Jahrelang hat er als Sprecher der Kammerrebellen der Führung der Handelskammer Hamburg eingeheizt. Nun ist er selber Chef. Mein Abendblatt-Porträt des neuen Präses Tobias Bergmann – seines Zeichens Bayer, Boxer und frisch verliebt.
Nein, zufällig passiert so etwas nicht. Die Februar-Revolution in der Handelskammer Hamburg war kein Gaga-Gag der Geschichte und auch kein unvorhersehbarer Unfall – sie ist das Ergebnis eines ausgefeilten Plans, einer langfristigen Strategie, mit der ein einzelner mittelalter Mann Dutzende meist älterer Herrschaften ausgekontert hat, die sich für die Elite der Kaufmannschaft hielten. Dieser Mann ist 45 Jahre alt, heißt Tobias Bergmann, stammt aus Niederbayern, boxt beim SV Wilhelmsburg, und manche behaupten, er habe etwas von einem Kobold.
Das liegt vielleicht daran, dass er nicht überragend groß ist, sehr schnell und energisch spricht – und wohl auch an seinem stakkatohaften, atemlosen Lachen und der breit-verschmitzten Grimasse, die er dabei bisweilen zieht. Außerdem sagt man Kobolden ja nach, dass sie gern piesacken, aber in Wahrheit gutmütig sind und das Haus beschützen. Als Bergmann 2011 als aufmüpfiger Einzelkämpfer ins Kammerparlament gewählt wurde, belächelten die meisten eingesessenen Kaufmannsvertreter den Unternehmensberater, der die Hamburger Niederlassung des dänischen Beratungskonzerns Ramboll mit ins Leben gerufen und sich 2009 mit der Firma Nordlicht selbstständig gemacht hatte, noch als putziges Kerlchen.
Das Belächeln ist ihnen vergangen. Denn am vergangenen Donnerstag ist der im bayerischen Langquaid zwischen Regensburg und Landshut aufgewachsene Sozialdemokrat zum neuen Präses der Handelskammer gewählt worden. Seine Mitstreiter vom Bündnis „Die Kammer sind WIR!“ haben bei der Wahl 55 der 58 Sitze im Plenum ergattert – und fast alle der Mandatsträger von 2011 sind aus dem Kammerparlament geflogen.
Er nutzt das Modell der „brennenden Plattform“
Nicht nur die lange Geheimniskrämerei um das Jahresgehalt von Hauptgeschäftsführer Hans-Jörg Schmidt-Trenz und dessen schließlich veröffentlichte erstaunliche Höhe von mehr als 500.000 Euro hatte den Rebellen Unterstützer und Spender zugeführt. Ihr Kantersieg war auch Folge einer durchdachten Langfriststrategie und einer professionellen Kampagne mit Logo und einer sehr hohen Zahl von Kandidaten – und des Versprechens, von 2020 an keine Zwangsbeiträge mehr zu erheben.
„Die Abschaffung ist unsere ‚Burning Platform'“, sagt Unternehmensberater Bergmann. In der Beratersprache ist die „brennende Plattform“ ein Bild für eine extrem gefährliche Situation, die genutzt wird, um große Einheiten zu rascher Veränderung zu zwingen. Die Unternehmer hätten sich nun mit großer Mehrheit gegen Zwangsbeiträge ausgesprochen. Damit haben sie die Hütte angezündet, denn die neue Führung muss nun rasch zeigen, dass Firmen für gute Arbeit auch freiwillig zahlen und die Kammer ihre gesetzlichen Aufgaben ohne Pflichtzahlungen erfüllen kann.
Durch das „Raus aus dem Korsett“ der bequemen Zwangsbeiträge solle sie zu einer „Plattform von Unternehmern werden, die ihre Fantasie einbringen“, sagt der Hobby-Eishockey-Spieler, der Bodychecks auszuteilen, aber auch einzustecken weiß. Nicht mehr die noch 260 Mitarbeiter sollen die „Denkfabrik“ sein, sondern die Unternehmer selbst.
Fest verwurzelt in der SPD
Bergmanns vor Jahren noch größenwahnsinnig erscheinender Entschluss, die Kammer zu erobern und umzubauen, speiste sich aus zwei Quellen: seiner Sozialisierung und einem Erweckungserlebnis. Er sei in einem „durch und durch politisierten, sozialdemokratisch verwurzelten Haushalt“ aufgewachsen, sagt der neue Kammerboss. Geboren wurde er 1971 in Niederbayern als Sohn zweier Grundschullehrer: einer Mutter, die sich gegen Ronald Reagan und für die sandinistische Revolution in Nicaragua engagierte, und eines Vaters, der später SPD-Ortsbürgermeister wurde.
Mit 17 tritt Tobias Bergmann in die SPD ein und geht zur sozialistischen Jugendorganisation Die Falken. 1991 wird er deren Landesvorsitzender in Sachsen. Dass er seinen Eltern gleichwohl nicht alles nachmachen will, zeigt er schnell: Er studiert in Dresden Volkswirtschaftslehre und steigt danach in Köln in die Unternehmensberatungsbranche ein – aus Sicht von Alt-68er-Lehrereltern nicht unbedingt der moralisch einwandfreiste Beruf. Auch wenn Bergmann betont, dass er stets im Non-Profit-Bereich arbeite: „Ich wollte Unternehmer sein.“ Für ihn gehörten nicht nur Gerechtigkeit, Solidarität und Freiheit zum sozialdemokratischen Credo, sondern auch Leistungsbereitschaft.
Die Arroganz der Kammerherren machte ihn wahnsinnig
Mit dieser Einstellung unterstützt Bergmann 2003 die Agenda 2010 von SPD-Kanzler Gerhard Schröder und hilft mit der Beratungsfirma Ramboll beim Aufbau des ersten Jobcenters für Hartz IV in Hamburg. Ein weiterer Unterschied zu seinen Eltern: Lust auf Politik habe er immer gehabt, aber nicht auf endlose Gremien- und Parteisitzungen.

Da bietet sich die Handelskammer an. Die hat in Hamburg auch politische Macht – ihr Plenum aber tagt nur einmal im Monat. Sein Erweckungserlebnis hat Bergmann, seit jeher kompromissloser Anhänger des Mindestlohns, am Rande einer Veranstaltung. Da habe einer der alten Herren der Kammer ihm auf „neunmalkluge Weise“ zu „erklären“ versucht, dass Unternehmer natürlich gegen den Mindestlohn sein müssten. Dabei sei er doch selbst Unternehmer, so Bergmann. Natürlich könne man gegen Mindestlohn sein, aber diese allwissende Attitüde habe ihn wahnsinnig gemacht. „Ich bezahle den mit meinen Beiträgen, und der hört mir nicht einmal zu.“
Also entschließt sich der bis heute an seiner Sprache sofort als Bayer zu identifizierende Bergmann 2011 zu seiner ersten Kandidatur. Dass er es binnen sechs Jahren zum Präses schafft, verdankt er auch in seinen eigenen Augen nicht allein der Beraterfähigkeit, „in Prozessen zu denken“ – sondern auch den Fehlern der Gegenseite. „Die haben das brutal verzockt gegen uns“, sagt der Mann, den man → weiterlesen

Auch aus Senatskreisen heißt es, mancher habe sich bei der jüngsten Silvesterrede von Präses Fritz Horst Melsheimer statt Trotz einen etwas selbstkritischeren Ton gewünscht – schon aus strategischen Erwägungen. Ein kleines Zeichen wenigstens dafür, dass man begriffen hat, dass sich die Zeiten ändern. Dass man in einer Ära, in der die größten Wirtschaftsführer Kapuzenpulli tragen und wie ihre Mitarbeiter mitten im Großraum sitzen, etwas lockerer und demütiger agieren müsse.