„Wenn das ins Auge geht, wird es sehr teuer“

Am 22. September entscheiden die Hamburger in einem Volksentscheid parallel zur Bundestagswahl über den Rückkauf der Energienetze. Dazu habe ich für die „Welt am Sonntag“ ein Interview mit Bürgermeister Olaf Scholz geführt. Da es aufgrund des in der gedruckten Zeitung stets zu knappen Platzes beim Abdruck leicht gekürzt wurde, gebe ich das ungekürzte und autorisierte Gespräch hier noch einmal in ganzer Länge wieder – inklusive des Vorspanns. Möglicherweise sind die hier zusätzlich abgedruckten Fragen zum Netzerückkauf für die derzeit geführte öffentliche Debatte interessant. Aber auch zu anderen Themen (Flüchtlinge, Elbvertiefung, Kaltenkirchen) gibt es hier die eine oder andere Frage und Antwort mehr. 

Seit zweieinhalb Jahren regiert er unangefochten. Dieser Tage aber wird es dennoch ernst für Bürgermeister Olaf Scholz (SPD): Bei der Elbvertiefung droht eine weitere Verzögerung, erstmals seit Jahren gibt es Konflikte bei der Unterbringung von Flüchtlingen – und in drei Wochen steht nicht nur die Bundestagswahl an, sondern auch der Volksentscheid über den vollständigen Rückkauf der Energienetze.

Die Materie ist komplex, die Ausgangslage klar: Die Stadt hat sich unter dem SPD-Senat mit 25,1 Prozent an den von Vattenfall und E.on betrieben Hamburger Strom-, Gas- und Fernwärmenetzen beteiligt und dafür rund 544 Millionen Euro bezahlt. Die Volksinitiative „Unser Hamburg – unser Netz“ will nun durchsetzen, dass die Stadt das gesamte Netz zurückkauft für weitere rund 1,5 Milliarden Euro.

Beim Volksentscheid geht es also um die Frage 100 oder 25,1 Prozent – CDU, FDP und weite Teile der Wirtschaft unterstützen den Bürgermeister. Der gibt sich beim Interview im historischen Amtszimmer des Rathauses kämpferisch.

Herr Bürgermeister, Sie haben sich auch persönlich sehr gegen den vollständigen Rückkauf der Energienetze engagiert: Wäre es für Sie auch eine persönliche Niederlage, wenn die Initiative sich beim Volksentscheid in drei Wochen dennoch durchsetzen würde?

Ich werbe dafür, dass die Hamburgerinnen und Hamburger beim Volksentscheid mit Nein stimmen. Angesichts der hohen Schulden unserer Stadt sollten wir das Risiko nicht eingehen, insgesamt zwei Milliarden Euro für die Versorgungsnetze auszugeben.  Aber: Volksentscheide sind eine vernünftige Ergänzung der parlamentarischen Demokratie. Dementsprechend ist die Entscheidung über die Netze ist eine Abstimmung über eine Sachfrage.

Würden Sie bei einer Niederlage mit all ihrer Kraft und der Kompetenz der Verwaltung umsetzen, was die Initiative will: den kompletten Rückkauf der Strom-, Gas- und Fernwärmenetze?

Eindeutig ja. An uns wird es nicht scheitern.

Bürgermeister Olaf Scholz vor Heizungsrohren im Keller des Hamburger Rathauses
Olaf Scholz vor Heizungsrohren im Keller des Hamburger Rathauses. Foto: jmw

Was sind die größten Risiken, wenn Hamburg die Netze ganz zurückkauft?

Der Rückkauf wäre eine Spekulation, die schief gehen kann. Es ist ein wenig wie mit Schiffsfonds oder früher mit Immobilien in Ostdeutschland. Theoretisch kann man gewinnen. Aber wenn es ins Auge geht, wird es sehr teuer. In diesem Fall für uns alle. Es ist eine sehr hohe Summe, mit der wir uns verschulden müssten. Zu den 544 Millionen Euro, die wir für den Kauf von 25,1 Prozent der Netze bezahlt haben, kämen noch einmal rund 1,5 Milliarden Euro. Damit würden wir unser Gemeinwesen sehr anfällig machen. Ich kann davon als Bürgermeister nur abraten.

Mehrere Sachverständige, die in der Bürgerschaft gehört wurden, kamen zu dem Schluss, dass sich das Geschäft binnen etwa 20 Jahren amortisieren könnte: Durch die Gewinne des Netzbetriebs, die von der Bundesnetzagentur festgelegten Entgelte, würde man also Tafelsilber wieder aufbauen. 

Schön wärs. Aber so einfach ist das nicht. Die Bundesnetzagentur will nicht, dass die Betreiber zu hohe Gewinne machen, die ja die Verbraucher finanzieren müssten. Die Regulierungen dieser Behörde haben in der jüngeren Vergangenheit dazu geführt, dass immer mehr Kommunen, die Strom- und Gas-Netze besitzen, sich heute Sorgen machen, mit den Netzen in die Verlustzone zu rutschen. Wenn der jetzige Trend anhält, kann es dazu kommen, dass diese Kommunen irgendwann auf Netzen sitzen, die nichts mehr abwerfen. Im schlimmsten Falle werden die Netze zum Zuschussgeschäft.

Wenn das alles so riskant ist: Warum kämpfen Vattenfall und Eon dann so sehr darum, die Netze behalten zu dürfen?

Es ist so, dass man mit Energienetzen Geld verdienen kann. Richtig ist aber auch, dass vielen das nicht gelingt. Es ist plausibel, dass Unternehmen, die über viele Jahre die Expertise und das Know How entwickelt haben, sich den Netzbetrieb zutrauen. Die Gewinne hängen ja von der Effizienz des Netzbetriebs ab. Aber: Die für die Energiewende wichtige Frage, wie Energie erzeugt wird, hat mit dem Netzbetrieb nichts zu tun. Sie können als Netzbetreiber auch nicht verhindern, dass weiter Atomstrom durchgeleitet wird. Deswegen habe ich die Initiative oft gefragt: Was wollt ihr mit dem Netz überhaupt anfangen? Eine plausible Antwort habe ich nie gehört.

Man kann damit Geld verdienen, könnte eine Antwort sein. Außerdem argumentieren die Anhänger des Rückkaufs: Wir wollen nicht, dass die Stromnetze Vattenfall gehören. Die haben die Bundesrepublik gerade auf 3,5 Milliarden Euro Schadenersatz wegen des Atomausstiegs verklagt. Sie bauen neue Atomkraftwerke in Schweden. Und sie denken sowieso über einen Rückzug aus Deutschland nach. So jemand ist kein Freund, kein Partner für unsere Energiewende, wird dann gesagt.

Wenn ich mit Unternehmen eine gemeinsame Gesellschaft für die Energienetze gründe, wie wir es mit Eon und Vattenfall getan haben, dann schließe ich keine Freundschaft. Man muss auch nicht heiraten. Wir verfolgen lediglich gemeinsame Interessen. Diese beiden Unternehmen verfügen über eine hohe Expertise im Betrieb von Netzen. Man kann Vattenfall vorwerfen, dass sie Atomkraftwerke in Deutschland betrieben haben. Wenn wir die HEW aber nicht verkauft hätten, würden diese Atomkraftwerke heute uns selbst gehören. Man sollte sich vor Polemik hüten.

Und wenn Vattenfall sich aus Deutschland zurückzieht, wie es Europa-Chef Hatakka kürzlich wieder angedeutet hat? Dann wäre ihr Partner futsch.

Bleiben wir mal logisch: Zu konstatieren: „Die wollen unbedingt das Stromnetz behalten“ und gleichzeitig sagen: „Die wollen sowieso gehen“, das passt doch nicht zusammen.

Doch. Weil Vattenfall das Deutschlandgeschäft womöglich viel besser verkaufen könnte, wenn das Unternehmen wieder die wertvolle Konzession für die Hamburger Netze hat. 

Uns wurde gesagt, dass man Partner in Hamburg bleiben will. Für den Fall, dass es doch Veränderungen geben sollte, wäre das auch kein Problem. Wir haben uns alle notwendigen Rechte vertraglich gesichert, die uns Handlungsfreiheiten sichern. Es gibt dazu mehrere Klauseln in den Verträgen, die wir mit Vattenfall und Eon geschlossen haben.

Würde die Stromkonzession wieder neu ausgeschrieben, falls Vattenfall sich zurückzieht?

Nein, denn um die Hamburger Stromkonzession, die für die Zeit ab 2015 neu vergeben wird, bewirbt sich ja unsere gemeinsame Netz-Gesellschaft, an der die Stadt derzeit 25,1 Prozent hält. Würde Vattenfall aussteigen, könnte ein anderes Unternehmen einsteigen. Aufgrund der vertraglichen Regelungen könnten wir aber Einfluss darauf nehmen, wie dies geschieht. Wir könnten als Stadt auch selbst die Anteile von Vattenfall übernehmen.

Bei der Befragung der Sachverständigen in der Bürgerschaft hat kein einziger Experte sich für Ihr 25,1-Prozent-Modell ausgesprochen. Es hieß dort: Null Beteiligung ist okay, oder mindestens 50,1 Prozent. Die 25,1 aber seien teuer und sinnlos. Irritiert sie das nicht?

Da haben Parteien, die gegen jede Beteiligung sind, Experten geladen, die sich gegen jede Beteiligung ausgesprochen haben. Und Parteien, die für eine Mehrheitsbeteiligung sind, hatten Experten, die sich für Mehrheitsbeteiligungen ausgesprochen haben. Das irritiert mich nicht. Das folgt einer gewissen Logik.

Auch der SPD-Experte mochte das 25,1-Prozent-Konstrukt nicht. Es gibt auch wenige in Deutschland, die das machen. Ihre Parteifreunde im Bund und in andern Bundesländern plädieren eher für Mehrheitsbeteiligungen, etwa Klaus Wowereit in Berlin.

Ich kenne die Haushaltslage unserer Stadt. Deswegen gebe ich ungern mehr Geld aus, als ich für nötig halte. Es gibt gelegentlich Risiken, die man eingehen muss. Aber man muss in solchen Situationen hart verhandeln und nüchtern kalkulieren. Alles, was ich mit den Netzen erreichen will – hohe Investitionen, damit es stabil ist und damit es für die Erfordernisse der Energiewende modernisiert wird – all das erreiche ich mit den 25,1 Prozent und den Verträgen, die wir geschlossen habe. Es macht keinen Sinn, mehr zu kaufen, als man braucht. Übrigens: Es gibt im Norden auch knapp 200 Kommunen, die auf eine ähnliche Minderheitsbeteiligung setzen wie wir.

Wir erleben ja derzeit einen ziemlich hitzigen Kampf um den Volksentscheid, da geht es zum Teil auch sehr polemisch zu. Mal ehrlich, Herr Bürgermeister: Sind nicht beide Möglichkeiten, 25,1 und 100 Prozent, in sich logisch? Also beide auch irgendwie vernünftig? Geht es da nicht vor allem um die politische Grundfrage, wie stark sich der Staat als Unternehmer engagieren soll?

Nein. Das hätten einige vielleicht gerne, dass sie sich nicht mit Fakten aufhalten müssen. Es geht aber um die Fakten. Es geht darum, dass viele Hamburger nach den Problemen bei HSH Nordbank und Elbphilharmonie keine neuen Großprojekte und finanziellen Abenteuer wollen, bei denen erst am Schluss klar ist, wie die Rechnung für Stadt und Steuerzahler aussieht. Es geht um die Frage: Wie schaffen wir in Hamburg möglichst viel Energiewende mit möglichst wenig öffentlichem Geld. Für die Daseinsvorsorge brauchen wir nicht 100 Prozent Netzeigentum. Jeder Verbraucher kann sich seinen Energieversorger in Hamburg aussuchen, einen kommunalen Energieversorger haben wir auch schon, und billiger wird es bei 100 Prozent auch nicht.

Ein ganz anderes Problem, das die Stadt gerade sehr beschäftigt, ist die stark steigende Zahl von Flüchtlingen. Ist Hamburg darauf vorbereitet?

Die wachsende Zahl von Flüchtlingen ist eine große Herausforderung.  Die größte Schwierigkeit rührt daher, dass die Zahlen so plötzlich steigen. Wir haben eine sehr geringe Leerstandsquote und einen Wohnungsmangel. Das heißt: Gebäude und Flächen für Unterkünfte sind in Hamburg schwer zu finden. Aber wir geben uns alle Mühe, das hinzubekommen. Und wir werden am Ende Lösungen finden. Wir wollen dabei vermeiden, dass sich die Unterbringung in wenigen Stadtteilen konzentriert.

Das heißt: Auch in Stadtteilen wie Blankenese oder Eppendorf oder Harvestehude direkt an der Alster könnten Flüchtlingsunterkünfte entstehen?

Es gibt keinen Stadtteil, bei dem wir sagen: Da kann man das doch nicht machen. Auch in den Gegenden, wo die Bürger gut verdienen, muss es Unterkünfte geben können. Das war in Hamburg schon immer so. Es hat immer schon gut funktioniert. Und ich bin froh und auch dankbar, dass die Hamburgerinnen und Hamburger so sachlich mit diesem schwierigen Thema umgehen.

Bei Hagenbeck soll auch eine Unterbringung entstehen. So glücklich ist man bei den Verantwortlichen dort nicht darüber. 

Wir sind überzeugt, dass diejenigen, die dort einziehen, keine Probleme für das Zusammenleben in dem Stadtteil mitbringen. Wir können natürlich nicht ausschließen, dass wir Flächen nutzen müssen, für die man sich bisher etwas anderes vorgestellt hatte. Wie gesagt: Wir haben nicht gerade einen Überschuss an ungenutzten Flächen in der Stadt.

Ist es denkbar, dass man wieder Flüchtlingsschiffe einrichtet?

Das ist im Moment kein Thema. Auch für Schiffe bräuchte man ja geeignete Standorte oder besser gesagt: Liegeplätze.

Es heißt, viele der Flüchtlinge hätten angesichts ihrer Herkunftsländer keinen Anspruch auf Asyl. Ist es für die Stadt, aber auch für die Menschen selber, dann überhaupt vertretbar, dass die Asylverfahren so lange dauern?

Ich war immer für eine Beschleunigung dieser Verfahren. Angesichts der steigenden Flüchtlingszahlen fordere ich den Bundesinnenminister auf, das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge jetzt schnell personell besser auszustatten, um die Verfahren deutlich zu beschleunigen. Es ist ja auch für die Antragsteller wichtig, möglichst schnell Klarheit zu bekommen.

Nun könnte man auch sagen: Uns Deutschen mit unserer Geschichte steht eine so harte Haltung in der Flüchtlingspolitik nicht gut zu Gesicht. Und es ist auch nicht in Ordnung, die EU-Länder, die Außengrenzen mit Nicht-EU-Ländern haben, mit den Flüchtlingen allein zu lassen. Denn es ist ja klar, dass jeder Asylbewerber, der auf dem Landweg nach Deutschland kommt, sofort wieder weggeschickt wird – weil er auf jeden Fall durch einen so genannten sicheren Drittstaat gekommen ist. 

In Deutschland finden 23 Prozent aller Flüchtlinge Zuflucht, die nach Europa kommen. Das sind mehr als in Spanien oder Italien. Auch die Zahl der Flüchtlinge pro 1000 Einwohner ist in Deutschland höher als in vielen anderen Ländern. Der Vorwurf, Deutschland würde sich da vor seiner Verantwortung drücken, der gelegentlich erhoben wird, ist durch Fakten nicht untermauert. Im Gegenteil.

Glauben Sie in der jetzigen Lage an die Solidarität der Hamburger mit den Flüchtlingen? Oder müssen wir Ausschreitungen wie in Berlin fürchten?

Ich wünsche mir, dass alle gemeinsam verstehen, dass das ein schwieriges Problem ist. Dass Flüchtlinge zu uns kommen, hat damit zu tun, dass es nicht überall auf der Welt so gut zugeht wie bei uns. Unzählige müssen um Leib und Leben fürchten und brauchen Schutz. Ich bin aber überzeugt, dass wir das in Hamburg gemeinsam hinkriegen werden. Ich glaube nicht, dass es bei uns zu Szenen  wie in einem Stadtteil von Berlin kommt. Viele Kirchengemeinden, aber auch viele Hamburgerinnen und Hamburger privat sind ja sehr engagiert. Und dass Vieles auch ehrenamtlich für die Flüchtlinge unternommen wird, hilft ungemein. Der Staat wäre überfordert, wenn er auf sich allein gestellt wäre.

Müssen wir damit rechnen, dass die Zahlen weiter steigen?

Schwer zu sagen. Wer allein die Nachrichten aus Syrien sieht, der weiß, dass das nicht folgenlos bleibt.. Man kann aber nicht seriös vorhersagen, was in den nächsten Jahren geschieht – in Syrien und anderen Ländern, aus denen Flüchtlinge kommen.

Gegenüber den Flüchtlingen aus Nordafrika, die über Italien gekommen sind, haben sie eine harte Linie angekündigt. Die Männer sind aber noch immer hier. Wie geht das weiter?

Wer einen Asylantrag stellen will, kann das tun. Aber dafür müssen die Männer sagen, wer sie sind und ihr Fluchtschicksal schildern.Wir halten uns streng an Recht und Gesetz. Und ich hoffe, dass niemand die falsche Hoffnung weckt, dass diese Männer einfach bei uns bleiben können. Wenn stimmt, was die aus Italien eingereiste Gruppe über sich in den Medien verbreitet, haben die Männer nämlich bei uns keine Perspektive.

Sind diese Männer vielleicht auch Weihnachten noch da?

Das kann niemand sagen.

Ein ganz anderes Problem: die Elbvertiefung. Es heißt, das Bundesverwaltungsgericht willdas Verfahren nach Luxemburg geben. Das würde das Verfahren erheblich verlängern. 

Nachdem wir gesehen haben, welche Bedeutung das Gericht der europäischen Wasserrahmenrichtlinie für das Weserverfahren beigemessen hat und unsicher ist, wie sie auszulegen ist, hat die Wasser- und Schifffahrtsdirektion eine Untersuchung in Auftrag gegeben, um zu zeigen: Selbst bei strengster Auslegung der Rahmenrichtlinie ist eine Genehmigung der Elbvertiefung möglich. Wir versuchen, das Gericht davon zu überzeugen. Dann wäre eine Einbeziehung des Europäischen Gerichtshofs nicht nötig.

Es holt sie ein wenig das ein, was Sie im Wahlkampf 2011 gesagt haben. Sie haben dem Vorgängersenat vorgeworfen, das Verfahren zur Elbvertiefung nicht gut und intensiv genug zu betreiben. Die Elbvertiefung müsse jetzt schnell kommen. Das ist fast drei Jahre her. Scheint alles doch nicht so einfach zu sein, oder?

Zu Recht haben wir der früheren Regierung vorgehalten, dass sie nicht alles Nötige getan hat. Deshalb habe ich ja auch selbst die Gespräche in Brüssel geführt, und wir haben uns mit der EU, mit Niedersachsen und Schleswig-Holstein geeinigt. Wir sind so weit wie noch nie. Dass Gerichtsverfahren mit Unwägbarkeiten verbunden sind, das ist in einem Rechtsstaat so. Alles, was die Stadt tun konnte, ist getan. Jetzt müssen wir darauf setzen, dass das Gericht sich überzeugen lässt.

Kann in dieser Wahlperiode, also bis Anfang 2015 noch gebaggert werden?

Wenn es in diesem oder dem nächsten Jahr grünes Licht gibt, geht es schnell los. Die Baumaßnahme dauert insgesamt etwa zwei Jahre, aber die wichtigsten Erleichterungen für die Schifffahrt treten schon in sechs Monaten ein.

Die Grünen sagen immer: Macht doch lieber einen Kompromiss mit den klagenden Umweltverbänden!

Schon die früheren Verantwortlichen haben versucht, mit den Klägern Kompromisse zu erzielen. Wir auch. Wir haben auch mit den meisten Kompromisse hinbekommen. Mit Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Mit Gemeinden an der Unterelbe. Mit den Obstbauern. Und mit vielen anderen. Anders als im amerikanischen Recht gibt es bei uns aber keinen Zwangsvergleich. Das heißt: Wenn die Mehrheit Ja zu einem Kompromiss sagt, kann selbst ein einzelner Verbliebener weiterklagen und das Projekt blockieren. Mit der Forderung „macht doch einen Kompromiss“ allein macht man es sich zu einfach.

Mit anderen Worten, ein Kompromiss ist unmöglich? 

Wenn uns jemand sagt, verzichtet doch auf die Fahrrinnenanpassung, dann ist das kein Kompromiss. Wir sind immer zu Gesprächen bereit. Aber eines ist nicht verhandelbar: Wir müssen den Hamburger Hafen, einen der erfolgreichsten und wichtigsten Häfen der Welt, modern und konkurrenzfähig halten. Der Hamburger Hafen ist für Hamburg, für die Wirtschaft Deutschlands und Europas von größter Bedeutung. Er schafft Arbeit für Hunderttausend. Deshalb ist es nötig, die Fahrrinne der Elbe anzupassen.

Verabschiedet hat sich der Senat derweil vom Projekt Großflughafen Kaltenkirchen. Brauchen wir im Norden kein eigenes Drehkreuz mit Interkontinentalflügen?

Der Hamburger Flughafen ist ein internationaler Flughafen mit Langstreckenverbindungen. Er könnte auch mehr Interkontinentalverkehr bewältigen, wenn die Fluggesellschaften weniger Verkehr über die Drehkreuze abwickeln wollen. Unsere Entscheidung war absolut richtig. Kaltenkirchen hätte zwei Landebahnen gehabt. Die haben wir in Hamburg auch. Kaltenkirchen hätte maximal 15 Millionen Passagiere gehabt. Wir haben allein 13,7 Millionen. Unser Flughafen ist planrechtlich gesichert, und man muss in ihn nicht Milliarden investieren in der Hoffnung, diese Investition wieder  zurückzuverdienen. Hamburg ist der wirtschaftlichste Flughafen Deutschlands. Wir können alle erwarteten Verkehre bewältigen.

Sie könnten aber viele Wohnungen auf dem heutigen Flughafengelände bauen. Und wir hätten keinen Fluglärm mehr in der Stadt.

Die Flugzeuge werden immer leiser. Das heißt: Wir können mehr Passagiere in die Luft bringen, werden aber weniger Lärm haben. Außerdem will ich die gut 8000 Arbeitsplätze bei Lufthansa Technik nicht verlieren. Im Übrigen glaube ich: Eine Ursache der Hamburger Wirtschaftskraft ist, dass der Hafen, Messe, Bahnhof und Flughafen mitten in der Stadt sind. Das ist die Grundlage unseres Erfolges. Die technologische Entwicklung ist bei all dem auf unserer Seite, denn zukünftig werden wir mehr Verkehr mit weniger Lärm und Emissionen bewältigen können.

In drei Wochen ist ja nicht nur Volksentscheid, sondern auch Bundestagswahl. Macht der Wahlkampf angesichts der schlechten Umfragen und der fehlenden Wechselstimmung überhaupt noch Spaß? 

Wir kämpfen um einen Auftrag der Wählerinnen und Wähler. Das tun wir in den Hamburger Wahlkreisen. Und im Bund. Wir alle haben bei der Niedersachsen-Wahl erlebt, dass die Vorhersagen manchmal nicht eintreten, und dass es sich lohnt, bis zur letzten Minute Überzeugungsarbeit zu leisten. Auch wenn es unserem Land gut geht, geht es nicht allen in unserem Land gut. Wir müssen mehr für den Zusammenhalt tun. Und darum geht es am 22. September.

Es sieht nicht nach einer Mehrheit für Rot-Grün aus, womöglich auch nicht für Schwarz-Gelb. Die SPD hätte dann die Wahl zwischen einen Rot-Rot-Grünen Bündnis, einer Großen Koalition oder einer Ampelkoalition mit Grünen und FDP. Wozu raten Sie Ihrer Partei?

Zunächst einmal rate ich allen – auch den Journalisten dieses Landes – dass sie die Demokratie ernst nehmen und die Wahl nicht für gelaufen halten, bevor sie stattgefunden hat. Das Schöne an der Demokratie ist, dass die Bürgerinnen und Bürger entscheiden – und nicht Strategen in Parteizentralen oder Redaktionen. Warten wir also ab. Klar ist: Wir machen keine Koalition mit der Partei „Die Linke“. Und wir lassen uns auch nicht von ihr tolerieren.

Wie ist ihre Zielmarke für Hamburg? 

Wir wollen alle sechs Wahlkreise direkt gewinnen.

Wieviel Prozent soll die SPD in Hamburg holen?

Ich halte mich daran, was ich eben geraten habe. Wir lassen die Bürgerinnen und Bürger entscheiden. Und wir werden das Ergebnis in gute Politik umsetzen.

Dieses von Jens Meyer-Wellmann am 28. August geführte und in dieser Form vom Hamburger Bürgermeister Olaf Scholz am 30. August autorisierte Interview ist in leicht gekürzter Version am 1. September 2013 im Hamburg-Teil der „Welt am Sonntag“ und bei WELT ONLINE erschienen. Die Passagen zur Beschleunigung der Asylverfahren und zur Aufgabe des Projekts Großflughafen Kaltenkirchen erschienen am 2. September in WELT und „Hamburger Abendblatt“ in Form eines Fließtextes.
Jens Meyer-Wellmann
Mehr über mich unter: http://www.meyer-wellmann.de

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