Lieber einen Schutzengel

Himmlischer Beistand ist einem Besuch der Notaufnahme des Universitätsklinikums Eppendorf in jedem Fall vorzuziehen. Denn das Chaos im UKE könnte im schlimmsten Falle eher krank machen als gesund.

Wenn Paul wie am Spieß schreit, ist der Spaß vorbei. Unser Siebenjähriger neigt nicht zum Markieren (die Kleineren sind immer die härteren), und als er am Wochenende neben dem Ehebett liegt, weil er beim Gerangel mit dem großen Bruder rausgesegelt und mit dem Rücken auf einen Stapel Bücher und einen Haufen Lego-Darth-Vaders nebst imperialer Raumflotte gekracht ist, da halten wir vor Schreck die Luft an.

Er wimmert, er könne sich nicht bewegen. Eine Viertelstunde später ist der Krankenwagen da, und obwohl Paul die Beine spürt, wird entschieden: UKE, Notaufnahme. Sicher ist sicher.

Wenn nur die Retter das Vakuum in ihre Trage bekämen, damit das Ding sich aufpumpt. Hochmodernes Gerät. Aber neu, und wann funktioniert schon irgendwas beim ersten Mal? Also wälzen sie den Kleinen hin und her, längs und quer, und tragen ihn auf der wabbligen Matte wacklig die Treppe runter in den Krankenwagen. Die überflüssige Sirene soll wohl die Panne mit der Trage ausgleichen.

Das UKE: Ein Gewusel von Beinverletzten, Armverbrannten, schreienden Kindern, grantigen Alten und einem hektischen Heer von Pflegern und Schwestern. Nur keine Ärzte weit und breit.

Nach zwei, drei, vielen Stunden→ weiterlesen

Offenheit zahlt sich aus

Die Volksinitiative „Transparenz schafft Vertrauen“ will Hamburg zur Stadt der gläsernen Verwaltung machen. Alle städtischen Verträge, Gutachten, Senatsbeschlüsse etc. sollen frei zugänglich ins Internet gestellt werden. Ein Kommentar.

Gelegentlich muss man von lieb gewonnenen Legenden Abschied nehmen. Eine davon ist die der sogenannten Schwarmintelligenz, wonach das Zusammenspiel der vernetzten Massen im Internet stets in besonders kluge Entscheidungen mündet. Spätestens seit sich, wie kürzlich in Emden, der Mob über Facebook sogar zum Lynchen verabredet, dürfte dieser Mythos vollends zerstört sein.

Auch Niveau und Tonfall und die Hysterie vieler Internetdebatten sprechen nicht dafür, dass in der Summe aus dem Netz vor allem Intelligentes kommt. Aber das kann man ja auch nicht ernstlich erwarten.

Schließlich ist das Internet ein Kanal, eine Technologie, mehr nicht. Für das, was dort kommuniziert wird, sind die Nutzer selbst verantwortlich. Man würde ja auch nicht der Telefontechnik ankreiden, dass an Telefonen Unmengen dümmlicher Gespräche geführt werden.

Aber natürlich kann man das Internet auch klug nutzen – etwa politisch. Um die Bürger stärker einzubeziehen, sie mehr zu beteiligen und so die bisweilen lendenlahm wirkende Demokratie zu stärken – und umgekehrt: um die Regierenden besser zu kontrollieren.

Das ist auch das Ziel des Hamburger Transparenzgesetzes, das die Volksinitiative „Transparenz schafft Vertrauen“ anstrebt, die am Sonntag ihr Volksbegehren anmelden will. Danach sollen sämtliche Verträge, die die Stadt schließt, ins Internet gestellt werden, ebenso wie alle Verwaltungsvorschriften oder alle auf Kosten der Steuerzahler erstellten Gutachten und Statistiken.

Grundsätzlich ist dieser Ansatz richtig. Denn es muss auch mit einer zweiten Legende aufgeräumt werden: der Vorstellung, dass mit Herrschaftswissen ausgestattete Fachleute und Spitzenpolitiker stets weiser entscheiden, als das beteiligte Volk, als der Schwarm es tun würde. Man muss nur→ weiterlesen

Freund und Bolzenschneider

Manchmal hilft die Polizei auch beim Fahrradknacken. Man muss nur freundlich fragen.

Ich musste dieses Fahrrad einfach haben, ich wusste nur nicht, wie ich es knacken sollte, es war mit einem dicken Schloss an einen Poller vor der U-Bahnstation gekettet. Keine Ahnung, wie andere vorgehen, vielleicht schleichen sie sich nachts mit einem Bolzenschneider an, ziehen sich Mützen in die Stirn, schauen sich unauffällig um und dann mit aller Coolness und Gewalt, zack, durch das Schloss und ab dafür mit dem Drahtesel ihrer Träume.

Ich habe es anders gemacht, man muss gelegentlich neue Wege gehen, deswegen fuhr ich zur Polizeiwache und bat um Amtshilfe. Ich sprach ein wenig mit den netten Beamten, vermutlich lag es an meinem rhetorischen Talent, vielleicht hatten die freundlichen Herren auch bloß Lust auf eine verwegene Aktion, ein paar Minuten später jedenfalls packten sie den Bolzenschneider ein und begleiteten mich zur U-Bahnstation.

Okay, vielleicht sollte ich an dieser Stelle erwähnen, dass es sich bei dem Fahrrad, das ich unbedingt haben musste, um mein eigenes handelte. Ich hatte es bei Frost angeschlossen und später meinen Schlüssel im Schloss abgebrochen.

Der ADAC erklärte sich für unzuständig, meine Nachbarn haben keine Bolzenschneider, und ich hätte auch panische Angst gehabt, beim Aufbrechen meines eigenen Fahrradschlosses beobachtet, angezeigt und verhaftet zu werden. Gerade neben besagter Bahnstation schauen immerzu wachsame Nachbarn aus den Fenstern. Sehr sichere Gegend.

Also nahm ich→ weiterlesen

Markenkauf bei Lotto

Die Deutsche Post spart weiter bei der Kundenberatung. Dabei versteht nur jahrelang geschultes Fachpersonal das wirre Portosystem der einstigen Staatslogistiker. Ein erschütterndes Beispiel aus dem Hamburger Alltag.

„90.“
„Nee: 1,45.“
„Quatsch: 90.“

Ich stehe daneben, wie sie streiten, die Lottoladenfrau mit der rauchigen Stimme und der Schnauzbart mit Cappi und handschuhgroßem Kreuz um den Hals. Es geht um Briefmarken, wer kennt sich heute noch mit Briefmarken aus?

Früher gab es hier mal einen ordentlichen Beamtentresen, da hätte man gewusst, was auf meinen DIN-A-5-Briefumschlag zu kleben wäre. Aber jetzt existiert in diesem postverlassenen Teil Hamburgs nur noch dieser Lottoladen, der neben Glück, Zigaretten und Gazetten auch Briefmarken verkauft.

„Moment, ich guck ma ins Buch“, sagt die Lottofrau, und zieht zwei zerknautschte Hefte unterm Tresen hervor. „Welches war es noch?“

„Also“, räuspert sich der Bekreuzte, „eigentlich wollte ich nur Tabak.“

Und fügt, während die Lottofrau ihm wortlos ein Päckchen rüberreicht, lakonisch hinzu: „1,45. Ich sags Euch, einmal im Monat schick ich son Brief ans Amt. Immer 1,45.“

Sie hört nicht hin und wälzt eines der Büchlein.

„Hmm, was ist das denn hier also nun?“

Sie beäugt meinen Umschlag so argwöhnisch, als sei er gerade von einem UFO über ihrem Zeitschriftenregal abgeworfen worden. Großbrief? Maxibrief? Infopost? Standard? DIN B6? Oder C6? DIN lang?

„Ha!“, ruft sie nach zehn oder zwanzig Minuten und tippt energisch auf eine eingerissene Seite des 40seitigen ofiziellen Deutsche-Post-Porto-Guides. „Hier! 90 Cent, sag ich doch. Wenn er unter 100 Gramm wiegt.“

„1,45“, näselt das Cappikreuz ungerührt, während es sich die dritte Vorratskippe dreht.

Sie legt meinen Brief auf die flache Rechte und wirft ihn in die Luft. „20 Gramm vielleicht.“

Eine Waage hat sie natürlich nicht. Ist ja nicht die Post hier.

Ich vertraue ihr und kaufe eine 90er. Sie ist schließlich seit 30 Jahren Lottofrau.

„Um sicher zu sein, können Sie den Brief drüben in der Apotheke wiegen lassen. Das machen die oft für mich. Grüßen Sie schön.“

Die Apothekerin nickt.
15 Gramm.

„Ein Briefkasten ist hier aber nicht. Da müssen Sie ein paar hundert Meter die Straße hoch.“

Tatsächlich.

Am nächsten Tag liegt der Brief bei mir zuhause im Kasten. Mit einem gelben Aufkleber drauf: „Sehr geehrter Kunde→ weiterlesen

Hamburger Behörden im Drogenrausch

Am 16. Januar 2012 starb die elfjährige Chantal in einer Pflegefamilie in Hamburg-Wilhelmsburg an einer Methadonvergiftung. Wie WELT ONLINE recherchierte, waren die von der Stadt für das Kind ausgewählten Pflegeeltern drogenabhängig.  Ein Kommentar.

Die Stadt Hamburg hat ein achtjähriges Mädchen in eine Pflegefamilie mit offenbar drogenabhängigen Pflegeeltern gegeben. Da ist ein wegen Drogendelikten vorbestrafter Pflegevater, der gefährliche Hunde hält, eine Pflegemutter, die nach früherer Heroinsucht jetzt Ersatzdrogen nimmt, sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser hält und eine erwachsene Tochter hat, die wegen Kokainbesitzes im Gefängnis saß.

Würde jemand diese Geschichte als Drehbuch verfassen – niemand würde sie ihm abkaufen. Zu unglaubwürdig. Im Bezirk Mitte allerdings, wo vor fast drei Jahren schon die kleine Lara Mia stark unterernährt in einer vom Amt betreuten Familie starb, scheint genau dies geschehen zu sein. Wieder in Mitte.

Nachdem Chantal gut drei Jahre lang in der Wilhelmsburger Junkiefamilie gelebt hatte, ist sie am 16. Januar mit elf Jahren an einer Methadonvergiftung gestorben. Und was sagt der verantwortliche Bezirksamtsleiter Schreiber nach Bekanntwerden der Todesursache? „Wir achten aufs Kindeswohl, und das Kindeswohl war nicht gefährdet.“

Kindeswohl nicht gefährdet? In einer Junkiefamilie? Bei solchen Aussagen fragt man sich, ob sich die Verantwortlichen in Mitte womöglich selbst im kollektiven Drogenrausch befinden. Erst langsam → weiterlesen