erschweren. Es soll lediglich sicherstellen, dass wir nicht mehr rücksichtlos wider die Natur wirtschaften – sondern einen Ausgleich zwischen Ökonomie und Ökologie finden. Das ist hochgradig vernünftig, denn für Menschen ist beides lebenswichtig: eine intakte Wirtschaft und eine intakte Natur. Dass sich manche Verfahren ärgerlicherweise jahrelang hinziehen, haben übrigens nicht die Verbände zu verantworten – sondern die Gerichte.

In der Wirtschaft gibt es sehr viele Lobbygruppen. Naturschutzverbände sind die Lobby von Natur und Umwelt. Wir sollten dankbar sein, dass auch sie ihre Aufgabe ernst nehmen.

Erschienen am 14. November im Hamburger Abendblatt. Der Pro/Kontra-Beitrag des Kollegen Matthias Iken findet sich hier. Zum Umfrageergebnis geht es hier.

Schräge Witze und moderne Technik:
Hamburgs FDP kann beides

Die letzten Mitglieder der Hamburger FDP haben gemeinsam zwei Methoden zur effizienten Abwicklung der Partei entwickelt. Bei einer davon bekommen auch die Bundeschefs Lindner und Kubicki ihr Fett weg. Derweil freut sich die AfD auf Zuwachs aus der Genscher-Partei. Meine “Woche im Rathaus” aus dem Abendblatt. 

Auf den Errungenschaften der digitalen Technik liegen für die FDP Fluch und Segen zugleich. Digitale Textbausteine, also die Möglichkeit, einen Absatz einmal zu schreiben und x-mal in Presseerklärungen zu verwenden, sind dieser Tage ein Segen. Vor allem für Katja Suding, Hamburger Fraktionschefin, Spitzenkandidatin und Parteichefin in spe.

Katja Suding. Foto: Bodig
Abendblatt-Ausriss

So muss sie nicht bei jedem Austritt von Parteiprominenten neu nachdenken und formulieren, sondern kann immer wieder verbreiten: „Es ist um jeden schade, der in schwierigen Zeiten nicht mehr zur liberalen Sache steht. Die Hamburger FDP blickt nach vorn und konzentriert sich auf einen Wahlkampf mit Sachargumenten für ein gutes Ergebnis bei der Bürgerschaftswahl.“

So geschehen auch am Dienstag beim für die urlaubende PR-Frau offenbar überraschenden Rück- und Austritt des kommissarischen Parteichefs Dieter Lohberger. Der steht nicht mehr so auf die “liberale Sache“, weil er findet, dass die FDP nicht demokratisch genug organisiert sei, sondern Suding alles beherrsche. Das habe er bei der Aufstellung der Bürgerschaftskandidaten gemerkt, Anfang Juli, als das Freidemokraten-Postergirl aus Vechta angeblich dafür sorgte, dass die von ihr gebastelte Kandidatenliste fast exakt zur Landesliste der Partei wurde.

Unerhört fand Lohberger das damals – vergaß es dann aber wieder. Stattdessen wurde er im September nach dem Austritt führender Liberaler, darunter auch Parteichefin Sylvia Canel, selbst FDP-Vorsitzender. Aber gute Psychologen wissen: Verdrängen funktioniert nicht ewig. Irgendwann steigt der Schmerz wieder auf aus den Untiefen der Seele, meist weil ein konkretes Ereignis die Erinnerung wachruft.

Dieter Lohberger Foto: Laible  </br> Abendlatt-Ausriss

Dieter Lohberger Foto: Laible
Abendlatt-Ausriss

So war es bei Lohberger in der vergangenen Woche, als Suding bekannt gab, selbst Parteichefin werden zu wollen. Da erinnerte er sich plötzlich an die unerhörten Vorgänge aus dem Juli, und ihm wurde ein für allemal klar: „Die Hamburger FDP funktioniert nicht mehr nach demokratischen Prinzipien.“ Also machte Dieter Lohberger sich gerade und ging – mit einem bundesweit vernehmbaren PR-Knall.

Das heißt nun aber nicht, dass es damit vorbei wäre. Denn wie zu hören ist, könnte es bald weitere prominente Austritte geben. So ventiliert etwa die AfD, dass ein anderer FDP-Vorstand gerade um Mitgliedschaft bei ihr nachgesucht habe. Und weitere „FDP-Promis“ (die in der Stadt auch kein Mensch kennt) haben intern angekündigt, sie würden sich lieber eine sinnvolle Betätigung suchen, sollte es beim Parteitag im November wieder nichts mit der Abschaffung des für Strippenziehereien anfälligen Delegiertensystems werden. Katja Suding sollte diesen „FDP konzentriert sich auf Bürgerschaftswahl“-Textbaustein also keinesfalls löschen.

Mancher aus dem Suding-Lager hegt übrigens den Verdacht, dass Weiterlesen →

Radikale Bezirksreform in Hamburg?
Nun argumentiert doch mal!

Der Verein “Mehr Demokratie” plant zwei neue Volksinitiativen in Hamburg. Mit einer davon sollen die sieben Bezirke zu echten, selbstständigen Kommunen werden. Reaktion der Rathaus-Parteien: Wüste Parolen und lautes Panikgeheule. Mein Kommentar aus dem “Hamburger Abendblatt”. 

Es ist so weit: Hamburg geht unter. Zumindest wird es für immer unregierbar. Weimar an der Elbe! So oder so ähnlich fallen manche Reaktionen von Rathauspolitikern aus, weil ein 69 Jahre alter Obstbauer aus Moorburg mit seinem Verein mal wieder ein, zwei Volksinitiativen angekündigt hat.

Geht es nach dem neuen Vorstoß von Manfred Brandt und Mehr Demokratie, dann soll die Hamburger Verfassung künftig nur noch geändert werden können, wenn es neben einer Zweidrittelmehrheit in der Bürgerschaft auch eine Zustimmung der Bürger in einem Referendum dafür gibt. So ist es auch in Hessen und Bayern, zwei Bundesländer, die zumindest bis Mittwoch noch nicht untergegangen waren.

Die weitaus größere Panik löst der zweite Plan des Vereins aus: Weiterlesen →

Interner Entwurf des AfD-Wahlprogramms für die Bürgerschaftswahl 2015 in Hamburg

Ich plädiere für eine inhaltliche Auseinandersetzung mit der “Alternative für Deutschland” – wie ich es auch in meinem jüngsten Abendblatt-Kommentar geschrieben habe.

Um mit dieser inhaltliche Auseinandersetzung auch auf der Ebene der Hamburger Landespolitik beginnen zu können, habe ich hier den mir vorliegende Vorstands-Entwurf des Wahlprogramms der AfD zur Bürgerschaftswahl in Hamburg hochgeladen und verlinkt. Dieser ist noch nicht vom Parteitag beschlossen. Das soll Anfang Oktober geschehen. Es ist daher wohl davon auszugehen, dass es noch Änderungen an dem Programm geben wird.

AFD-Wahlprogramm-Hamburg-Entwurf

Streitet endlich mit der AfD!

Die Arroganz der Volksparteien hat die Alternative für Deutschland erst möglich gemacht. Die Politik der Ausgrenzung stärkt sie immer weiter. Mein Kommentar aus dem Hamburger Abendblatt. 

Parteien sollten nicht versuchen, Wähler für dumm zu verkaufen – denn das rächt sich früher oder später. Das gilt für Populisten, die meinen, komplexe Probleme mit platten Parolen lösen zu können. Es gilt aber ebenso für die deutschen Volksparteien, die seit Jahren immer wieder behauptet haben, ihre jeweilige Politik sei „alternativlos“.

Gerhard Schröder hat damit begonnen: Hartz IV? Alternativlos! Für Angela Merkel war ihre Euro-Politik alternativlos. Völlig zu Recht ist dieses Wort 2010 zum Unwort des Jahres gewählt worden.

Denn die Behauptung, eine Entscheidung sei „alternativlos“, bedeutet nichts anderes als die Abschaffung von Politik. Statt den Menschen unterschiedliche Lösungen vorzulegen und konstruktiv zu streiten, machen dann ja sowieso alle dasselbe. Ist ja alternativlos.

Wenn das so ist, muss man im Grunde auch gar nicht mehr wählen gehen. Weil es völlig egal ist, wer regiert. Man mag Schröders Reformen für gut und sinnvoll halten, ebenso die Euro-Politik von Merkel. Nur: Alternativlos waren beide ganz sicher nicht.

Mit ihren unklugen Behauptungen haben Schröder und Merkel auch der AfD ihren Gründungsmythos geliefert: Mit dem in diesem Kontext fast schon ironisch wirkenden Weiterlesen →

Hamburgs Transparenzgesetz:
Offenheit als Standortvorteil

Seit 10. September 2014 können die Bürger wesentliche Akten der Hamburger Verwaltung stets aktuell im Internet einsehen und (Geo-)Daten kostenfrei nutzen. Das neue Transparenzportal der Hansestadt ist Ausfluss eines Transparenzgesetzes, durch das Hamburg die gläsernste Stadt Deutschlands wird. Mindestens. Mein Kommentar aus dem Hamburger Abendblatt. 

Es ist gar nicht lange her, da durfte der gemeine Staatsbürger kaum Einblick in das nehmen, was hinter den dicken Mauern von Ämtern, Behörden und Ministerien verhandelt und entschieden wurde. Noch 1970 urteilte das Bundesverfassungsgericht, die öffentliche Verwaltung könne „nur dann rechtsstaatlich einwandfrei, zuverlässig und unparteiisch arbeiten, wenn sichergestellt ist, dass über die dienstlichen Vorgänge nach außen grundsätzlich Stillschweigen bewahrt wird“.

Wie radikal sich diese Weltsicht verändert hat, belegen die Gesetze zu Datenschutz und Informationsfreiheit, die seither eingeführt wurden. Während einst der Staat die Daten der Bürger ungehemmt sammeln durfte, seine eigenen Informationen aber geheim hielt, soll es heute möglichst umgekehrt sein.

Dieser Idee folgt auch das Hamburger Transparenzgesetz – und zwar nicht nur vorsichtig, sondern radikal. Von heute an können die Hamburger der Verwaltung so intensiv und so einfach auf die Finger schauen wie in keiner anderen deutschen Stadt. Zehntausende von Dokumenten sind von nun an im Internet kostenlos einsehbar.

Bedenken der Handelskammer

Dazu gehören bisher teilweise vertraulich behandelte Gutachten, Statistiken, Senatsbeschlüsse, Baupläne, Baugenehmigungen und vieles mehr. Neue Dokumente oder Daten werden kontinuierlich eingespeist.

Es ist im Vorwege darüber gestritten worden, ob zu viel Transparenz nicht schädlich sein könnte. Die Handelskammer hat gewarnt Weiterlesen →

Nach IceBucket jetzt Literatur-Challenge: Meine zehn liebsten Bücher

Die Wassereimer scheinen weltweit geleert. Nun wurde ich zu einer anderen Herausforderung eingeladen: der Literatur-Challenge, oder wie dieses Spiel auch immer genau heißt. Man soll (einigermaßen spontan) zehn Bücher nennen, die einen im Laufe des Lebens besonders gefesselt, beeindruckt oder in Denken und Schreiben beeinflusst haben. Alles aus heutiger Sicht – und damit beinahe täglich veränderlich. Da mache ich doch gerne mit. Hier meine aktuelle Liste:

  1. Julio Cortázar: Rayuela
  2. Thomas Bernhard: Holzfällen
  3. Roberto Bolaño: Die wilden Detektive (und Die Nöte des wahren Polizisten, 2666 und fast alles andere, aber das darf man ja wieder nicht)
  4. Philip Roth: Portnoys Beschwerden
  5. Fjodor M. Dostojewski: Schuld und Sühne
  6. Per Petterson: Pferde stehlen
  7. Julio Cortázar: Geschichten der Cronopien und Famen
  8. Max Frisch: Montauk
  9. Rafael Chirbes: Am Ufer
  10. Alfred Andersch: Sansibar oder der letzte Grund.

Ich nominiere meinerseits zehn Kandidaten und zwar: Sören Sieg, Genevieve Wood, Lars Haider, Vanessa Seifert, Jochen Rausch, Zoë Beck, Alexander Schuller, Alexander Josefowicz, Insa Gall und Daniel Kaiser.

 

Hamburg braucht mehr Mut
in der Verkehrspolitik

Der SPD-Senat versucht, es allen recht zu machen – und agiert deswegen mutlos. Gut, dass das Thema Verkehr nun zum zentralen Wahlkampfthema wird.

Es ist ein wenig wie beim Fußball: Auch beim Thema Verkehr sind wir alle Experten. Jeder stand schon im Baustellenstau, ist beim Radeln über Hamburgs Rumpelpisten mal fast vom Sattel geflogen oder musste sich im überfüllten Bus aus dem Kopfhörer des ungepflegten Stehnachbarn beschallen lassen. Und jetzt gibt es auch noch einen neuen Grund, sich zu ärgern: Die Nutzung vieler Park-and-ride-Plätze kostet plötzlich Geld.

Und das, obwohl der SPD-Senat die Menschen zum Umstieg auf den HVV bewegen will. Gerade hat Umweltsenatorin Blankau im Abendblatt gesagt: „Wir alle sollten das Auto in einem Ballungsraum wie Hamburg nur noch benutzen, wenn es wirklich nicht anders geht.“ Schön, schön – und richtig. Aber dann vergällt uns bitte nicht die HVV-Nutzung mit immer neuen Preiserhöhungen und Gebühren!

Sollen Pendler wirklich mit dem Auto in die Stadt kommen?

Könnte man ausrufen. Und das wäre vielleicht auch nicht ganz falsch. Ganz richtig aber auch nicht. Denn die neuen P+R-Gebühren folgen nicht nur ökonomischen Erwägungen, also etwa der Notwendigkeit, die Anlagen zu modernisieren – sondern auch ökologischen.

Bisher haben viele Pendler ihren Wagen nicht bei ihrer nächsten Station in Stade oder Lüneburg abgestellt, sondern sind bis Harburg gefahren, um dort zu parken. Weil sie in den Hamburger Anlagen, anders als an einigen großen Stationen Niedersachsens, nichts bezahlen mussten. Das aber ist weder im Sinne der Umwelt noch im Sinne Hamburgs, das ohnedies durch den Pendlerverkehr stark belastet ist.

Nun zeichnet sich bereits ab, dass die Nutzung der Anlagen durch die Gebühren zurückgeht. Was kaum überrascht und durchaus im Sinne vieler P+R-Parker ist – waren doch einige Anlagen so überlaufen, dass bisweilen gar kein Parkplatz zu bekommen war. Schon problematischer ist es, dass einige bisherige P+R-Nutzer nun auf umliegende Wohngebiete ausweichen und dort die Straßen zuparken.

Strafzettel und Abschlepper pädagogisch sinnvoll einsetzen

Dieses Problem aber dürfte sich einfach lösen lassen: durch Weiterlesen →

Einen Tag im Eimer statt #IceBucketChallenge

Meine zehn klügsten Gedanken zur Eiswasser-Herausforderung. Nummer 8 konnte ich kaum glauben. Und bei Nummer 4 wurde ich sehr traurig.

1. Mir gehen die Videos all der mittelalten Männer mittlerweile auf die Nerven, die sich Wasser über den Kopf gießen, nachdem sie vorher längliche altkluge Reden halten. Ich habe keine Lust mehr, mir das anzusehen.

2. Ich danke dem sympathischen Kollegen Hagen Meyer für die heutige Nominierung zur IceBucketChallenge – vor allem weil er sie wenige Stunden vor diesem Posting von Nico Lumma veröffentlichte:

Nicos Kotelett

 

 

 

 

3. Ich habe seit Tagen auf Facebook und Twitter über die, tatataaaa, FLUT von Wasserübernkopp-Videos gelästert. Ich habe geschrieben, die Leute sollten sich die Eimer doch besser auf die Köpfe setzen und draufbehalten, für mindestens 24 Stunden. Ich habe das Laurel und Hardy-Video dazu gepostet und wohl auch Felix Magath dafür gelobt, dass er spendet, anstatt sich blöde einzunässen. Wie also könnte ich jetzt… Seufz.

4. Nicht nur weil ich bekennender Hypochonder bin, wusste ich lange vor der Kampagne von der Amyotrophen Lateralsklerose (ALS). Der Vater eines Bekannten ist daran gestorben. Außerdem ging der weltberühmte Bildhauer Jörg Immendorf, dem Hamburg die Hans Albers-Statue verdankt, an dieser fiesen Krankheit zugrunde. Ich habe ihn einmal am Telefon interviewt, da war er ziemlich pampig zu mir. Später, als ich von seiner ALS-Erkrankung erfuhr, rechnete ich mir aus, dass er in etwa zur Zeit unseres Gesprächs die Diagnose bekommen haben könnte. Auch der Physiker Stephen Hawking ist an ALS erkrankt – seit 1963.

5. Ich gratuliere den Erfindern der Ice-Bucket-Kampagne. So sehr mich persönlich und viele andere das mittlerweile nervt: Wenn ich es richtig einschätze, ist das die erfolgreichste PR-Kampagne, seit wir von den Bäumen geklettert sind.

6. Ich wünsche allen ALS-Erkrankten Gottes Beistand und der Forschung einen Durchbruch.

7. Ich spende 100 Euro und teile diese auf. Ein Teil an die ALS-Forschung (kennt jemand in Hamburg eine gute Anlaufstelle?). Den zweiten an Brot für die Welt, den Entwicklungsdienst meiner evangelischen Kirche. Und den dritten an SOS Kinderdorf, weil ich auch aus persönlicher Erfahrung weiß, dass die einen sehr guten Job machen. Jetzt muss ich nur noch 100 gerecht durch 3 teilen. Hmm.

8. Wir haben keinen IceBucket. Es gab im Umkreis von 200 Kilometer auch keine zu kaufen. Auch Wasser und Eiswürfel waren überall aus. So ein Pech.

9. Ich tu doch nicht alles, was man mir sagt.

10. Ich erspare der Welt das 50millionste doofe Video und setze mir jetzt den einzigen alten Eimer auf, den es hier gibt. Vorher, egal ob ich das unter diesen Umständen überhaupt darf, nominiere ich noch schnell Christoph Holstein, Tim Schmuckall und Thomas Böwer – wahlweise für den IceBucketChallenge oder 24 Stunden Kübel auf dem Kopf. Hauptsache, sie spenden auch – egal ob nass oder im Eimer.

 

eimer