Grüne Volkspartei – dank Google-Prinzip

Es gibt Momente, da sitzt man gelangweilt auf dem Sofa und hat plötzlich eine erschreckende Erkenntnis.

Ich zum Beispiel saß vor ein paar Tagen in meinem Wohnzimmer, las einen langweiligen Roman, und schlagartig wurde mir klar: Ich kenne niemanden, der die Grünen nicht wenigstens halbwegs sympathisch findet oder fand oder bald finden wird.

Die Grünen. Ich weiß nicht mal mehr, worum es in dem Roman ging, es hatte mit belanglosen Erlebnissen langweiliger Taxifahrer im Hamburg der 80er Jahre zu tun, glaube ich, aber jedenfalls ging es nicht um Natur oder Urwald oder Sonnenenergie und auch nicht um die Türkei.

Keine Ahnung, wie ich plötzlich auf die Grünen kam, die von allen geliebten. Meine Erkenntnis war mir sofort ziemlich unheimlich, aber sie stimmte. Ich kenne allerlei unterschiedliche Leute, dicke und dünne, haarige und kahle, junge und alte, Alte die auf jung machen und umgekehrt und dazu noch ein paar besserwissende Führungskräfte und ebenso viele schlaumeiernde Weltrevolutionäre. Und tatsächlich: Alle finden sie die Grünen okay. Keine Ahnung, ob sie sie alle wählen würden oder gewählt haben, und sicher kritteln sie auch an ihnen herum. Aber jedenfalls fühlen sie sich den Grünen doch verbunden, so wie man sich netten Nachbarn oder guten Bekannten verbunden fühlt, Menschen, bei denen man denkt, man könnte sie demnächst einmal zum Essen einladen oder mit ihnen Doppelkopf spielen. Es gibt sogar Direktoren von Fünf-Sterne-Hotels, die freimütig bekennen, niemals etwas anderes gewählt zu haben als grün. Wie könnte mir das geheuer sein, wo ich dem Mainstream aus Prinzip skeptisch begegne? Wie kann es angehen, dass Punks und Yuppies sich am Ende für dieselbe grüne Sonnenblumenbraut entscheiden?

Thea ist tot, aber Google verlangt einen neuen Blick

Meine Oma Thea ist tot, die andere, sie hieß Erna, auch. Die beiden fanden die Grünen entsetzlich. Langhaarige Latzhosenlaffen waren das für sie. Potenzielle Bombenleger. Meine Opas waren vielleicht ein wenig liberaler, tot sind sie trotzdem. Grün hätten sie aber auch lebendig nicht gewählt. Nicht zu ihrer Zeit. Heute könnte ich selbst das nicht mehr ausschließen.

Man sagt ja, Schönheit entstehe im Auge des Betrachters, aber was betrachten denn all diese so unterschiedlichen Menschen da überhaupt, wenn sie heute auf so liebevolle Weise die Grünen betrachten? Liberalität? Weltrettung? Bildung? Freiheit? Gerechtigkeit? Ideenreichtum? Intelligenz? Lockerheit?

Gerade bin ich auf eine mögliche Antwort gestoßen. Jetzt, wo ich (neben dem schlechten Taxi-Roman) dieses verfluchte Buch von Jeff Jarvis gelesen habe, das Buch von dem Mann also, von dem ich die buzzmachine-Internet-Adresse geliehen habe (um nicht zu sagen: geklaut). „Was würde Google tun?“, heißt das Buch, und dass es verflucht ist, stimmt natürlich nicht. Es verlangt einem nur verflucht viel ab. Es verlangt, dass man die ganze Welt mit neuen Augen betrachtet. Jarvis benutzt darin den Begriff „googelig“, so heißt es jedenfalls in der deutschen Übersetzung. Wenn ich grob zusammenfassen sollte, was Jarvis so schreibt, wie er googelig definiert, dann würde ich sagen, googelig ist es, wenn man diese Ratschläge befolgt: Schotte dich nicht ab, öffne dich. Glaube nicht an einen Massenmarkt (sondern an eine Masse von Nischen), und lasse am Ende den Schwarm entscheiden. Die Zeiten der Leitwölfe sind vorbei. Gib die Kontrolle ab, tritt zurück und nicht in den Vordergrund (und sei doch offen mit Deinen Daten), aber vor allem: Sorge immer für eine möglichst vollständige Rückkopplung, höre immer auf deine Freunde, Kunden, Wähler. Nur wer die Mehrheit entscheiden lässt, der überlebt. Sei Demokrat. Weil es gut ist. Aber auch: Weil in Zeiten des Internets alle Diktatoren sowieso zum Teufel gehen werden.

Auf die Menschen hören – die CDU versteht dieses Prinzip nicht

Auf die Menschen hören. Das ist es, was die Grünen tun. Nicht immer, aber doch mehr jedenfalls als andere Parteien. Es ist ihr Prinzip (auch wenn sie es nicht immer vollständig beherzigen). Das ist es, was sie sympathisch macht. Sie setzen auf Diskurs, auf Diskussion, auf Mediation bei Konflikten, auf direkte Demokratie, auf Volksentscheide. Keine Partei setzt mehr auf Rückkopplung als die Grünen. Sie glauben an den Schwarm, an die Intelligenz der Gruppe. Auf ihren Parteitagen wird wirklich diskutiert, während andere Parteien ihre Parteitage komplett inszenieren als Machtdemonstrationen ihrer Leitwölfe.

Die CDU, der neue Hamburger Partner der Grünen, ist ganz und gar nicht googelig. Die CDU hat in Hamburg einen Volksentscheid nach dem anderen ignoriert. Sie sagt: Bei Volksabstimmungen wird immer nur „Freibier für alle“ herauskommen. Die CDU hält das Volk, hält den Schwarm, hält die Wähler insgesamt für dumm. Sie meint, sie kann den Menschen vorsetzen, was ihr beliebt, so lange sie es hübsch verpackt und der Bürgermeister auf Plakaten gut aussieht. Sie glaubt, sie weiß es besser als die Menschen. Die CDU hat die Hamburger Krankenhäuser verkauft, obwohl das von einem Volksentscheid untersagt worden war. Sie hat die letzten Anteile an den Hamburgischen Electricitätswerken (HEW) an Vattenfall verkauft, und der Strom ist teurer geworden und die Atomkraftwerke unsicherer, und die Zahl der Stromausfälle steigt. Sie hat Hamburgs städtische Immobilen verkauft, weil sie glaubte, Verkaufen und für die Behörden Zurückmieten sei billiger. Mittlerweile hat sie gemerkt, dass das dumm war, aber bezahlen muss nicht die CDU, bezahlen müssen alle Hamburger. Dasselbe gilt für die Milliarden-Verluste, die die CDU durch ihre angeblich so modernen und klugen Geschäfte mit der HSH Nordbank gemacht hat. Die CDU glaubt, sie sei schlauer als der Schwarm (der niemals seine Kraftwerke und seine Immobilien und seine Krankenhäuser verkauft hätte und niemals mit seiner eigenen Lebensgrundlage Roulette spielen würde).

Die SPD hat sich zusammen mit der CDU immer wieder gegen ein demokratischeres Wahlrecht in Hamburg gestemmt. Wie die CDU ist die SPD der Meinung, man müsse Gutes oder Notwendiges gegen die Mehrheit durchsetzen. Wie die Rente mit 67 oder Hartz IV. Die SPD glaubt nicht an die Schwarmintelligenz.

Wenn jemand einen Obama hervorbringen könnte, dann die Grünen

Neulich hat jemand zu mir gesagt, wenn eine Partei eine Art deutschen Obama hervorbringen könne, dann seien es die Grünen (Trittin und Künast wird er hoffentlich nicht gemeint haben). Nicht weil die SPD mit dem Versuch des Hubertus Heil gescheitert ist, einen SPD-Parteitag einmal „Yes, we can“ brüllen zu lassen, worauf den Genossen erst die Münder meterweit offen standen und danach noch ungläubig die Kiefer runterklappten (selten hat man so großmäulige und zugleich sprachlose Sozialdemokraten gesehen). Nicht weil die CDU auch nur Personal vom Schlage Pofalla hat. Oder weil die FDP nur aus einem einzigen nervtötenden Dauerquassler besteht und die Linke nur Vehikel eines persönlichen Rachefeldzugs eines älteren Herren ist. Nein. Weil die Grünen googeliger sind als die anderen.

Und Obama ist ein Google-Kind. Nicht nur, weil er das Internet wie kein anderer nutzt, weil er die Menschen dort abgeholt und über das Netz zusammengeführt hat. Er hat auch die Bedürfnisse der Menschen ernst genommen. Er hat ihnen eine Stimme gegeben. Und er macht ihre Politik. Er macht Fehler, wie alle Fehler machen. Er ist nicht perfekt, wie niemand perfekt ist. Aber er hat einen anderen Ansatz. Er versucht nicht, den Massengeschmack zu erfahren, um die Menschenmasse dann für sich einzusetzen. Er weiß, dass Millionen von Menschen intelligenter sind als ein einzelner Politiker. Er nimmt diese gesammelte Menschheitsintelligenz auf, um sie in konkrete Politik zu verwandeln. Er nimmt die Menschen ernst.

Das tun bei uns am ehesten noch die Grünen, denke ich (während ich das Buch über die langweiligen Taxifahrer wieder aufschlage, um es durch Durchlesen endlich loszuwerden). Jedenfalls tun sie es mehr als alle anderen Parteien.

Wobei sie sich natürlich auch anstrengen müssen, es zu bleiben. Denn manchmal passiert es ja, sogar bei googeligen Grünen, dass die Macht sie verändert, dass sie glauben, nun könnten sie wie Leitwölfe auftreten. In Hamburg müssen sie gerade aufpassen, dass das nicht passiert, jetzt wo sie regieren. Schon zeigen sich hier und da Anflüge grünen Hochmuts. Sollte das so weitergehen, wären die Hoteldirektoren, Yuppies, Punks gefragt. Sie werden die Grünen erinnern müssen, was das wirkliche Geheimnis ihres Erfolges ist. Googelig zu sein. Also: Wahre Demokraten.

Eine Sammlung von Jens Meyer-Wellmanns Kolumnen über den alltäglichen Familien- und sonstigen Wahnsinn gibt es unter dem Titel „Schrei mich nicht an, ich bin ein Wunschkind“ auch als eBook bei Amazon, und zwar hier.
Jens Meyer-Wellmann
Mehr über mich unter: http://www.meyer-wellmann.de

9 Kommentare

  1. Das hört sich alles sehr plausibel an, finde ich. Vielleicht liegt ja wirklich einiges in den Parteistrukturen begründet. Bei der These mit den Brüchen frage ich mich aber, ob das nicht eher auf die grüne Gründergeneration zutrifft, die ja zugleich einen weiten politischen Weg zurückgelegt hat. Dass man als Autofahrer automatisch die Grünen furchtbar finden muss, glaube ich übrigens nicht 😉

  2. Das kann ich verstehen. Es ist ja auch nicht so, dass ich selbst alle grünen Politiker (oder Positionen) für sympathisch hielte. Es scheint mir nur so, dass die Grünen mit ihren Themen heutzutage kaum noch abgelehnt werden, sondern auf ein weitgehend positives Echo stoßen – bis weit in konservative Kreise hinein. Nur das hat ja auch Schwarz-Grün möglich gemacht in HH. Mir ist bisher immer die Diskussionskultur der Grünen sehr positiv aufgefallen. Kein Kadavergehorsam wie man ihn bei CDU-Parteitagen erlebt. Keine reinen Machtdemonstrationen. Aber auch keine Selbstzerfleischung, wie man sie etwa bei den Hamburger Sozis seit Jahren kopfschüttelnd beobachtet. Aber don Böwers Einsatz soll damit natürlich keinesfalls geschmälert werden.

    Herzliche Grüße nach Griechenland
    Jens

  3. Ich sag das jetzt mal, weil ich beschlossen habe, es immer zu sagen, wenn es irgendwie passt: Ich als Hamburger (damals noch Eimsbüttler) brauchte einmal unbedingt und schnell Hilfe in einer Behördensache mit meiner Tochter. Wirklich wichtig und echt dringend. Also habe ich alle Abgeordneten angeschrieben und gefleht, und das Feedback war herzerwärmend.
    Aber:
    Am schnellsten gemeldet hat sich Don Böwer. Das Problem geregelt hat auch Don Böwer, und zwar großartig. Und die Grünen waren nicht nur eine Woche zu spät, sie waren auch noch beleidigt, weil ich ihnen mein Problem nicht exklusiv überlassen hatte. Richtig unfreundlich beleidigt.
    Deswegen mache ich seit Jahren schamlos Wahlwerbung und würde, wenn Thomas Böwer auf dem Wahlzettel steht, mein Kreuz nie woanders machen. Dabei sind mir die Grünen sympathisch und ich habe sie, wenn der Böwer nicht zu greifen war, auch gewählt. Aber am Ende des Tages haben sie vor, nach und während Wahlen alles, was ich von ihnen wollte, nie geregelt gekriegt. Und das ist mir schon wieder unsympathisch.

    Liebe Grüße von der griechischen Insel,

    Michalis

  4. Dass die Grünen in ihrer Gesamtheit „googleiger“ sind, ist aber auch auf ein paar Faktoren zurückzuführen, die uns eben doch von den anderen Parteien unterscheiden:
    1. Unser Jugendverband ist tatsächlich ein Jugendverband, mit 28 scheidet man nämlich aus. Also keine Berufsjugendlichen, sondern junge Menschen, die zumeist ein echtes Privatleben neben der Politik haben.
    2. Unsere Basisstruktur (vor allem die Kreis- und Ortsverbände) ist immer in Bewegung. Wer lange dabei ist, reißt sich nicht darum DelegierteR für Parteitage zu werden, sondern lässt gerne auch mal die „Neuen“ ran. Die sind meist noch sehr enthusiastisch und deshalb für Parteitagsstrategen immer wieder überraschend.
    3. Eine Vermutung: Grüne Lebenswege sind öfter „gebrochen“ und durch Phasen zumindest finanzieller Engpässe gekennzeichnet (wenn auch die anderen Ressourcen – Bildung, Netzwerke – reichhaltig vorhanden sind).
    4. Die meisten Grünen glauben an das Gute im Menschen, an die Kraft von Argumenten, Bildung, Verständnis. Das macht sie weniger zynisch, aber auch anfälliger für Enttäuschungen.

    Ich habe übrigens noch Menschen kennengelernt, die die Grünen einfach nur furchtbar finden und ihnen prinzipiell das Schlechteste zutrauen: Ex-Grüne und AutofahrerInnen….

  5. Menno, lass dir von einem Messdiener sagen, dass es zwischen Gebären und Patenonkel einen gewissen aber greifbaren Unterschied gibt.

    Gruß aus Hamburg

    Don

  6. ich sehe gerade, da fehlt noch ein „h“ und ein „o“ wäre gerne eine „i“.

  7. Menno, ich denke, das Wetter in Spanien ist gut,. Und dann noch nächstens solche Texte in die Maschine hauen?^^

    In Hamburg gehts redlich: HSH investiert 1,5 Mrd. Euro in Rußland. Immerhin ein siebtel eines Jahreshaushalts in Hamburg. Ein prominenter Grüner offt die Bank über den 31.12. zu bringen. Schifffahrt wird zur aktuellen Archillesferse. Aber ok, der Gedanke, dass Farid Müller und Senatoron Hajduk gemeinsam einen grünen Obama gebären, entbehrt nicht einer gewissen Komik.

    Ola.

    Thomas Böwer

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