Warum Hamburgs Bürgermeister Scholz die Kammerrebellen fürchtet

Der Wahlkampf zum Plenum der altehrwürdigen Handelskammer Hamburg wird so hitzig ausgefochten wie nie zuvor. Was das für die Politik in der Hansestadt bedeutet, die traditionell eng mit der auf der Rückseite des Rathauses residierenden Kammer kooperiert, habe ich mir in einer „Woche im Rathaus“ im „Hamburger Abendblatt“ mal näher angesehen. 

Manche behaupten ja, die beiden Herren seien sich ähnlich. SPD-Bürgermeister Olaf Scholz und Handelskammer-Hauptgeschäftsführer Hans-Jörg Schmidt-Trenz sind beide von eher übersichtlicher Statur, tragen darin aber ein sehr großes Selbstbewusstsein spazieren. Beide sind manische Fakten-Checker und arbeiten sich, wenn nötig, bis zur Halskrause in Themen ein. Und beide mögen es nicht, wenn man ihnen danach noch widerspricht. Schließlich kann ihnen in punkto Kompetenz dann ja niemand mehr das Wasser reichen.

Damit war’s das aber auch schon mit den behaupteten Gemeinsamkeiten der beiden Männer, die im Rathaus und auf dessen Rückseite am Adolphsplatz die Töne angeben. Denn während der Bürgermeister ausweislich jüngster Umfragen bei den Hamburger ausgesprochen beliebt ist, entwickelte sich der Kammer-Chef in den vergangenen Jahren zur öffentlichen Reizfigur. Der gebürtige Saarburger Schmidt-Trenz, der die Handelskammer bereits seit 1996 führt, muss wie kein anderer als der Repräsentant einer angeblich hochmögenden Pfeffersack-Arroganz herhalten.

Kammer beharrt auf Rolle als Zweit-Regierung

Als Gründe für diese Wahrnehmung werden angeführt: Er lasse sich mit mehr als einer halben Million Euro Jahresgehalt x-fach besser entlohnen als Bürgermeister oder Bundeskanzlerin und, anders als Scholz, lege er Wert darauf, dass seine Bedeutung nach innen und außen immer wahrnehmbar sei. Und er sorge dafür, dass die Kammer auf ihrer Rolle als eine Art Zweit-Regierung beharre – und bisweilen so tue, als würden Kammer-Gesetz und Gerichtsurteile für sie nicht von übermäßigem Belang sein.

bildschirmfoto-2017-01-08-um-17-30-49Auch aus Senatskreisen heißt es, mancher habe sich bei der jüngsten Silvesterrede von Präses Fritz Horst Melsheimer statt Trotz einen etwas selbstkritischeren Ton gewünscht – schon aus strategischen Erwägungen. Ein kleines Zeichen wenigstens dafür, dass man begriffen hat, dass sich die Zeiten ändern. Dass man in einer Ära, in der die größten Wirtschaftsführer Kapuzenpulli tragen und wie ihre Mitarbeiter mitten im Großraum sitzen, etwas lockerer und demütiger agieren müsse.

Die Kammer stehe keinesfalls zuletzt so in der Kritik, heißt es dann aus dem Umfeld der Hamburger Regierung, weil sie schlechte Arbeit mache – sondern vor allem, weil sie ein Stück weit in der Außendarstellung den Kulturwandel verpasst habe. Was eben passieren könne, wenn in einer Institution über Jahrzehnte derselbe Mann den Ton angebe.

Mulmiges Gefühl angesichts der Grabenkämpfe

Von Olaf Scholz ist bekannt, dass er es nicht in Ordnung findet, wenn Geschäftsführer städtischer Unternehmen sehr hohe Gehälter beziehen und womöglich sogar deutlich mehr als der Hamburger Bürgermeister verdienen. Das gilt vermutlich ähnlich für die Handelskammer, immerhin als Körperschaft des öffentlichen Rechts eine quasi teilstaatliche Institution. Deswegen mag Scholz schon wegen dessen Gehalt durchaus kritisch auf Schmidt-Trenz blicken. Gleichwohl dürfte dem Bürgermeister angesichts der seit Jahren innerhalb der Kammer tobenden Grabenkämpfe mittlerweile auch etwas mulmig zumute werden. Sollten nämlich bei der am 16. Januar beginnenden Plenarwahl die „Rebellen“ von „Die Kammer sind WIR“ die Macht in der Repräsentanz der Kaufmannschaft übernehmen, wüsste niemand so genau, ob es die Kammer in dieser Form noch weiter geben würde. Ihr Ende als berechenbarer Partner allerdings wäre für die Politik ein gravierendes Problem.

„Jeder Senat ist in Hamburg bei der Zusammenarbeit mit der Wirtschaft auf eine funktionierende Handelskammer angewiesen“, betont der Scholz-Intimus und Chef der Senatskanzlei, Christoph Krupp, am Freitag. „Es ist für die Politik wichtig, dass die unterschiedlichen Wirtschaftszweige ihre Interessen in den Kammer-Ausschüssen miteinander abstimmen und die Kammer dann Stellungnahmen abgibt, die von großen Teilen der Wirtschaft getragen werden. Damit können wir politisch arbeiten.“ Das sei bei Großprojekten wie dem Überseequartier wichtig, aber auch im alltäglichen Geschäft. „Bisher funktioniert das sehr gut“, so Krupp. „Wir hoffen, dass das auch in Zukunft so bleibt.“

Rebellen: Meinungsbildung anders koordinieren

Man wisse nicht so genau, ob man auch mit den Vertretern der WIR-Gruppe so zusammenarbeiten könne, heißt es aus dem Rathaus – sollten die mit ihrem Versprechen, die Pflichtbeiträge abzuschaffen, gewinnen, den Präses stellen und den Hauptgeschäftsführer ablösen. WIR-Frontmann und Unternehmensberater Tobias Bergmann versucht zwar, die Wogen zu glätten. Man wisse um die Aufgaben der Kammer – diese gehöre weiterhin ins „Zentrum der Macht“, so Bergmann zu Wochenbeginn bei der Präsentation seines Programms. „Wir wollen aber die Meinungsbildung anders koordinieren. Es soll nicht mehr so sein, dass bestimmte Positionen einfach untergepflügt werden.“ So wie es die Kammerführung etwa beim Netzerückkauf mit der offenen Positionierung gegen den Rückkauf getan habe – womit sie viele Unternehmer übergangen habe, die den Rückkauf für sinnvoll hielten, so Bergmann.

Dabei fürchten die 260 Mitarbeiter am Adolphsplatz keinesfalls irgendwelche Reformen oder eine zurückhaltendere Linie – viele von ihnen haben mittlerweile nackte Angst um ihre Jobs. Denn müsste die Kammer von 2020 an ohne Beiträge auskommen, wie es die Bergmann-Truppe plant, würde an vielen Stellen vieles rasiert werden müssen. Auf die Frage, wie sie die vielen Aufgaben der Kammer – bei dualer Ausbildung, Außenhandel, Integration von Flüchtlingen oder Beratung – gewährleisten wolle, gibt WIR eher luftige Antworten. Dann ist zum Beispiel von Effizienzsteigerungen die Rede. Ein durchgerechnetes Konzept oder konkrete Vorschläge, wie der Wegfall der Einnahmen kompensiert werden soll, hat WIR bisher nicht vorgelegt.

Ton zwischen Konkurrenten verschärft sich

Das konkurrierende Wahl-Bündnis der „Traditionalisten“ von „Vorfahrt für Hamburg“ um Logistik-Manager Willem van der Schalk warf den WIR-Leuten denn in dieser Woche auch „Populismus“ vor – und präsentierte ein Gutachten, nach dem man die Beiträge gar nicht abschaffen könne. Das dritte Bündnis, „Unternehmer für Hamburg“ um Medienmanager Robin Houcken, schlug derweil vor, Firmen für die Teilnahme an der Kammerwahl Beiträge zu erlassen. Bevor die 160.000 Unternehmer in gut einer Woche ihre Stimme abgeben können, verschärft sich derzeit in den sozialen Medien noch einmal der Ton zwischen den Konkurrenten – fast wie bei einer Bürgerschaftswahl.

Politiker allerdings wissen, dass man Wahlkampf-Attacken nicht persönlich nehmen darf. Auch deswegen können sie nach Wahlen schnell in den Arbeitsmodus zurückschalten. Ob das auch die Hamburger Kaufleute schaffen, wird sich ab Mitte Februar zeigen – nach dem Ende der hitzigsten Kammerwahl aller Zeiten.

Erschienen als Kolumne in der Rubrik „Die Woche im Rathaus“ am 7. Januar 2017 im „Hamburger Abendblatt“.

Hamburgs Wahlrecht – ein nie endendes Projekt?

SPD und CDU wollen das ebenso fortschrittliche wie anspruchsvolle Hamburger Wahlrecht ändern – mal wieder. Mein Kommentar aus dem Abendblatt.

Nicht mal die alten Sprüche über das Wählen stimmen noch. Alle paar Jahre macht der Wähler ein Kreuz – und danach muss er es bis zum nächsten Mal tragen. So heißt eines der vielen lästerlichen Zitate über die Mühen der Demokratie. Auf Hamburg kann man es schon lange nicht mehr anwenden.

Darf der Wähler doch hier zehn Kreuze zwischen kaum noch zählbaren Kandidaten und Parteien verteilen. Das sollte nicht etwa bedeuten, dass er danach umso mehr zu ertragen hätte – im Gegenteil: Der Wähler soll mehr Auswahl und Macht auch gegenüber Parteien bekommen. Nicht mehr die Kandidaten sollen ins Parlament, die sich in ihren Parteien durch Kungelei und Liebedienerei Mehrheiten gesichert haben, sondern diejenigen, die das Volk für fähig und integer hält.

So gut die Idee ist, als so schwierig hat sich die Umsetzung erwiesen. Plötzlich bekommt der Wähler statt Wahlzettel Hefte mit hunderten Kandidaten vorgelegt, deren Namen er meist noch nie gehört hat. Nicht mal 57 Prozent der Wahlberechtigten gaben 2015 ihre Stimmen ab, und relativ viele Wahlzettel waren ungültig. Das sind starke Indizien dafür, dass das Verfahren manchen Bürgern zu kompliziert ist. So sehr man sich mehr Macht für die Wähler wünscht – ein gerechtes Wahlrecht muss vor allem ein Kriterium erfüllen: → weiterlesen

Hamburgs CDU demütigt die Frauen

Hamburg ist der einzige deutsche CDU-Landesverband, der keine Frau auf einem aussichtsreichen Kandidatenplatz für die Bundestagswahl 2017 nominiert hat. Mein Kommentar aus dem „Hamburger Abendblatt“ vom 10.12.2016. 

Die Hamburger CDU hat offenbar keine Lust, diese Stadt irgendwann mal wieder zu regieren. Anders lässt sich die Vorstellung nicht deuten, die die Partei bei der Aufstellung ihrer Landesliste für die Bundestagswahl gegeben hat. Wie zu Zeiten des früheren Parteichefs Jürgen Echternach kungeln da fast reine Männerrunden in Hinterzimmern die wichtigsten Chefposten und nun auch die aussichtsreichen Bundestagskandidaturen untereinander aus.

Kreis-Chefs machen auf offener Bühne Altherrenwitze und verhöhnen Frauen als weinerlich, die mehr Beteiligung fordern. Achselzuckend ignoriert die Parteiführung das Bundesstatut, nach dem jeder dritte Kandidat weiblich sein soll. Stattdessen geht der Parteichef→ weiterlesen

Wachen wir auf, wir Digital-Sklaven!?

Facebook will sich die Adressbücher von 35 Millionen deutschen WhatsApp-Kunden einverleiben. Hamburgs oberster Datenschützer Caspar hat das untersagt. Mein Abendblatt-Kommentar zum digitalen Totalitarismus. 

Um mehr oder weniger öffentlich mehr oder weniger nackt dazustehen, muss man gar kein Exhibitionist sein. Es ist nicht nötig, bei Facebook regelmäßig Fotos seines Abendbrots oder Dackels oder seine Wut über Dietmar Beiersdorfer hochzuladen.

Die Digitalgiganten wissen selbst von den Netzmuffeln immer genauer, was sie gerne essen, unter welchem Verein sie leiden – oder unter welchen Krankheiten. Facebook etwa greift gerade alle Daten von Whats-App-Nutzern ab, Telefonnummern und Notizen.

Ganze Handy-Adressbücher will sich der Netzgigant einverleiben – und damit auch das Wissen, welche Ärzte jemand kontaktiert, in welchen Restaurants er bisweilen einen Tisch bucht oder wo die heimliche Geliebte wohnt.

Es geht allein in Deutschland um Hunderte Millionen Datensätze. Betroffen sind sogar Digital-Verweigerer, die→ weiterlesen

Sender für marode Unterleiber

Mag ja sein, dass Pokemon-Jagd, WhatsApp und all dieses Smartphone-Gedöns gefährlich für Kinder ist. Aber das gute alte Unterschichtenfernsehen, wie Harald Schmidt SAT.1 und Co mal genannt hat, ist auch nicht ohne. Es sei denn, Sie wollen mit Ihrem Nachwuchs über Scheidenpilz und Blasenschwäche diskutieren. Kürzlich habe ich meinen Söhnen erlaubt, eine Krimi-Serie auf so einem Kanal zu sehen. Was darin passierte, war nicht der Rede wert, bloß das Übliche: Spionage, Mord und Totschlag.

Die Werbepausen aber hatten es in sich. Sie handelten ausschließlich von eher so mittelattraktiven Unterleibsbeschwerden der Eltern- und Großeltern-Generation. Und das Ganze brannte sich so tief in die Köpfe der Jungs ein, dass sie es wieder loswerden mussten, indem sie → weiterlesen

AfD? Mehr Alternativen, bitte!

Das Abendblatt bringt am 15. Juli 2016 ein Dossier zur Arbeit der AfD in Hamburg. Wie aber soll man mit der neuen Partei umgehen? Mein Leitartikel. 

Auf den ersten Blick erscheint es vollkommen paradox: Den Deutschen geht es wirtschaftlich so gut wie nie zuvor, die persönliche Zufriedenheit bei den Menschen ist laut Studien größer denn je – und ausgerechnet in einer solchen Zeit entsteht eine „Partei der schlechten Laune“, wie Hamburger Bürgermeister Olaf Scholz die AfD neuerdings bezeichnet. Gemessen an seinen Ergebnissen funktioniert unser politisches System hervorragend – und die Politik macht einen prima Job. Trotzdem ist die Wut auf „Politiker“ oder das ganze „System“ in den vergangenen Jahren so groß geworden, dass mancher schon eine vorrevolutionäre Stimmung wahrzunehmen meinte.

Auf den zweiten Blick wirkt die Entwicklung nicht mehr so überraschend. Es geht nämlich gar nicht in erster Linie um die Ergebnisse von Politik – und damit auch nicht ausschließlich um das AfD-Gründungsthema Euro oder die Flüchtlingskrise, von der die Partei besonders stark profitiert hat. Es geht vor allem darum, wie Politik gemacht wird. Und da haben die Regierungen und vor allem die großen Parteien in den vergangenen Jahren viele Fehler gemacht. Um sie durchzusetzen, haben die Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) und Angela Merkel (CDU) immer wieder behauptet, ihre Politiken seien „alternativlos“.

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Die AfD-Bestandsaufnahme im Abendblatt

Dabei ist es ja gerade die Aufgabe von demokratischer Politik, unterschiedliche Alternativen zu diskutieren. Das Gerede von der „Alternativlosigkeit“ mag Politikern kurzfristig zur Durchsetzung eigener Pläne dienen, langfristig beschädigt es die Demokratie. Denn wenn es nur eine Handlungsmöglichkeit gibt, muss man ja auch nicht mehr wählen.

So ist es zum Glück nicht. Egal, wie man inhaltlich zu diesen Themen steht: Natürlich gab es eine Alternative zu Hartz IV. Und eine zum Regelbruch bei der Euro-Rettung. Und natürlich hätte es auch eine Alternative dazu gegeben,  2015 mehr als eine Million Flüchtlinge aufzunehmen – auch das unter Bruch von demokratisch verabschiedeten Gesetzen.

Wer die Demokratie erst rhetorisch und dann auch praktisch mit dem  Verweis auf chronische Notstände und Alternativlosigkeit immer wieder aushebelt, muss → weiterlesen

Grün ist der Filz

Nach Jahren des Sparens leistet sich der Hamburger Senat wieder mehr Stellen und bessere Konditionen in seinen Chefetagen. Die Grünen haben einen beachtlichen Anteil an der neuen Aufblähung von Senat und Behördenapparat. Bisweilen freuen sich Parteifreunde der Regenten über die neuen Posten und Pöstchen. Mein Abendblatt-Kommentar zum Artikel vom 19. Mai 2016.  

Es stimmt: Im Rathaus und in den Behörden haben manche ziemlich geächzt, nachdem Olaf Scholz 2011 Bürgermeister wurde. Denn um beim munteren Verwaltungssparen mit gutem Vorbild voranzugehen, ließ der neue Senatschef erst einmal Stellen in den Führungsetagen der Behörden streichen. Wer seinen Job als Referent oder Pressesprecher behielt, hatte nun bisweilen einen zweiten nebenbei mit zu erledigen. Wo SPD-Mann Scholz das eigene Arbeitspensum zum Maßstab macht, so ist zu hören, gelten tarifliche Arbeitszeiten nur noch sehr bedingt.

Prinzipiell hat sich daran nichts geändert; übermäßig gut ausgestattet sind die Chefetagen auch heute nicht. Die Einstellung eines zweiten Redenschreibers im Scholz-Büro, manche Beförderung und der Erhalt der Stelle eines Sportstaatsrats in einer Stadt ohne Olympia, ohne Profi-Handball und jetzt auch ohne Eishockey, zeigen aber: Die Zeit des schlimmsten Darbens in den Behördenspitzen ist offenbar vorbei.

Interessant sind auch ein paar andere Details der aktuellen Stellenpläne. Es scheint fast so, als seien die Grünen in Sachen Selbstausstattung weniger sensibel als die SPD. So gönnt sich Wissenschaftssenatorin Katharina Fegebank, anders als ihre Vorgängerin, in ihrer Funktion als Zweite Bürgermeisterin im Rathaus je eine zusätzliche Büroleiterin und Referentin (mit jeweils grünem Parteibuch). Eine Sekretärinnenstelle hat ihre Behörde, anders als üblich, laut Senat ohne Ausschreibung vergeben. Und Justizsenator Till Steffen leistet sich → weiterlesen

Wie Olaf Scholz die Grünen düpierte – und warum die SPD damit überzogen hat

Der grüne Umweltsenator Jens Kerstan hat für den ersten offenen Streit von Rot-Grün in Hamburg gesorgt. Nachdem die SPD ohne Absprache eine Einigung im „Bündnis für das Wohnen“ verkündete, legte Kerstan sein Veto ein – und fordert trotz des massiven Wohnungsbaus mehr Engagement für den Schutz des Stadtgrüns. Mein Kommentar aus dem Hamburger Abendblatt vom 14. Mai. 2016.

König zu sein ist eine tolle Sache, sie hat nur einen Nachteil: Man besitzt als langjähriger Alleinherrscher nicht automatisch die größte Sozialkompetenz. Wie sollte man die auch lernen, wenn man sich nie absprechen muss, weil immer alle mit den Hacken knallen, sobald man nur hüstelt? Bürgermeister Olaf Scholz hat irgendwann in seiner ersten Amtszeit den Beinamen König Olaf bekommen, weil er jedes Detail der Politik allein bestimmte. Das lag erstens daran, dass er als politisches Arbeitstier sattelfest in fast allen Themenbereichen ist. Zweitens war er 2011 mit der absoluten Mehrheit zu einem Machtgaranten der SPD geworden.

Die Ergebnisse von vier Jahren Alleinregierung konnten sich durchaus sehen lassen. Dummerweise hat Scholz aber bisher nicht wahrhaben wollen, dass sich mit der Wahl 2015 einiges geändert hat. Mag er in der SPD weiter allein den Ton angeben, so ist er in der Bürgerschaft auf die Stimmen eines grünen Partners angewiesen. Gemäß dem Spruch seines Lehrmeisters Gerhard Schröder, der von sich selbst einst als Koch und dem grünen Vizekanzler Joschka Fischer als Kellner sprach, begann Scholz die Grünen von Beginn an wie ein strenges Herrchen an sehr kurzer Leine zu führen. Er hat mit Stadtbahn oder Citymaut ihre zentralen Projekte kassiert und ihnen das Verkehrsressort vorenthalten. Grüne Akzente sind im Koalitionsvertrag nur wenige zu finden. Auch intern hat er die Grünen gerne mal auflaufen lassen.

Die Hamburger Grünen, die sich neuerdings am pragmatisch-konservativen grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann orientieren, haben all das geschluckt. Das mag auch am Naturell der Zweiten Bürgermeisterin Katharina Fegebank liegen, der im Zweifel der liebe Frieden wichtiger ist als das Durchsetzen eigener Ideen.

Nun aber ist die Scholz-SPD offenbar zu weit gegangen – und das ausgerechnet in einer Angelegenheit, die Umweltsenator Jens Kerstan betrifft. Der ist ein → weiterlesen

Schöner schämen: Wie eine parteilose Feministin die AfD aufmischt

Hamburgs AfD-Fraktionschef hat das neue Grundsatzprogramm seiner Partei in einer wütende Tirade öffentlich verrissen. Austreten will er trotzdem nicht. Meine „Woche im Rathaus“ aus dem „Hamburger Abendblatt“.

Natürlich war wieder mal seine Frau schuld. Das glauben jedenfalls einige in der AfD. Schließlich habe die ja an einer linken Uni studiert und sei durch und durch liberal und, sagen wir es offen: womöglich sogar Feministin! Also habe Carola Groppe, Professorin für Erziehungswissenschaft, ihrem Gatten, dem Hamburger AfD-Fraktionschef Jörn Kruse, nach dem Stuttgarter Parteitag bestimmt erst einmal beigepult, wie schlimm das neue Grundsatzprogramm sei.

Bildschirmfoto 2016-05-07 um 00.19.16Am Dienstag wurde der 67-jährige emeritierte Professor dann von einer Journalistin angerufen – und hat einfach mal alles rausgelassen. Das AfD-Programm sei in punkto Islam, Klimawandel, Zuwanderung oder Familienpolitik, „unpräzise, unsinnig, töricht, unsäglich, vorgestrig und frauenfeindlich“, in Wahrheit „totaler Schwachsinn“, diktierte der AfD-Fraktionschef der „Welt“-Kollegin und resümierte: „Ich schäme mich dafür.“

Nun ging die Scham gleichwohl nicht so weit, dass Kruse aus dem Laden austrat, den er angeblich so furchtbar findet. Denn dann müsste er wohl auch den Job des Fraktionschefs an den Nagel hängen, und der bringt ihm mit der dreifachen Diät neben seiner Professoren-Pension noch rund 8000 Euro pro Monat ein. Die kann man ja auch als eine Art Schmerzensgeld verstehen, mit dem es sich schöner schämen lässt.

Sonst fordert die AfD von allen mehr Disziplin und Gemeinschaftsdenken – aber nicht vom eigenen Promi

Allerdings dreht sich in der Politik nicht alles um die Gefühle eines Professors – es geht bekanntlich immer auch um die Partei. Man stelle sich mal vor, Spitzenleute von SPD oder CDU würden die Politik der eigenen Leute öffentlich als „unsäglichen Schwachsinn“ bezeichnen. Möglicherweise hätte das die eine oder andere Konsequenz.

Die AfD aber, sonst auf einem knallharten Feldzug gegen ein „links-grün versifftes 68-er-Deutschland“ mit all seiner Disziplinlosigkeit, beließ es in der Causa Kruse bei antiautoritärer Pädagogik. Die Parteispitze um Chef Bernd Baumann stellte lediglich per Pressemitteilung und Mail an die rund 500 Hamburger Mitglieder fest: „Der Landesvorstand steht hinter dem Programm.“ Kein Wort über Kruses Tiraden.

In einem Telefonat versicherte der Fraktionschef dem Parteivorsitzenden Baumann, dass er sich künftig eines anderen Vokabulars bedienen wolle – damit war die Sache vom Tisch. Kruse soll Fraktionschef bleiben, man habe keine Lust auf Zerwürfnisse, hieß es. Daran änderte auch die Wertung von Bundesparteisprecher Jörg Meuthen nichts, der Kruses Aussagen→ weiterlesen

Ende des Tourismus-Managers Albedyll ist auch eine Warnung an andere Spitzenleute

Nicht einmal 48 Stunden nach meiner Anfrage für das Abendblatt an den Senat zu  möglichen Nebentätigkeiten und Interessenkonflikten ist der langjährige Chef der Hamburg Tourismus GmbH, Dietrich von Albedyll, zurückgetreten – und das wohl nicht freiwillig. Für diese Abendblatt-Kolumne habe ich versucht herauszubekommen, was im Fall des so schnell geschassten „Mr. Tourismus“ wirklich passiert ist – und warum der Senat so hart durchgegriffen hat. Dem liegt auch eine bestimmte politische Theorie des Bürgermeisters zugrunde, behaupte ich.

Er musste den Fahrstuhl nach unten nehmen, denn einen anderen Weg gab es für Dietrich von Albedyll an diesem Dienstagabend um kurz vor halb sechs nicht. Praktischerweise sitzt die bis Mittwoch von dem 65-Jährigen geführte städtische Hamburg Tourismus GmbH (HHT) im selben Gebäudekomplex wie die sie beaufsichtigende Wirtschaftsbehörde: die Touristiker mit Eingang Wexstraße im 11. Stock, die Leitungsebene der Behörde im 8. Stock am Alten Steinweg. Man kommt also selbst bei Regen trockenen Fußes hinüber zu Staatsrat Andreas Rieckhof, dem Aufsichtsratschef der HHT. Um vom einen Gebäude ins andere zu gelangen, fährt man per Fahrstuhl in den siebten Stock und dann mit einem anderen in den achten Stock des Nachbarbaus.

Das Bild des Fahrstuhls zum Schafott dürfte sich für von Albedyll zumindest beim ersten Gang zu seinem Oberaufseher noch nicht aufgedrängt haben – auch wenn sein Ende als Tourismus-Chef in diesem Moment schon ganz nah war. Am Vorabend hatte ich für das Abendblatt eine Anfrage an Senat und HHT gerichtet. Darin ging es darum, dass von Albedyll, obwohl noch bis Ende März gut bezahlter Chef der HHT, bereits im Dezember eine eigene, private Tourismus GmbH gegründet und ins Handelsregister hatte eintragen lassen. Und das zusammen mit PR-Mann Wolfgang Raike, Ex-Sprecher der Wirtschaftsbehörde, Auftragnehmer der HHT und Weggefährte Albedylls.

Der Tourismus-Chef und seine Mitarbeiter taten die Anfrage am Vormittag noch als eher läppisch ab. Man habe sich nichts vorzuwerfen, hieß es. In der Wirtschaftsbehörde aber sah man das ganz anders, und ließ→ weiterlesen